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Göttliche Klänge in der Musik

Mann versunken in Musik  |  (c) Fotolia
14.11.2016
Musik berührt, bewegt, verzaubert – und sagt oftmals mehr als Worte allein.
 
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Beitrag aus: antenne Dezember 2016
Thema: Musik
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Von Jochen Arnold

Ein jugendlicher Amerikaner hört im Durchschnitt ca. fünf Stunden Musik am Tag. Und bei europäischen Kindern und Jugendlichen wird das nicht viel anders sein. Warum? Was ist die Faszination, die von Musik ausgeht?

«Musik scheint von allen Künsten die zu sein, die uns am unmittelbarsten berührt, und auch die, die am leichtesten Lust und Ekstase hervorruft», schreibt der amerikanische Musikpsychologe Robert Jourdain in seinem Buch «Das Wohltemperierte Gehirn » (2001). Aber auch schon Martin Luther sagte, die Musica sei eine «Herrin und Regiererin des menschlichen Hertzen.» (Luther 1538). Wie geschieht das?

Was berührt uns, wenn Musik erklingt?
Wenn ein Musikstück an Schnittstellen unseres Lebens eine Bedeutung gewonnen hat, weil es z.B. Freude oder Trauer, Liebe oder Hoffnung auszudrücken vermochte, bleibt es oft untrennbar mit unserer Lebensgeschichte verbunden. Ich denke etwa an den Film Casablanca und die berühmte Szene, bei der Ingrid Bergmann alias Ilsa Lund sagt: «Spiel unser Lied, Sam!» (Play it again, Sam) – Ja, später sagt sie sogar: «Sing it, Sam!» Es ist das Lied der Liebe, das die beiden verbindet. Und die Bilder und Gefühle zueinander kehren zurück, wenn es wieder neu erklingt …

Wir können vom Klang eines Instrumentes oder dem Zauber einer Stimme berührt werden, finden aber auch Gefallen an der Bedeutung von Musik. Man denke nur an Vivaldis berühmte «Die Vier Jahreszeiten». Es macht Spass dem Programm des Komponisten zu folgen: Wie klingt der Frühling oder das Gewitter im Sommer oder die Freude der Landleute im Herbst?

Gänsehaut
Erstaunlicherweise beschäftigt sich die Musikforschung noch nicht lange mit der Frage, was Musik neurologisch im Menschen bewirkt. Sie testet z.B. in diesem Zusammenhang den sog. Gänsehaut-Effekt: Über die Messung des Hautwiderstands können bestimmte musikalische Ereignisse in ihrer emotionalen Wirkung am Menschen
überprüft werden.

Bevor die Gänsehaut entsteht und die Musik unser Herz erreichen kann, braucht es allerdings etwas anderes. Musik gehört «gehört». Sie kommt im Ohr zur Welt. Doch ist Musik auch ein religiöses Medium?

Geschenk aus einer anderen Welt
Der jüngst verstorbene Dirigent Nikolaus Harnoncourt sagte einmal: «Musik ist ein Rätsel, ein unerklärbares Geschenk aus einer anderen Welt, eine Sprache des Unsagbaren, die aber manchen letzten Wahrheiten und geheimnisvollen Erlebnissen näherkommt als die Sprache der Worte.» Musik transzendiert vielfach die nüchterne Macht der Sprache, sie atmet das Geheimnis des Unsagbaren und verweist auf ein geniales Gegenüber.

Nicht zufällig hat der Philosoph Boethius von der Musica mundana gesprochen und damit das aufgenommen, was in Psalm 19 gesagt wird: «Die Himmel erzählen die Ehre Gottes.» Die Natur ist ein aufgeschlagenes Buch, eine Partitur der Schöpfungssymphonie Gottes. Aus dem Rauschen der Meere und dem Konzert der Vögel erahnen wir etwas von der Weisheit und dem Ideenreichtum des Schöpfers.

Beziehungsreiche Ästhetik
Doch damit nicht genug. Musik eröffnet auch Beziehung: Sie lehrt uns nicht nur auf das Zwitschern der Vögel und das Rauschen des Waldes zu lauschen, sie setzt uns auch in Beziehung zu musizierenden Gesellen, stärkt die eigene Identität. Person kommt von personare (=durchklingen). Wir sind durchklungen vom Sound eines anderen. Ihm wenden wir uns deshalb dankbar zu. Die Musik ist somit prominentestes Medium einer achtsamen Wahrnehmungskunst der Schöpfung (Ästhetik).

Musik als Muttersprache aller Menschen
Aber Musik nehmen wir nicht nur wahr, wir erzeugen sie auch, zum Beispiel beim Singen. Wie Essen, Trinken, Lachen, Spielen, Dichten und Denken, Lieben und Feiern gehört es zum menschlichen Leben. Wir können es allein oder mit anderen tun. Der Geiger Yehudi Menuhin (1916-1999) schrieb «Das Singen ist die eigentliche Muttersprache aller Menschen: Denn sie ist die natürlichste und einfachste Weise, in der wir ungeteilt da sind und uns ganz mitteilen können – mit all unseren Erfahrungen, Empfindungen und Hoffnungen. » (www.il-canto-del-mondo.de)

Das Singen birgt enorme Potenziale im Blick auf unsere Gesundheit, namentlich für unser Gehirn. Es fördert die notwendige Integration von rechter und linker Gehirnhälfte, von Intuition und Kognition. Für Glücksgefühle, die beim Singen entstehen, ist u.a. das Hormon Oxytocin verantwortlich, das auch beim Sex ausgeschüttet wird. Langzeitstudien mit Kindern belegen, dass an musikbetonten Schulen die Ausgrenzung einzelner Schüler zu 50 Prozent weniger stattfindet. Ein erweiterter Musikunterricht fördert die Teamfähigkeit und die emotionale Stabilität. Besonders sozial benachteiligte Kinder profitieren davon. Ihre Sprachentwicklung wird so wesentlich gefördert.

Dem Menschen ist es wohl als einzigem Lebewesen vorbehalten, Sprache und Klang miteinander zu verbinden. Beim Singen wird nicht nur Klang, sondern auch eine Botschaft vermittelt. Die reine Rede wird aber auch durch den Klang sinnlich transzendiert. Das gilt auch für die Religion: Singen kann Gott schöner verherrlichen als blosse Worte und deutlicher von ihm künden als reiner Klang.

Das Lied der Freiheit – Sternstunde der Menschheit
Wo wurde das Singen erfunden? Evolutionsbiologen sagen, es sei wohl älter als das Sprechen. In sog. «Song-Sessions» könnten sich die Urmenschen gegenseitig «angesungen » haben, lange bevor Sprache sich durchsetzte.

In der Bibel gibt es eine wunderbare Ursprungs- Geschichte dazu: Bei Nacht und Nebel brechen sie auf. Endlich frei. Hinaus aus der grossen Stadt am Nil. Doch dann hören sie Pferdegetrappel. Mit Wagen, Rossen und Reitern kommen die Peiniger näher, um Rache zu nehmen. Israel steht vor dem Roten Meer. Kein Ausweg. Der Tod scheint unausweichlich. Doch plötzlich teilen sich die Wasser. Sie ziehen hindurch. Zitternd und atemlos erreichen sie das Ufer. Dann tritt eine Frau auf. Mit ihrer Handpauke animiert sie eine ganze Schar von anderen Frauen, es ihr gleichzutun. Wir lesen: «Danach nahm Miriam, die Prophetin, eine Pauke in die Hand und alle Frauen folgten ihr nach mit Pauken im Reigen. Und Miriam sang ihnen vor:‹ Lasset uns singen dem Herrn, denn er hat eine herrliche Tat getan.›»

Damit ist eine Form geschaffen, die Hunderte, ja Tausende von Liedern inspiriert hat: Lasst uns singen, denn Gott hat gehandelt … Der biblische Hymnus ist geboren. Eine Sternstunde der Menschheit. Singen hat nicht nur befreiende Wirkung, es kann auch Befreiung und Rettung feiern. Singen geschieht hier ganzheitlich mit Trommeln und Tanz.

Evangelium als klingende Kunde von Christus
Gottesklänge können eine klare Botschaft bekommen: die Nachricht, dass Gott sich der Welt in Christus zuwendet. Diese Überzeugung wird im christlichen Gottesdienst mitgeteilt und gefeiert. Die «Einsetzungsworte der Kirchenmusik» stehen in Kolosser 3,16 und lauten: «Lasst das Wort Christi unter euch reichlich wohnen. Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit mit Psalmen, Hymnen und geistlichen Liedern; singt Gott dankbar in euren Herzen.»

Die musikalische Kommunikation des Wortes Christi ist grundsätzlich also allen Christen aufgetragen. Sie hat gleichsam etwas «Demokratisches». Wichtig ist dabei: Sie singt nicht nur über Christus, Christus selbst teilt sich durch die Musik durch uns anderen mit. Treffend bemerkt Luther in einer Tischrede: «Gott predigt das Evangelium auch durch die Musik.»

Ein breiter Traditionsstrom evangelischer Kirchenmusik kennt diese Dimension. Ich denke an das Weihnachtslied «Vom Himmel hoch, da komm ich her» oder an das Kinderlied «Gottes Liebe ist wie die Sonne». Daneben stehen die grossen Passionen Bachs oder sein «Weihnachtsoratorium». Sie erzählen die Geschichte Gottes in Christus. Doch das ist nur eine Dimension. Singen ist auch Ausdruck des Glaubens, gelebte Spiritualität. Wer lobt, spürt sich lebendig, wird erhoben zu Gott. Loben zieht nach oben! Das haben die Therapeuten längst entdeckt. «Dankbarkeit stärkt die Resilienz », sagt die Therapeutin Luise Reddemann. Sie arbeitet deshalb auch mit Kantaten Bachs, die das ausdrücken.

Allerdings geht es im christlichen Gottesdienst nicht nur um das «Absingen von Lobliedern». Menschen wenden sich auch klagend und flehend Gott zu. Sie trauen ihm zu, dass er ihre Not wenden kann. Durch die Musik wird das besonders eindringlich. Deshalb soll der Kirchenvater Augustin gesagt haben: «Wer singt, betet doppelt.»

Singen als Markenzeichen einer hoffnungsvollen Kirche
Warum singen Christen in einer Welt, die von Krieg und Terror bedroht ist? Weil sie einen anderen Grund ihres Lebens kennen. Sie kommen von Ostern her. Sie sind von einer ewigen Hoffnung beseelt. Sie können sogar den Tod verspotten und auslachen. Sie wissen, dass das Leben siegt: «Tod, wo ist dein Stachel?»

Jörg Zink dichtet in einem neuen Lied: «An Ostern, o Tod, war das Weltgericht. Wir lachen dir froh in das Angesicht, wir lachen dich an, du bedrohst uns nicht.»

Gemeinschaft und Identität
Beim gemeinsamen Musizieren in Chören kommen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Alters und Milieus zusammen. Im Raum der Kirche finden Menschen, denen der christliche Glaube fremd geworden ist, religiöse Beheimatung und neue Identität. Gemeinschaft wird intensiv erlebt, auch im Posaunenchor oder einer Band. Dies lässt sich auch physiologisch nachweisen: Beim gemeinsamen Singen und Musizieren gleicht sich z.B. der Herzschlag an. Es geschieht eine musikalische Metamorphose.

Netzwerke des Friedens
Durch religiöse Musik können auch bewusst Netzwerke des Friedens gebaut werden. Vor wenigen Wochen haben sich in Hildesheim mit dem «Unterwegs-Chor» Einheimische und Migranten aus ca. 20 Nationen aufgemacht, um sich gegenseitig Lieder beizubringen. Ein wunderbares Konzertprojekt entstand. 17 Lieder aus aller Welt kündeten davon, wie Leben ohne Gewalt in gegenseitigem Respekt gelingen kann. Die Aufführungen fanden nicht zufällig im Wald statt. Ein starkes Symbol! (www.uchor.de bzw. www.rapid-arts-movement.de mit Radiointerview)

Vielfalt und Freiheit
Geistliche Musik umfasst ein grosses stilistisches Spektrum, denn Gottes Geist ist ein Geist der Vielfalt und der Freiheit. Geistliche Musik reicht von der Gregorianik bis zum Jazz, von Bachs Weihnachtsoratorium bis zum ekstatischen Gospel, vom meditativen Choral bis zum «coolen» Rap. Selbst ein Musiker, der kein bekennender Christ ist, der Rapper Sido singt: «Das hier ist kein Gebet, ich will nur Danke sagen / Dafür, dass du mir 'nen Engel schickst an manchen Tagen / Dafür, dass Du mir das Leben zeigst / Für Dein Vertrauen dank ich auch – Danke, dass du an mich glaubst / Das ist kein Schlüssel zum Himmel, ich will nur Danke sagen / Dafür, dass du mir zeigst: Ich brauche keine Angst zu haben / Dafür, dass du mir das Leben zeigst / Bitte halt mir einen Platz frei in der Ewigkeit».

Paul Gerhardt bringt es auf den Punkt
Eine alte Liedstrophe von Paul Gerhardt bündelt vier zentrale Dimensionen der geistlichen Musik: «Ich singe dir mit Herz und Mund.» Das höchste Ziel jeder Musik ist es, Gott zu loben. Menschen erheben ihre Herzen und machen mit bewegenden Klängen und inspirierten Rhythmen Gott gross. «Ich sing und mach auf Erden kund!» Das besondere Profil protestantischer Kirchenmusik ist die musikalische Verbreitung der Liebe Gottes. Sie lädt ein und vergewissert im Glauben. «Herr meines Herzens Lust!» Wenn ein Mensch singt und musiziert und dabei Gott lobt, geschieht das nicht nur mit der Stimme. Der ganze Mensch kommt dabei zum Klingen: Kirchenmusik macht Freude, sie ist lustvoll und begeistert. «Was mir von dir bewusst.» Geistliche Musik eröffnet neue Zugänge zu den Inhalten des Glaubens. Wir werden durchklungen vom «Sound des Geistes», der aufbaut und bildet.

( © Online-Redaktion ERF Medien)
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