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Wann ist ein Mann ein Mann?

Männer
(c) Fotolia
09.01.2015
 
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Beitrag aus: antenne Februar 2015
Thema: Gesellschaft
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Von Adrian Nagel

Die Rolle des Mannes in Familie, Beruf  und Kirche verändert sich. Das verunsichert:  Was macht den Mann heute aus?  Seine Identität zu suchen und zu leben – und  so wahre Stärke zu zeigen – dafür macht  sich Coach und Referent Adrian Nagel stark. 
 
Das Männerbild ist im Wandel. Das Patriarchat  hat ausgedient, die Frauen sind auf  dem Vormarsch. Gut so! Doch damit, dass  der Mann nicht mehr diese überholte Rolle  einnimmt, ist es noch nicht getan. Es ist ein  Vakuum entstanden, gefüllt mit Fragen  nach Orientierung. Der Begriff «männliche  Stärke» ruft gemischte Gefühle hervor. 
 
Einerseits Sehnsucht – möchte nicht jeder  Mann stark sein? Mich faszinieren Figuren  wie ein William Wallace aus «Braveheart»  oder ein Maximus aus «Gladiator», die  Kühnheit und Entschlossenheit, die sie  ausstrahlen und wie sie als Helden für eine  gute Sache kämpfen. Männer, mal ehrlich:  Wer möchte nicht solch ein Held sein? 
 
Andererseits ist da die Angst, man(n) könnte  (wieder) in ein Fettnäpfchen treten, was  viele Männer in die Passivität verfallen  lässt: Bloss nichts falsch machen. Am  liebsten hätten wir ein Rezeptbuch, einen  Verhaltenskodex, die unsere Frage beantworten,  die schon Grönemeyer besungen  hat: Wann ist ein Mann ein Mann? Welche  Rolle muss ich spielen, damit ich möglichst  viel Anerkennung und Einfluss bei möglichst  wenig Risiko habe? Auch wenn wir  gerne ein Rezeptbuch hätten, wie wir uns  verhalten sollen – es wäre gegen meine  Überzeugung, was einen Mann und seine  Stärke ausmacht: Nämlich, dass Du und ich  dazu gemacht sind, mit den Unwegsamkeiten  des Lebens zurechtzukommen. 
 
Nicht jemand darstellen,  sondern jemand sein
Die Wahrheit ist: Du musst niemandem  genügen, denn Du bist schon genug! Aber  unsere Gesellschaft sieht das anders: Wir  werden auf Schritt und Tritt bewertet. Die  Schule mit ihrem Notensystem ist das  offensichtlichste Beispiel dafür: Wenn Du  dies so und so tust, dann bist Du sehr gut,  gut oder genügend. Doch auch ausserhalb  der Schule wird uns andauernd vermittelt:  Dies und das musst du TUN, um ein gutes  Kind zu SEIN, ein guter Vater, ein guter  Angestellter. Und es macht auch nicht halt  vor der Kirche: So und so musst du dich  verhalten, um ein guter Christ zu sein.  Folgerichtig fragen wir uns: Was muss ich  tun, um ein guter Mann zu sein? Klingt da  nicht die Stimme der Schlange im Garten  an, die sagte: «Wenn ihr SEIN wollt … dann  müsst ihr (die Frucht kosten)»1?

Meiner Meinung nach ist dies nicht im Sinne des Erfinders. Als Gott den Menschen schuf, sagte er: «Lasst uns Menschen machen nach unserem Bilde» 2. Und später sagt er von sich: Ich bin der ich bin»3. Wir sind geschaffen nach dem Bilde dessen, der sagt: «Ich bin». Wir sind nicht geschaffen, um etwas zu tun, damit wir etwas darstellen, sondern dazu, dass unser Tun aus unserem Sein herausfliesst.
 
Wäre da nur nicht die Angst, nicht genug zu sein! Der Gedanke: «Wenn die anderen sehen, wie ich wirklich bin, dann verachten sie mich. » Es ist die gleiche Scham, die schon Adam veranlasste, hinter einem Feigenblatt Zuflucht zu suchen. Eine Rolle zu spielen. Eine Erwartung zu erfüllen.
 
Die US-amerikanische Sozialwissenschaftlerin Brené Brown identifiziert ebendiese Scham in ihrer Forschungsarbeit als universellen Antreiber der Menschen und als Haupthindernis eines Lebens aus ganzem Herzen.4 Diese Scham stellt sich bei Männern und Frauen unterschiedlich dar. Bei Männern äussert sie sich in der Botschaft: Zeig keine Schwäche
 
Die eigene Identität entdecken
Mein Leben war lange geprägt von diesem Denken. Als Sohn eines international bekannten Onkologen hatte ich mir geschworen, niemals Medizin zu studieren, weil ich a) eh nie in seine Fusstapfen treten könnte und b) nie wüsste, ob ich immer nur des Vaters Sohn sein würde – oder auch selbst jemand wäre. Diese latente Angst war ein mächtiger Antreiber in meinem Leben, der mich diktierte, immer der Schnellste sein zu müssen, immer unkonventionell zu sein. «Normal» geht gar nicht, das ist langweilig … Dazu kam der durch andere Erlebnisse verinnerlichte Glaubenssatz: «Wenn Du Grenzen hast, bist Du ein Spielverderber» – eine weitere Quelle von Scham, die mich vorantrieb. Zwar wollte ich nicht die Familie für meine Karriere opfern, wie es letztendlich mein Vater getan hatte, doch ich fand andere kreative Wege, mich zu verausgaben. Das brachte mich dazu, ständig meine eigenen Grenzen zu missachten, was mich an den Rand eines Burnouts führte. Für die Menschen in meinem Umfeld machte dies die Situation auch nicht immer einfach.
 
Wenn ich zurückschaue, dann kann ich nicht mehr begreifen, wie ich diesen dauernden (meist selbstauferlegten) Druck aushalten konnte. Gott sei Dank gab es eine Wende, einen Perspektivenwechsel in meinem Leben, was das Mann-sein im Allgemeinen und meine eigene Identität als Mann im Speziellen angeht. Diese Veränderung lässt sich am besten als eine Kombination von Durchbrüchen und Prozessen beschreiben, wobei beides wichtig war. Die Durchbrüche hatten nahezu immer mit einer Begegnung mit Gott oder
mit seinem Reden zu tun. Wie, Gott spricht zu uns? Ja, das ist ganz normal. Jesus sagt: «Meine Schafe hören meine Stimme und ich kenne sie. »5
 
Zu mir hat er beispielsweise oft durch meine Söhne gesprochen. Wenn ich mich mal wieder an ihnen freute, einfach an dem, was sie sind und nicht an dem, was sie tun, dann konnte
ich hören, wie Gott zu mir sagte: «Du willst wissen, wie ich dich sehe? Schau auf Deine Söhne! » Und mir wurde bewusst, wie seine Sicht auf mich ist. Wenn schon ich als unfertiger Mann und Vater meine Söhne einfach nur dafür liebe, weil sie sind, um wieviel mehr hat der himmlische Vater dieses Herz mir gegenüber! Er glaubt an mich, lange bevor ich an ihn geglaubt habe, geschweige denn an mich selbst. Ich muss mir meine Identität nicht selbst aufbauen – ich darf sie entdecken!
 
Einen solchen Moment der Erkenntnis würde ich als Durchbruch bezeichnen. Und wir alle brauchen solche Durchbrüche, solche Momente der Begegnung mit unserem Schöpfer. Gott sprach zu Jesus, bevor dieser öffentlich zu wirken begann und sagte ihm: «Du bist mein geliebter Sohn. An dir habe ich Wohlgefallen. »6 Dieser Ausspruch war nicht eine Bewertung seiner Leistung, sondern eine Bekräftigung des Wertes, den Jesus schon hatte. Der Startschuss, der ihn auf seine Mission katapultierte.
 
Auch bei mir wirkte eine solche Begegnung wie ein Startschuss. Doch nun brauchte es den Prozess, die Veränderung meines Denkens: Lernen, mit mir selbst liebevoll und geduldig umzugehen. Das schreibt sich schnell, dahintersteckt aber viel Arbeit und Reflexion. Und mit dieser Veränderung kam auch ein neu erwachtes Bewusstsein dafür, was meine Präsenz ausmacht. Beispielsweise im Leben meiner Söhne. Mein Verständnis von Erziehung veränderte sich von der Auffassung «Ich habe ein Bild, wie ein guter Sohn sein sollte und erziehe ihn in dieses Bild hinein» zu «Meine Aufgabe als Vater ist es, die Identität, die Gott in meine Söhne hineingelegt hat zu entdecken und ihr Partner dabei zu werden, diese zur Entfaltung zu bringen. » Paulus schreibt dazu: «Ihr mögt 10 000 Zuchtmeister haben, doch ihr habt nicht viele Väter. »7Ich muss nicht mehr derjenige sein, der dauernd bewertet, sondern werde zum Unterstützer und Ermutiger
Der Effekt ist verblüffend. Wenn ich diese wunderbaren jungen Männer ansehe: Sie haben schon so viel begriffen von dem, wer sie sind und ruhen in diesem Wissen – da kann ich nur staunen und von ihnen lernen.
 
Auch in anderen Rollen meines Lebens ist dies ein universelles Prinzip. Als Unternehmer mit gut zehn Angestellten habe ich die Wahl, wie ich mein Geschäft und meine Angestellten führe. Entweder ich erstelle einen möglichst genauen Stellenbeschrieb und bewerte meine Angestellten dafür, wie gut sie in diesen Rahmen passen – oder ich versuche diesen Rahmen weit zu halten und vielmehr darauf zu achten, was ein Mensch mitbringt und wie seine Einzigartigkeit den Charakter meines Unternehmens mitformt. Was meine Rolle insofern verändert, dass ich auch hier mehr der Vater als der Zuchtmeister bin. Raum schaffen zur Entfaltung und Entwicklung, Wertschätzung geben statt zu bewerten. Nebst dem, dass ich der Ansicht bin, dass es kaum Schöneres gibt als zu beobachten, wie Menschen ihr gottgegebenes Potenzial entwickeln, macht es sich auch betriebswirtschaftlich bemerkbar.
 
Bei den letzten Mitarbeitergesprächen sagten mir fast alle Angestellten, dass es wichtig sei, dass ich mir genügend Freiräume im Arbeitsalltag einbauen soll. Auch wenn das für sie heisst, dass sie dafür mehr arbeiten müssen! Aber einfach, weil ihnen wichtig ist, dass ich wirklich präsent sein kann. Was, mein «Ich bin» macht solch einen Unterschied? Inzwischen weiss ich es – und doch kann ich es immer wieder kaum glauben. Was wäre, wenn Du (wieder) daran glauben könntest, dass Du genug bist? Was müsste passieren, dass Du das zu glauben beginnst? Wahre Stärke finden Ich möchte anbieten, dass wir unsere Konzeption von männlicher Stärke überholen müssen. Dass es nicht in erster Linie darum geht, eine Fassade nach aussen hin aufrechtzuerhalten. John Eldredge sagt: «Das Leben ist kein Problem, das gelöst werden muss, sondern ein Abenteuer, das gelebt werden will»8. Wir alle können bestens das grösste Abenteuer im Leben verpassen, wenn wir zu beschäftigt sind, an unserer Fassade herumzubasteln. Dieses Abenteuer, das ist die Faszination des Sich-aufmachens, des Unterwegs-seins, hin zu unserer Identität. Es ist nicht entscheidend, wo ich mich auf diesem Weg befinde, sondern wie mein Herz ausgerichtet ist. Paulus, ein grosser Mann des Glaubens, sagt von sich selbst: «Nicht dass ich es schon ergriffen habe, oder vollkommen sei, ich aber jage ihm nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin. »9
Er, der viele Länder bereist, unzählige Kirchen gegründet, Stürme, Gefängnis und Steinigungen erduldet hat, sagt von sich «Ich bin noch nicht am Ziel, aber ich bin unterwegs» und dies mit einer eisernen Entschlossenheit. Er hat nicht gewartet, bis er sich perfekt oder unverletzbar gefühlt hat, bis der letzte Zweifel ausgeräumt und die Angst verflogen war. Oder um es mit Theodore Roosevelt zu sagen:
 
«Es ist nicht der Kritiker, der zählt. Nicht derjenige, der weitererzählt, wie der starke Mann stolpert oder wie er es hätte besser machen können. Das Ansehen gebührt demjenigen, der tatsächlich in der Arena steht, dessen Gesicht mit Schweiss, Blut und Staub verschmiert ist, der tapfer kämpft; der sich irrt und Mal ums Mal sein Ziel verfehlt – denn es gibt keine Leistung ohne Fehler; der die grösste Leidenschaft, der die grösste Hingabe kennt, der sich einer würdigen Sache verschrieben hat, der selbst im besten Falle weiss, was am Ende das Erlangen eines grossen Triumphes bedeutet und im schlimmsten Falle, wenn er scheitert, dies tut während er tapfer gewagt hat.»
Auf diesen Wagemut kommt es an, der sich sagt, dass es nicht um die Abwesenheit von Angst geht, sondern die Weigerung, sich von ihr bestimmen zu lassen. Darin offenbart sich mir wahre Stärke. Ich muss mich nicht hinter dem Feigenblatt verstecken. Ich kann dazu stehen, dass ich noch nicht am Ziel bin. Aber ich bin unterwegs, weil ich weiss, dass ich genug bin. Darin liegt eine gewaltige Kraft.
 
1 1. Mose 3,5
2 1. Mose 1,26
3 2. Mose 3,14
4 Brown, Brené. «Verletzlichkeit macht stark».
   Kailash Verlag. ISBN 978-3-424-63079-4
5 Johannes 10,27
6 Markus 1,11
7 1. Korinther 4,15
8 John Eldredge. «Der ungezähmte Mann»
   (Originaltitel: «Wild at heart»)
9 Phillipper 3,1
 

( © Online-Redaktion ERF Medien)
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