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Liebe endet nicht am Kreuz

Pfarrer Ernst Sieber | (c) EVP/Wikipedia
15.04.2019
Liebe muss gesellschaftsrelevant sein. Liebe darf nicht am Kreuz enden. So wie auch für Jesus das Kreuz nicht das Ende war.
 
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Vor einem Jahr eroberte der Hashtag #Love die sozialen Medien. Am 19. Mai sass ich zusammen mit weiteren Millionen von Menschen vor dem Fernseher und schaute mir die Trauung von Prinz Harry und Meghan Markle an. Das Hochzeitsmärchen wurde zu einem Medienereignis, nicht zuletzt wegen der scharfgewürzten Predigt des US-amerikanischen Bischofs Michael B. Curry, der den englischen Adel doch leicht irritiert zurück liess. Am gleichen Tag starb Pfarrer Ernst Sieber, der unbequeme Streiter in Sachen «Liebe deinen Nächsten». Bei seiner Abdankung bekam diese Liebe viele Gesichter. Denn nebst den ganzen Prominenzen, waren da die Menschen von der Gasse. Ungepflegt, verstrubbelt, krank – aber mit leuchtenden Augen, wenn sie über «dä Pfarrer» redeten. Zwei Ereignisse – die Liebe im Zentrum. Liebe mit unterschiedlichen Facetten.

In anglikanischen Kirchen herrscht normalerweise eine streng liturgische Sprödheit. Doch an diesem 19. Mai durchbrachen Bischof Curry und ein toller Gospelchor die in Holzstühle gemeisselte Tradition. Die Predigt des Amerikaners machte die Liebe zum Thema. Aber nicht die Liebe zwischen zwei Menschen, wie sich das an einer Hochzeit gehört. Curry sprach über die Liebe, die die Welt verändern kann. Dabei ging er auf die Geschichte der Sklaven ein, zitierte Martin Luther King jr. und begeisterte damit Millionen von Zuschauern.

Millionen Menschen waren begeistert über eine Predigt

Gleich zu Beginn seiner Predigt zitierte der Bischof die Bürgerrechtsikone Martin Luther King jr.: «Wir müssen die Kraft der Liebe entdecken. Und wenn wir das tun, werden wir aus dieser alten Welt eine neue Welt erschaffen können. Liebe ist der einzige Weg.» Ich mag mich nicht erinnern, wann eine Predigt zum letzten Mal weltweit diskutiert wurde. In den sozialen Medien gab es Lob und Begeisterung, wie ich das noch nie gesehen habe. Lob für eine Predigt! Ich war selber total begeistert. Aber es dauerte nicht lange, schon kamen die ersten theologischen Kritiker auf den Plan. Es war schier unglaublich. Da nützt einer die Bühne, um vor einem Millionenpublikum leidenschaftlich über Gottes Liebe zu reden, und schon stehen die Warner auf dem Parkett. «All you need ist love» sei zu wenig, sagen die einen. Andere finden, die «Botschaft vom Kreuz» könne man nicht einfach mit etwas Liebe überpredigen.

«In der Liebe liegt die Macht, die uns zeigt, wie wir leben können. Das ist das Siegel auf dem Herzen, das Siegel auf dem Arm.»
Michael B. Curry, anglikanischer Bischof

Selten habe ich es so bedauert, dass man sich nicht einfach freuen konnte. Freuen über Aussagen wie «In der Liebe liegt die Macht zu helfen und zu heilen, wenn nichts anderes mehr hilft. In der Liebe liegt die Macht aufzustehen und sich zu befreien, wenn nichts anderes es schafft. In der Liebe liegt die Macht, die uns zeigt, wie wir leben können. Das ist das Siegel auf dem Herzen, das Siegel auf dem Arm.» Diese Worte sind Evangelium pur und hätten die Begleitworte für Pfarrer Ernst Sieber auf dem Weg in die neue Welt sein können.

Liebe und Leidenschaft verändern die Gesellschaft

Wie Bischof Curry war auch «dä Pfarrer» ein leidenschaftlicher Mensch. Auch ihn konnte man kritisieren. Ich habe ihn mehrmals interviewt, und ich war jeweils froh, wenn ich wenigstens die Richtung des Gesprächs so leiten konnte, wie ich es mir gedacht hatte. Pfarrer Sieber liess sich von keinem Journalisten in irgendeine Ecke treiben. Er kommunizierte ganz nach dem Prinzip: «Ich sage, was ich sagen möchte, ich sage es und sage, was ich gesagt habe.» Er war für uns Journalisten immer ein «harter Brocken». Doch einmal, bei Filmaufnahmen, erlebte ich ihn auf der Gasse und bei einem Sterbenden. Da war er, dieser andere Pfarrer: ruhig, empathisch, interessiert, kein Wort zu wenig, keines zu viel. War das derselbe, den ich sonst auf der Bühne erlebt habe? Wenn Pfarrer Sieber mit seinen Randständigen zusammen war, kam diese Liebe zum Tragen. Dann wurde dieses «All you need is love» tatsächlich zur Hoffnung für Menschen, die aus dem Drogensumpf nur noch in die Hölle sahen. «Dä Pfarrer» führte die Augen dieser Menschen hin zu Jesus. Zu dem, der ihnen mit vollkommener Liebe begegnen wollte. An der Abdankungsfeier im Grossmünster waren diese Randständigen mitten im Publikum. Sie scheuten sich auch nicht vor Zwischenrufen. Manch einer der anwesenden Anzugsträger schaute dann doch etwas irritiert zu diesen Menschen hin.

Die Liebe für den Nächsten kennt keine Zensur

Bischof Curry und Pfarrer Sieber – beide hinterlassen eine klare Liebesbotschaft. Liebe muss gesellschaftsrelevant sein. Liebe darf nicht am Kreuz enden. So wie auch für Jesus das Kreuz nicht das Ende war. Das Kreuz war der Anfang und für viele Menschen unverständlich. Die Liebe muss spürbare Auswirkungen für Menschen haben.

Nicht nur für Christen, die leider zu oft in ihrem wohltemperierten Biotop bleiben. Natürlich ist es gut, wenn Christen zusammen gemeinsam Zeit verbringen. Wenn aber 90 Prozent meines Lebens ausschliesslich in diesem Umfeld stattfindet, geht das Gespür für die ganze Gesellschaft verloren. Dann werden Möglichkeiten, wie Bischof Curry sie hatte, nur noch auf die theologische Richtigkeit hin zensuriert.

 

 

Er hat diesen Menschen zuerst die Liebe entgegengebracht, ohne ihnen das Kreuz um die Ohren zu schlagen.

Dass ein feuriger Prediger und ein leidenschaftlicher Täter des Wortes am gleichen Tag für Schlagzeilen sorgen, hat schon etwas Spezielles an sich.

Bischof Curry predigte 14 Minuten lang. Dabei sprach er auch die Führungsverantwortung vieler Anwesender an: «Stellen sie sich unsere Regierungen und Staaten vor, wenn Liebe ihr Wegweiser ist. Kein Kind ginge hungrig zu Bett in einer solchen Welt. Armut würde Geschichte werden in solch einer Welt. Die Erde wäre ein Zufluchtsort in einer solchen Welt.» Während Curry sich über die minutiös geplante Liturgie hinwegsetzte, machten nicht nur seine Worte Spass. Auch die verschiedenen Reaktionen der Upperclass- Gäste liessen mich schmunzeln. Den Blick der Queen werde ich nie vergessen: köstlich! Elton John schaute durch seine grosse, rosa Brille, als begegne ihm der leibhaftige Pop-Gott. Andere nahmen das alles mit britischem Humor und waren begeistert, dass sie sich mitten in einem völlig unerwarteten Ereignis fanden. Und während sie so da sassen und hörten, was das Feuer der Liebe alles bewirken konnte, ging im Rest der Welt die Social-Media-Post ab. Begeisterung pur. Völlig kirchenferne Menschen schrieben begeisterte Kommentare: «Was für ein Kirchenmann, da würde ich auch wieder in die Kirche gehen.» – «Liebe und Feuer – das brächte ordentlich Dampf in die braven christlichen Gemeinden.» Und während der eine voll Feuer predigte, verliess der andere die Welt und hinterliess viel Liebe.

«Stellen Sie sich unsere Regierungen und Staaten vor, wenn Liebe ihr Wegweiser ist.»
Michael B. Curry, anglikanischer Bischof

Pfarrer Siebers Vermächtnis ist die Wertschätzung aller Menschen. Mit seinem grossen Herzen bleibt er uns in Erinnerung als Anwalt der Schwächsten. Er hat diesen Menschen zuerst die Liebe entgegengebracht, ohne ihnen das Kreuz um die Ohren zu schlagen. Und dies, obwohl er immer wieder mit seinem grossen Kreuz unterwegs war. Aber bei Pfarrer Sieber hinterliess das Kreuz nicht das Gefühl einer Drohbotschaft, sondern vielmehr die Tatsache, dass Jesus vorbehaltlos alle Menschen liebt.

Bischof Michael Curry’s Trauungsfeier mit Prinz Harry und Meghan Merkle

( © Online-Redaktion ERF Medien)
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Das «Hohelied der Liebe» liest sich wie Poesie. Doch beim genaueren Lesen vergeht die Prosa.
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