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«Alle Völker sollen mich finden»

Frau blickt zwischen den Zweigen durch
Gesucht – und gefunden? | (c) Toa Heftiba
14.07.2021 15.07.2021
Die Suche nach Gott gestaltet sich meist schwieriger als diejenige nach ein paar Nachbarskindern ...
 

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Von Sibylle Schlatter

Als Kind spielte ich oft und gerne Verstecken mit den Kindern aus meiner Nachbarschaft. Wir  haben etliche freie Nachmittage dafür genutzt. Waren alle gefunden, ging es wieder von vorne los,  in meiner Erinnerung manchmal bis in den Abend hinein: «Eins, zwei, drei … zwanzig. Ich komme!»

Die Suche nach Gott gestaltet sich meist schwieriger als die  Suche nach ein paar Nachbarskindern in den umliegenden  Gärten. Dennoch bin ich überzeugt, dass Gott nicht mit uns  Verstecken spielt, sondern sich uns im Gegenteil zeigen  möchte und sich unendlich freut, wenn unser Suchen uns  zu ihm führt und wir ihn finden.

Dafür, dass Gott sich uns zeigen möchte, ist die Bibel an  sich für mich ein Hinweis, weil darin Gott und sein Wesen  «offenbart» werden. Anders ausgedrückt: Weil sich Gott  darin zu erkennen gibt. Und zwar als ein Gott, der uns begegnen will.

Sehr eindrücklich, wenn auf den ersten Blick vielleicht auch überraschend, deutet die sogenannten Tempelreinigung Jesu darauf hin. Im Markus Evangelium, Kapitel 11 lesen wir, dass Jesus in Jerusalem in den Tempel ging und sich «ringsum alles anschaute». Offenbar hat ihm nicht gefallen, was er sah, denn am nächsten Tag «begann er, alle hinauszutreiben, die im Tempel verkauften und kauften». Konkret: «Die Tische der Geldwechsler und der Taubenverkäufer stiess er um und liess nicht zu, dass man irgendetwas über den Tempelplatz trug.» Was hat ihn bloss dazu veranlasst, die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenverkäufer umzustossen?

Gott schafft Raum für Begegnung
Führen wir uns die Situation vor Augen: Jesus war zu einem der grossen jüdischen Feste nach Jerusalem gekommen, dem Passahfest. An diesem Fest erinnern sich die Juden und Jüdinnen an den Auszug ihrer Vorfahren aus Ägypten, der gleichzeitig die Befreiung aus der Sklaverei bedeutete. Es ist davon auszugehen, dass sich zu dieser Zeit sehr viele Leute in Jerusalem aufgehalten haben. Aber auch ausserhalb der Festzeiten war der Tempel ein gut besuchter Ort. Menschen kamen von weit her, um hier zu beten und Gott Tiere zu opfern, wie es das religiöse Gesetz verlangte. Aufgrund der langen Anreise war es den meisten nicht möglich, die zu opfernden Tiere von zu Hause mitzubringen. Sie waren darauf angewiesen, in Jerusalem Tiere kaufen zu können. Auch Geldwechsler waren für die angereisten Besucher unabdingbar. Bei ihnen konnten sie ihr Geld eintauschen gegen Münzen in der Währung, die zur Begleichung der Tempelsteuer akzeptiert war.

Und nun geht Jesus hier dazwischen, stösst Tische um und vertreibt sowohl Verkäufer wie auch Kaufende. Warum? Er erklärt sein Verhalten folgendermassen: «Steht nicht geschrieben: Mein Haus soll Haus des Gebets heissen für alle Völker?» Jesus argumentiert mit einem Zitat aus dem Alten Testament (Jesaja 56,7). Der historische Kontext dieses Zitats ist der Aufbau des zweiten Tempels. Dieser wurde 515 v.Chr. fertiggestellt, nachdem der erste Tempel rund siebzig Jahre zuvor zerstört worden war. Gott äusserte eine klare Absicht für diesen zweiten Tempel: «Mein Haus soll Haus des Gebets heissen für alle Völker.»

Alle Völker sollen ihn finden
Mich berührt die universale Weite, die darin zum Ausdruck kommt. Den Menschen begegnen, beziehungsweise ihnen und damit jedem von uns die Möglichkeit zur Begegnung mit ihm zu geben – das ist, was Gott immer und für alle wollte und will. Deshalb ernannte er den Tempel zu einem Haus des Gebets für alle Völker. Er sollte ein Ort sein, an dem alle Menschen Gott begegnen können. Und nun hat Jesus ausgerechnet in einem Bereich des Tempelareals, der allen zugänglich war (das eigentliche Tempelgebäude durften nur Menschen jüdischen Glaubens betreten), einen Markt vorgefunden, auf welchem Tauben und andere Tiere feilgeboten wurden und Geld gewechselt werden konnte.

Wenn wir fragen, was Jesus dazu veranlasst hat, die Tische der Verkäufer umzustossen, kommen wir hier einer Antwort auf die Spur. Der Tempel wurde nicht genutzt, wie von Gott vorgesehen. Der Raum, der dafür angedacht war, dass auch Nichtjuden und Nichtjüdinnen Gott begegnen können, war zweckentfremdet. Es muss ein buntes Treiben geherrscht haben. Unzählige Leute und Tiere, dicht an dicht, intensive Gerüche, laute Stimmen. Wie sollten Menschen in diesem Gewirr beten und Gott begegnen?

Herrscht in unserem Alltag manchmal nicht ein ähnlich reges Treiben? Ein Gewirr von Anforderungen und Pendenzen, das die Begegnung mit Gott nicht unbedingt verunmöglicht, aber doch einschränkt – und sei es «nur» aus Zeitgründen? Bei mir zumindest beobachte ich dies, und ich kenne nicht wenige Menschen, denen es ebenso geht. Da stellt sich die Frage, wie und wo wir trotz diesen Umständen Gott begegnen können.

Machen wir uns auf die Suche!
Ich möchte behaupten: Gott suchen bedeutet zuallererst, sich seiner Gegenwart bewusst zu werden und darauf zu vertrauen, dass er da ist. Wir brauchen ihn folglich nicht im eigentlichen Sinn zu suchen, sondern vielmehr aufzusuchen.

Dies kann sich ganz unterschiedlich gestalten. Mich begleitet schon eine Weile die Idee, das biblische Buch der Psalmen als das zu nutzen, was es im Grunde ist – ein Gebetsbuch. Aktuell versuche ich, die Idee in die Tat umzusetzen und meinen Tag mit dem Lesen beziehungsweise Beten eines Psalms zu starten. Kürzlich hat mir jemand erzählt, er rede immer mit Gott, wenn er staubsauge. Warum nicht?

Es gibt unzählige Möglichkeiten, wie wir Gott mitten im Alltag aufsuchen können. Fest steht, dass wir dabei nicht an einen bestimmten Ort, wie beispielsweise den Tempel, angewiesen sind. Der Kinderliedermacher Christof Fankhauser singt treffend: «Gott isch immer hie und da und dert und überall, und won i härechume: är isch scho da.»

Wer wir sind in seinen Augen
Ich bin überzeugter denn je, dass wir in der Begegnung mit Gott auf einen guten, gerechten und treuen Vater treffen, der dir und mir zuallererst zuspricht: Du bist meine geliebte Tochter! Du bist mein geliebter Sohn! Wir finden also Liebe und Annahme. Diese Antwort mag wenig überraschen und in ihrer Einfachheit vielleicht enttäuschen. Doch so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint, ist es nicht. Ich jedenfalls kann mich Henry Nouwen anschliessen, der in einem seiner Bücher schreibt: «Irgendwie bin ich taub geworden für die Stimme, die mich den Geliebten nennt.» Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass wir diese, vielleicht meist leise Stimme in unserem Alltag oft nicht hören. Stattdessen drängen sich uns «laute Stimmen» auf, die uns sagen, wie wir sein sollen, was wir haben und machen müssen, um dazuzugehören und letztlich geliebt zu werden. Henry Nouwen beschreibt es wie folgt: «Diese Stimmen suggerieren mir, dass ich nicht geliebt werden kann, ohne das durch bestimmte Anstrengungen und harte Arbeit verdient zu haben. Solange ich hin- und herrenne und frage: ‹Liebst du mich? Liebst du mich wirklich?›, gebe ich alle Macht den Stimmen der Welt und mache mich zum Sklaven, denn die Welt ist voller Wenn und Aber. Die Welt sagt: Ja, ich liebe dich, aber nur, wenn du hübsch, intelligent und reich bist. Ich liebe dich, aber nur, wenn du eine gute Bildung, eine gute Stellung und gute Beziehungen hast. Ich liebe dich, aber nur, wenn du viel produzierst, viel verkaufst und viel kaufst.»

Liebe ohne Bedingungen
Solche und ähnliche Aussagen begegnen uns überall, selbst in Worten von Menschen, die uns nahestehen und uns gernhaben. Und ja, oft sind auch wir für andere solch «laute Stimmen». Gerade als Mutter werde ich in manchen Situationen nicht nur akustisch laut, sondern übertöne mit meinen Aussagen, Wertungen und Forderungen die sanfte Stimme Gottes und sein bedingungsloses Ja zu meinen Kindern.

Ich glaube, wenn wir uns mitten im Alltag Gottes Gegenwart bewusst werden, hilft es uns dabei, Gegensteuer zu geben. Wir können dann die «lauten Stimmen» mehr und mehr entlarven und uns daran erinnern, wer wir in seinen Augen sind. «Ich liebe dich, aber nur, wenn …» kommt nicht von Gott. Er spricht uns seine Liebe zu, ohne Bedingungen daran zu knüpfen. Wann immer wir daran glauben und diese Liebe annehmen, bleibt es nicht ohne Wirkung auf uns selbst, unsere Sicht und den Umgang mit unseren Mitmenschen, denen Gott in gleicher Weise seine bedingungslose Liebe und Annahme zuspricht.

Sich von Gott beschenken und prägen lassen
Manchmal lässt uns der ausgefüllte und zuweilen überfüllte Alltag kaum Raum, um Gott aufzusuchen. Und manchmal übertönen «laute Stimmen» Gottes Zusage der Liebe. Beides kommt mir ein bisschen vor wie das Markttreiben auf dem Vorhof des Tempels, welches verhindert hat, dass eine Begegnung stattfinden konnte zwischen Gott und den Menschen. Jesus hat interveniert und damit bestätigt, dass es Gott ein Herzensanliegen ist, uns Menschen zu begegnen. Das berührt mich, und ich wünsche mir, dass wir die «Marktstände» in unseren Leben erkennen können, die einer Begegnung mit Gott im Wege stehen. Auch dass wir ihn auch dann aufsuchen, wenn wir gefühlt keine Zeit dafür haben und uns eigentlich nicht danach zumute ist.

Der deutsche Theologe Fulbert Steffensky schreibt in Zusammenhang mit dem Gebet: «Mache deine Gestimmtheit und deine augenblicklichen Bedürfnisse nicht zum Massstab deines Handelns!» Mit anderen Worten: Unsere Gefühlslage soll uns nicht davon abhalten, Gott zu begegnen. Das mag sich ein bisschen unflexibel und stur anhören. Ich möchte stattdessen daraus schliessen und in Anspruch nehmen, dass wir Gott begegnen dürfen, wie auch immer es uns gerade geht. Wir können mit ihm reden, vor ihm schweigen, lachen oder weinen, ihn loben und ihm danken oder aber klagen und fragen. So wie Gott nicht mit uns Verstecken spielt, brauchen wir uns unsererseits nicht vor ihm zu verstecken. Wir dürfen ganz uns selbst sein, wenn wir ihn aufsuchen und uns in seiner Gegenwart beschenken und prägen lassen von der Zusage: Du bist meine geliebte Tochter! Du bist mein geliebter Sohn!

Zur Person
Sibylle Schlatter begeistert es, theologischen Fragen und biblischen Zusammenhängen auf den Grund zu gehen. Es berührt sie, wenn sie dabei Gottes Vaterherz auf die Spur kommt. Die Ethnologin ist verheiratet und Mutter von vier Kindern.

( © Online-Redaktion ERF Medien)
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