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«Sie sind wohlgelitten – aber auch nicht mehr»

10.07.2013
 
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Markus Giger, Leiter der streetchurch im Zürcher Kreis 4, erlebt in seiner Arbeit aber auch privat die Chancen und Grenzen der gemischten Kulturen hier in der Schweiz. Er erzählt, wie er selber mit Migranten in Kontakt tritt, warum die streetchurch auf Migranten angewiesen ist und welchen Umgang mit Ausländern er sich von Kirchen und Christen wünscht.
antenne: Wie erleben Sie die Schweizer Bevölkerung im Umgang mit Migranten?

Markus Giger: In der Stadt Zürich erlebe ich grundsätzlich Offenheit und Toleranz gegenüber Migranten. Dies hat sicherlich mit dem hohen Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung zu tun. Da gehören sie irgendwie dazu … Allerdings heisst dies nicht, dass Migranten mit offenen Armen willkommen geheissen werden. Es gibt meines Erachtens kaum bewusste Begegnungen zwischen der ansässigen Bevölkerung und den Migranten. Man arrangiert sich mit ihnen, lebt nebeneinander wie mit allen anderen auch … Sie sind wohlgelitten – aber auch nicht mehr.

Warum könn(t)en wir in der Schweiz von Migration profitieren?
Am meisten würden wir von ihnen profitieren, wenn wir die Frage umkehren würden: Wie können die Migranten in ihrer oft elenden Situation von ihrem Aufenthalt bei uns profitieren? Ich meine nicht in erster Linie die materielle Hilfe, sondern die Begegnung mit uns. Es würde unsere Haltung als Einzelne, aber auch als Kirchen positiv prägen, wenn wir uns fragen würden, was wir tun können, damit diese Menschen während ihres Aufenthaltes in der Schweiz die Liebe und Fürsorge Gottes erleben können. So gesehen geben uns die Migranten eine wunderbare Gelegenheit, uns dem Wesen Jesu anzunähern.

Wie sollen Christen mit den Chancen und Gefahren der Migration umgehen?
Es gilt, einen weisen Umgang mit der Massenmigration unserer Zeit zu finden: Die Schweiz kann nicht alle Migranten, die aus wirtschaftlichen oder sozialen Schwierigkeiten ihr Land verlassen, aufnehmen. Um das Bleiberecht von an Leib und Leben bedrohten Flüchtlingen nicht zu gefährden, wird auch künftig die Mehrzahl der Flüchtlinge, die aus durchaus nachvollziehbarer, aber nicht lebensbedrohender Not flüchten, abgewiesen werden. Während des Verfahrens und bei allen Migranten mit Aufenthaltsbewilligungen sind wir als Christen und Kirchen aufgefordert, uns gemäss den Worten Jesu in Lukas 14 zu verhalten:

«Dann wandte sich Jesus an den Gastgeber: ‹Wenn du ein Essen gibst, am Mittag oder am Abend, dann lade nicht deine Freunde ein, deine Brüder und Verwandten oder die reichen Nachbarn. Sie laden dich dann nur wieder ein, und du hast deinen Lohn gehabt. Nein, wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Verkrüppelte, Gelähmte und Blinde ein!›» (Lukas 14,12–13)

Was heisst das anderes, als dass wir uns in erster Linie mit Menschen beschäftigen sollen, die am Rande der Gesellschaft leben oder von ihr sogar als mühsam empfunden werden? Ich glaube, dass man die Migranten unserer Zeit durchaus zu dieser Zielgruppe zählen darf. Wäre es nicht wunderbar, wenn diese Menschen, falls sie eines Tages unser Land wieder verlassen, mit Glaube, Hoffnung und der erfahrenen Liebe Gottes in ihr Land zurückkehren dürfen?

Wie geht die streetchurch als Kirche mit Migration um?
Um unsere Kräfte wirkungsvoll einsetzen zu können, konzentrieren wir uns in der sozialdiakonischen Unterstützung auf Migranten, die über eine Arbeitsbewilligung verfügen. Melden sich Flüchtlinge, vermitteln wir sie an spezialisierte Einrichtungen. Junge Menschen mit Migrationshintergrund sind ein selbstverständlicher Bestandteil der streetchurch. Ohne ihre musikalischen Begabungen wären die streetchurch-Gottesdienste gar nicht mehr denkbar. Sie bringen sich mit ihren Talenten und Begabungen ein. Wir wiederum unterstützen sie bei der Arbeits- und Lehrstellensuche und bei psychosozialen Fragestellungen. Natürlich kommt es bei so engem Miteinander auch zu Konflikten, manchmal sind diese durchaus durch die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe mitverursacht. Doch wenn wir sie gemeinsam aushalten, kommen wir regelmässig gestärkt aus solchen Situationen heraus.

Wie stehen Sie in Ihrer Arbeit und persönlich in Kontakt mit Migranten?
Persönlich begegne ich tagtäglich Menschen mit Migrationshintergrund. Sie kommen zu mir in die Seelsorge und wir diskutieren über die passenden Rap-Stücke für den nächsten Gottesdienst. Einige von ihnen kenne und begleite ich seit Jahren. Uns verbindet eine Freundschaft, die auch darin ihren Ausdruck findet, dass sie auch immer wieder an unserem Familienleben Anteil nehmen. Sei das am Mittagstisch oder auf einem Ausflug. Sie zu unseren Freunden zu machen, war ein bewusster Entscheid und hatte zur Folge, dass wir nicht mehr alle Kontakte zu unseren Schweizer Freunden aufrechterhalten konnten.

Sie sind Christ – hat dies Einfluss auf Ihre Art, wie Sie mit Migranten umgehen?
Ich mache mir immer wieder bewusst, dass ich in erster Linie Bürger der neuen Welt Gottes bin und dort gibt es keine nationalen Grenzen. Nichts, was ich habe, gehört einfach mir. Was immer mir anvertraut ist, sei dies materieller Wohlstand oder seien es Fähigkeiten und Begabungen: Alles ist mir gegeben, um für andere ein Segen zu werden. Diese Haltung erleichtert mir den Zugang zu und das Teilen mit Migranten.

Wie kann ich, der nicht von Berufs wegen mit Migranten zu tun hat, Menschen mit Migrationshintergrund begegnen?
Ich staune auch nach zwanzig Jahren Arbeit mit Migranten immer wieder über ihre Grosszügigkeit, Herzlichkeit und Gastfreundschaft. Viele Migranten sind allerdings verunsichert und fühlen sich von uns Schweizern nur gerade geduldet. Dies führt oft zu einem distanzierten Verhalten – gegenseitig. Wenn diese Hürde einmal überwunden ist, kommt es oft zu herzlichen Begegnungen, aus denen sich – gerade auch in der Nachbarschaft – schöne Freundschaften ergeben können! Viele Migrantenfamilien sind noch so froh, wenn man ganz praktische Hilfe anbietet: auf die Kinder aufpassen oder einen Mittagstisch anbieten, bei der Steuererklärung helfen oder ein amtliches Schreiben übersetzen. Wenn man mit wachen Augen und betendem Herz durch sein Quartier läuft, liegen die Möglichkeiten wortwörtlich vor den Füssen. Natürlich ist jede Kontaktaufnahme auch ein gewisses Wagnis: Wie reagiert mein Gegenüberüber? Bin ich zu aufdringlich? Wie verhalte ich mich, wenn ich zurückgewiesen werde? Bei mir persönlich überwiegen jedoch die positiven Erfahrungen bei weitem!

Wie kann ich sie willkommen heissen?
Wie schon gesagt: Es beginnt im Alltag. Über Kinder lässt sich einfach Kontakt knüpfen. Einladungen zum Kaffee werden meist gerne angenommen. Es ist schlicht eine Frage der inneren Haltung: Wenn ich diese Menschen in meinem Herzen willkommen heisse, strahlt dies aus und wird wahrgenommen. Wenn ich die muslimischen Nachbarn regelmässig mit einem Lächeln begrüsse, dann wird sich früher oder später die Gelegenheit für ein Gespräch ergeben. Schon die Frage nach dem Befinden der Kinder kann der Anfang einer Freundschaft sein. 

( © Online-Redaktion ERF Medien)
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