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… und vergiss nicht, was er dir Gutes getan

Baum auf dem Feld  |  (c) dreamstime
18.10.2016
Über die geistliche Demenz unserer Gesellschaft
 
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Beitrag aus: antenne November 2016
Thema: Vertrauen
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Von Verena Birchler

Die ältere Generation kennt es bestimmt noch. Sogar Herbert Grönemeyer besingt es. Und auch in Schulen wird es noch gesungen: «Der Mond ist aufgegangen! » – das 237 Jahre alte Gedicht von Matthias Claudius. Wer dieses Gedicht einmal intus hat, bringt es nie wieder aus dem Gedächtnis. Ein Ohrwurm, der uns guttut.

Diese kleine Gute-Nacht-Predigt bringt uns in die Nähe Gottes. Wer auf youtobe.com die Interpretation von Herbert Grönemeyer schaut, ist augenblicklich angetan von Text und Melodie. Auch die Zuhörer lauschen in andächtiger Stille, lassen zu, dass da einer ein uraltes Gedicht, eine uralte Predigt zum Besten gibt.

Aus diesem Lied könnte man locker eine ganze Predigtreihe gestalten. Allein die ersten Zeilen jeder Strophe böten genügend Stoff. In der letzten Strophe heisst es: «So legt euch denn ihr Brüder, in Gottes Namen nieder; kalt ist der Abendhauch. Verschon‘ uns, Gott mit Strafen und lass‘ uns ruhig schlafen! Und uns’ren kranken Nachbarn auch!»

Dieses Lied drückt viel Gottvertrauen aus. Es ist die Sprache von jemandem, der viel mit Gott redet und über ihn nachdenkt. Diese Worte beweisen, dass hier einer mit Gott unterwegs sein möchte, und dass er sich seiner Stärken und Schwächen bewusst ist. Und es zeigt, dass jemand bewusst mit Gott in die Nacht und den nächsten Tag starten möchte. Es sind Gedanken, die zeigen, dass sich hier jemand auf Gott, auf Jesus verlassen möchte. Doch leider geht dieses Grundvertrauen immer mehr verloren. Unsere Gesellschaft hat weitgehend vergessen, wieviel Gutes wir in der Geschichte schon mit Gott erlebt haben. Man könnte es durchaus eine gesellschaftliche, geistliche Demenz nennen. Wir haben uns als Gesellschaft zwar eine gewisse religiöse Grundhaltung bewahrt. Aber die hat sich von einem reellen Leben mit Gott weit distanziert. Heute regt man sich ja schon auf, wenn man Kirchenglocken läuten hört. Gott hat seinen festen Platz verloren. Aber Gott ist das egal. Ob wir es merken oder nicht, er ist da und möchte uns immer wieder begleiten und Gutes in unser Leben bringen.

Zwischen Vertrauen und Vergessen
Wir können uns durchaus auch heute, 237 Jahre nach Matthias Claudius, täglich auf Jesus verlassen. Doch Erinnerungen an gute Erlebnisse und Vergessen liegen nahe beieinander. Diese Erfahrungen machten vor über 2000 Jahren auch Männer, die längere Zeit mit Jesus unterwegs waren. Sie waren mit Jesus unterwegs, wie an dem Abend, der im Lukas-Evangelium lebhaft beschrieben wird. Lukas 8,22-25: «Am Abend dieses Tages sagte Jesus zu seinen Jüngern: «Lasst uns über den See ans andere Ufer fahren!» Sie schickten die Menschen weg und ruderten mit dem Boot, in dem Jesus sass, auf den See hinaus. Einige andere Boote folgten ihnen. Da brach ein gewaltiger Sturm los. Hohe Wellen schlugen ins Boot, es lief voll Wasser und drohte zu sinken. Jesus aber schlief hinten im Boot auf einem Kissen. Da rüttelten ihn die Jünger wach und schrien voller Angst: «Herr, wir gehen unter! Merkst du das nicht?»

Sofort stand Jesus auf, bedrohte den Wind und rief in das Toben des Sees: «Sei still und schweig!» Da legte sich der Sturm, und es wurde ganz still. «Warum hattet ihr solche Angst?», fragte Jesus seine Jünger. «Habt ihr denn gar kein Vertrauen zu mir?» Voller Über die geistliche Demenz unserer Gesellschaft … und vergiss nicht, was er dir Gutes getan 4 | antenne | November 2016 THEMA | Entsetzen flüsterten die Jünger einander zu: «Was ist das für ein Mensch! Selbst Wind und Wellen gehorchen ihm!» Die Geschichte ist vielen bekannt. Und sicher waren die Jünger im Nachhinein froh, dass sie so nahe bei Jesus waren; ganz nach dem Motto: «Gott nahe zu sein ist mein Glück.»

Allerdings, nur weil eine Geschichte bekannt ist, heisst das noch lange nicht, dass wir diese auch verinnerlicht und begriffen haben. Deshalb fragt Jesus seine Männer: «Habt ihr denn kein Vertrauen?» Und im Lukas-Evangelium wird diese Frage noch erweitert mit den Worten: «Wo ist denn euer Glaube?»

Ich bin hier!
Man könnte sagen, dass Jesus fast ungläubig fragt: «Was, das kann doch nicht sein, dass ihr mir nicht vertraut. Wie geht das denn? Ihr glaubt nicht, dass ich euch bewahren kann? Aber ich bin doch da.» Vielleicht haben wir in unserer Gesellschaft früher tatsächlich stärker mit Gottes Wirken gerechnet. Zu Zeiten, als man sonntags noch regelmässig als Familie gemeinsam die Gottesdienste besuchte. Natürlich war das noch kein wirklicher Beweis, dass man eine Gottesbeziehung hatte. Aber immerhin war dieser Gott irgendwie noch präsent. Durch das Vergessen, durch die immer stärkere Selbstbestimmung haben wir Gott aus unserem privaten, aber auch aus dem öffentlichen Leben verdrängt.

Wenn wir uns Sorgen machen, bemühen wir eher einen Blick in die Horoskope und andere Lebenssinn- Agenturen als einen Blick in die Bibel. Für unseren Umgang mit Sorgen, mit Herausforderungen, Glücksmomenten und Schwierigkeiten gibt es Millionen Bücher aus der Ratgeberliteratur. Zu all diesen Büchern gibt es auch noch unzählige Spruchkarten mit Lebensweisheiten, die nicht wirklich helfen, wenn das Leben sich wie eine Fahrt auf der Achterbahn anfühlt. In solchen Zeiten wäre es hilfreich, wenn wir uns erinnern, dass es da einen Gott gibt, der uns nahe sein möchte. Der uns in Stürmen des Lebens helfen möchte, wie damals den Männern auf dem See. Es wäre stark, wenn wir in unserer Geschichte zurückblenden in all das, was wir mit Gott schon erlebt haben. Aber oft gelingt uns das nicht.

Wir leiden unter geistlicher Demenz
Warum müssen wir immer wieder neu buchstabieren, dass Gott da ist? Gott macht keine Ferien, bezieht keine Brückentage und Grippe bekommt er auch nicht. Er ist da und will uns im Alltag begleiten. Warum geht uns das nicht in Fleisch und Blut über? Ich denke, es gibt einen Begriff dafür: Könnte es sein, dass wir an geistlicher Demenz leiden?

Weshalb muss ich das immer wieder buchstabieren? Weshalb muss ich immer wieder in den Sorgenmodus kommen, bevor ich nachhaltig vertraue? Viele erleben das so. Der Grund ist einfach. Gott verschwindet immer wieder aus der eigenen Realität, aus dem Leben, aus unserem Denken.

Symptome, die helfen, die eigene geistliche Demenz zu erkennen

Vergesslichkeit
Wir erleben mit Gott spezielle Momente. Das können grossartige Dinge sein. Aber auch ganz kleine. Vielleicht hat Gott durch einen Traum in eine spezielle Lebenssituation gesprochen. Oder plötzlich haben sich Umstände verändert, die mein Leben neu geprägt haben. Wir freuen uns darüber. Je länger aber die zeitliche Distanz zu Gottes Wirken geht, umso mehr geraten diese Erfahrungen in Vergessenheit. Wir alle kennen Momente, in denen wir Gottes gutes Handeln in unserem Leben vergessen haben. Das gute, alte Tagebuch könnte uns helfen, unsere Erlebnisse mit Gott aufzuschreiben und dadurch am Leben zu erhalten. Oder kleine Zettel mit kleinen Notizen. Das macht uns auch sehr dankbar und hilft uns, Gott nicht zu vergessen.

Wir beziehen Gott nicht in unser Handeln mit ein
Viele Christen in unserem Land beten viel. Wir beten allein, in Hauskreisen, in Jugendgruppen, in Gottesdiensten. Wir beten, wenn wir uns Sorgen machen. Wir beten aus Dankbarkeit, wir sind durchaus betende Christen. Aber reden wir wirklich mit Gott wenn wir beten? Wenn wir ganz ehrlich sind, ist unser Beten oft eine akustisch hörbare Pflichterfüllung, die mehr einem Selbstgespräch, statt einem wirklichen Gespräch mit Gott gleicht. Es ist tatsächlich eine Herausforderung, echt mit Gottes Handeln zu rechnen.

Unsere geistliche Orientierung geht verloren
Dadurch, dass wir uns selber immer weniger mit den Texten der Bibel auseinandersetzen, kann Gott auch weniger durch seine Texte zu uns reden. Wir haben so viele hervorragende Theologen, die uns die Welt, die Bibel und Gott erklären, dass wir immer weniger selber denken. Dies hat durchaus auch mit unserem Schulsystem zu tun. In unseren Schulen und in unseren Ausbildungen werden wir auf Lernen «abgerichtet », weniger auf eigenständiges Denken. Wir liefern Prüfungen und Diplomarbeiten so ab, dass diese möglichst den Experten gefallen. Wir wissen was sie möchten, und wir möchten unseren Abschluss. Also geben wir ihnen das Gewünschte. Und so ist es auch in unseren Kirchen und Gemeinden. Wir schliessen uns meist einer bestimmten theologischen Richtung an. Und dabei verpassen wir vor lauter theologischer Richtigkeiten die Möglichkeit, dass Gott uns vielleicht ganz neue Seiten von ihm zeigen will.

Wir haben Schwierigkeiten uns auf Gott zu konzentrieren
Viele Christen haben in früheren Jahren eine sogenannte «Stille Zeit» praktiziert. Das bedeutete, dass man sich – meistens am Morgen – Zeit nahm, um die Bibel zu studieren, mit Notizen Gedanken festhielt und betend in den Tag ging. Die gute alte stille Zeit. Das war schon eine enorme Konzentrationsleistung. Heute muss ein Vers aus der Tageslosung reichen. Diese bekommen wir auch ganz bequem mit einer App auf’s Handy geliefert. Wir werfen vielleicht einen Blick drauf. Für mehr reicht es nicht. Denn dann geht der Tag schon los. Wir haben immer mehr Mühe, uns wirklich auf die Beziehung zu Gott zu konzentrieren. Unsere Tage sind so voller Impulse, dass wir nicht mehr zur Ruhe kommen. Ich war einmal mit dem Hund unterwegs, an einem heissen Tag. Wir gingen in der Thur, gegen die Strömung, das kann sehr anstrengend sein, auch wenn der Wasserpegel tief ist. Irgendwann waren wir müde, sogar der Hund. Und wir setzten uns hin. Uns wurde bewusst; wir müssen nicht immer mit oder gegen den Strom schwimmen. Manchmal sollten wir uns einfach nur hinsetzen. Hinsetzen und über Gott nachdenken. Über alles Gute, das wir mit Gott erlebt haben. Auch wenn das etwas Konzentrationsarbeit kostet.

Wir leiden an einer Sprachverarmung
Wir Christen haben eine eigene Sprache – das sogenannte Kanaanäisch. Wir finden für viele geistliche Prozesse keine Worte, weil wir diese verkürzt betrachten. Das beginnt schon bei Berufsbezeichnungen, die wirklich nur fromme Insider verstehen. Was ist ein Gemeindehirte? Viele können sich ja schon gar nicht mehr vorstellen, wie eine Herde Schafe aussieht. Viele denken dann, das könnte ein Schafhirte sein, der von der lokalen Behörde angestellt wird, um diese Tiere zu hüten. Oder bei Veranstaltungen, deren Titel bei genauerem Hinsehen einfach verwirrend sind. Beispiel: Konferenz für Gemeindepflanzung. Bitte? Was genau wird hier gepflanzt? Oder was ist ein Aussendungshaus? Ein Versandhaus im Dienste des Online-Handels? Menschen ohne christlichem Hintergrund schütteln da oft nur den Kopf. Und wir staunen dann, wenn wir nicht verstanden werden und schimpfen über die Gesellschaft, die sich immer weniger um Gott kümmert. Ja, wie denn, wenn wir in einer Sprache reden, die nur fromm sozialisierte Christen verstehen?

Es gibt sicher noch mehr Kennzeichen geistlicher Demenz. Jeder von uns könnte bei genauerem Nachdenken noch Erfahrungen hinzufügen. Aber bei den erwähnten Symptomen liegt es bei uns, diese aktiv zu gestalten.

Wenn wir wollen, dass Gott in unserer Gesellschaft wieder mehr Relevanz bekommt, müssen wir uns einen neuen Sprachmodus zulegen. Wenn wir klarmachen möchten, dass unsere westlichen Werte weitgehend auf den Zehn Geboten basieren, müssen wir diese verständlich leben und kommunizieren. Wenn wir möchten, dass Menschen sich zurück besinnen auf Gott, müssen wir über ihn reden. So können wir die «geistliche Demenz» auffangen und Menschen in der Schweiz wieder näher zu Gott bringen. Und auf diese Auswirkungen würde ich mich sehr freuen.

Der Mond ist aufgegangen
Der Mond ist aufgegangen,
die gold'nen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwarz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille
und in der Dämmrung Hülle
so traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
wo ihr des Tages Jammer
verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen
und ist doch rund und schön:
so sind wohl manche Sachen,
die wir getrost belachen,
weil uns're Augen sie nicht seh'n.

Wir stolzen Menschenkinder
sind eitel arme Sünder
und wissen gar nicht viel.
Wir spinnen Luftgespinste
und suchen viele Künste
und kommen weiter von dem Ziel.

Gott lass' dein Heil uns schauen,
auf nichts Vergänglich's trauen,
nicht Eitelkeit uns freu'n!
Lass' uns einfältig werden
und vor dir hier auf Erden
wie Kinder fromm und fröhlich sein!

Woll'st endlich sonder Grämen
aus dieser Welt uns nehmen
durch einen sanften Tod!
Und wenn du uns genommen,
lass' uns in Himmel kommen,
du unser Herr und unser Gott!

So legt euch denn ihr Brüder,
in Gottes Namen nieder;
kalt ist der Abendhauch.
Verschon' uns, Gott! mit Strafen
und lass' uns ruhig schlafen!
und uns'ren kranken Nachbarn auch!
Matthias Claudius

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( © Online-Redaktion ERF Medien)
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