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Die Macht des Wortes und die Ohnmacht der Wörter

Mann hält symbolisch einen Sprechblase vor seinen Kopf
Worte können Macht haben | (c) 123rf
15.07.2020
Schier endlos können wir Beispiele für ihre Wirkkraft aufzählen.
 
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Von Ralph Kunz

Worte wirken! Wer wollte es bestreiten? Wenn ich der Geliebten meine wahren Gefühle offenbare oder meinem Gegenüber meine Verachtung zeige, wenn ein Staatsoberhaupt unbedacht twittert oder ein Vertrag eine Klausel enthält, die eine Streitsache entscheidet, wenn ein Wort mich trifft, aber auch umgekehrt, wenn ich eine Warnung überhöre, dann merke ich es: Gesprochene oder geschriebene Worte haben Macht! Schier endlos können wir Beispiele für ihre Wirkkraft aufzählen. So verwunderlich ist das nicht. Schliesslich handeln und behandeln wir beinahe alles mittels Sprache.

Machtwort ohne Wirkung

Allerdings fällt uns flugs die andere Erfahrung ins Wort. Wer sich mit der Erziehung von Kindern herumschlägt, kommt unweigerlich zur Erkenntnis, dass es Situationen gibt, in denen man gerade so gut an eine Wand reden könnte. Was habe ich schon an Weisheiten von mir gegeben und wie viele überzeugende Plädoyers zu den Teenies gehalten: «Räum Dein Zimmer auf!» – «Mach zuerst die Hausaufgaben!» – «Denk daran, die Hamster zu füttern!» Und das Zimmer sieht immer noch aus, als ob eine Armee durchmarschiert wäre, die Hausaufgaben bleiben ungelöst und die armen Hamster wären verhungert, hätte sich nicht der erfolglose Erzieher ihrer erbarmt. Worte wirken nicht immer. Wer wollte es bestreiten?

Das Nachdenken über den Erfolg der Worte findet im Medium der Sprache statt, also in Form einer Selbstreflexion auf die Sprache. Das hört sich kompliziert an und ist es auch. Die grandiose Fülle der Gedanken, die sich einstellen, wenn man über das Sprechen spricht, macht einen sprachlos. Wo soll man anfangen und wie den Schwindel vermeiden, den solch ein gedanklicher Purzelbaum auslösen kann?

Worte

Die Kunst der guten Rede

Konzentrieren wir uns auf die Frage, was eine Rede stark macht! Es ist das Thema der Rhetorik – auf Deutsch: der Kunst des guten Redens. Rhetorik hat eine lange Tradition. Es fällt ja nicht erst heute auf, dass es wirkungsvolles und wirkungsloses Reden gibt, und es ist sicher kein Zufall, wie viele wunderbare Worte für Letzteres existieren. Wer schwadroniert, schwatzt, salbadert, quatscht, plappert, schnattert, faselt oder labert, spricht viel, aber hat nichts zu sagen. Das muss ja auch nicht immer sein. Manchmal ist es ganz angenehm, einfach so daherzureden und ein wenig zu plaudern.

Dümmer ist es, wenn man mit Worten etwas bewegen will und darum eine Rede hält. Ein prominentes Beispiel ist die Predigt. Sie soll Sünder zur Umkehr rufen, die Freude am Glauben wecken und den Hörern die Schönheit und Tiefe des Evangeliums beliebt machen. Nicht die Menge, Länge und nicht die Strenge ist für ihren Erfolg entscheidend. Im Gegenteil! Die misslungene Predigt ist sprichwörtlich langweilig, ein «Abkanzeln» oder «Anpredigen». Ein Gedicht des Berner Dichterpfarrers Kurt Marti bringt es schön auf den Punkt:

Der Ort versammelt - die Leute singen - die Wörter fallen - das Wort bleibt aus.
Kurt Marti
Berner Dichterpfarrer

Das Gedicht spricht vom Gottesdienst, der Titel heisst «Predigtnot». Marti macht mit einem einfachen Kontrast auf die Erwartung aufmerksam, die eine gute Rede weckt. Wer einer Predigt zuhört, will keinen Durchfall der Wörter, sondern hofft auf das Wort, das trifft. Der Redeschwall aus Wörtern geht über die Köpfe hinweg, aber nicht zu Herzen Das Wort, das trifft, ist ein lebendiges Wort. Es tut, was es sagt. Es geht nicht zum linken Ohr hinein, um unverrichteter Dinge zum rechten Ohr wieder herauszuschlüpfen. Es will in uns hineinkommen und etwas im Inneren verändern. Es ist ein erschütterndes, aufbauendes, neumachendes oder wegweisendes Wort. Die Einzahl steht für die vielfältige Wahrheit, die es vermittelt! Natürlich kann die Predigtlehre von der weltlichen Rhetorik viel lernen. Dass man nicht weitschweifig spricht, sondern auf den Punkt kommt oder dass ein Bild mehr sagen kann, als lange Erklärungen. Davon wissen auch gute Anwälte, Politikerinnen oder Verkäufer. Aber das sind zunächst nur Regeln.

Was Reden bewirkt, zeigt das Beispiel. Man muss nur ein wenig in der Schatztruhe der eigenen Erinnerungen wühlen, um die Goldstücke zu finden. Mir kommt ein Spaziergang mit meinem Vater in den Sinn. Ich war ein Erst- oder Zweitklässler. Unterwegs trafen wir einen Bekannten, ich glaube es war ein Betreibungsbeamter, der Pulver hiess. Mein Vater und Pulver verhandelten etwas und dann fiel ein Satz, der sich mir einprägte. Mein Vater sagte: «Hundertmal hundert ist zehntausend.» Wie ein Blitz traf mich die Erkenntnis. Das ist eine ungeheuer wichtige Wahrheit! Und ich hatte ein Macht-, mehr noch, ein Zauberwort, das mir fortan Ruhm und Ehre bringen sollte. Und tatsächlich konnte ich mein Wissen mit diesem Satz unter Beweis stellen. Ich machte allerdings auch die Erfahrung, dass sich die Faszination der Umwelt für meine Weisheit nach etlichen Wiederholungen verflüchtigte. Sie hörten gar nicht mehr hin.

Worte | (c) ERF

Hörerfahrung

Jesus war zweifellos ein guter Redner. Er packte seine wichtigsten Lehren in Gleichnisse. In einem geht es um die Wirkung der Worte, die wie Samen von einem Sämann gesät werden. Einige fallen auf steiniges Gelände und verdorren, andere werden von Dornen erstickt, aber wieder ein anderer Teil fällt auf fruchtbaren Boden und entfaltet hundertfältig Frucht. Das Gleichnis illustriert eine zentrale Einsicht der Sprachphilosophie und bestätigt sowohl die Erfahrung des fruchtlosen Erziehers und die Zauberwortenttäuschung: Das Wort, das wirkt, zählt auf Ohren, die hören. Das stärkste Machtwort verhallt, wenn es nicht empfangen wird. Sei es, weil die Hörer meinen, sie hätten es schon zu oft gehört, sei es, weil die Hörer etwas nicht hören wollen, was ihnen unangenehm ist. Wer meint, dass alle Hörer immer zuhören, hat sich verrechnet.

Erfolglose Redner können sich damit trösten, dass es (nicht nur) an ihnen liegt, wenn nur Wörter fallen und das Wort ausbleibt. Aber ein Freipass ist das natürlich nicht! Es ist eher eine Warnung, sich nicht auf seine eigene Wortmacht zu verlassen. Zur rhetorischen Lektion kommt die geistliche
Einsicht. Das Gleichnis vom fruchtbaren Wort ist eine Einladung, auf Gott zu hören, bevor man den Mund auftut und anderen die Leviten liest. Die Hörerfahrung ist die Voraussetzung der guten Rede. Was auf guten Boden fällt, soll Frucht bringen, wieder gute Rede werden, die weitergeht, um dann wieder auf guten Boden zu fallen, sozusagen hundert Mal hundertmal, wenn Sie wissen, was ich meine. Und von wem kommt das gute Wort?

In der Morgenliturgie bitten die Betenden: «Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund Dein Lob verkünde.» Das Gebet gibt auch einen Wink, woran Hörer eine gute Rede erkennen. Dient sie dem Leben? Macht sie Gott Ehre? Wirkt sie Segen? Das hebräische Wort barak steht für «segnen» und «loben». Wenn wir den Mund öffnen, sollen wir wie Gott gute Worte reden und wenn wir ein gutes Wort hören, sollen wir es wie Maria in unserem Herzen bewahren.

Worte

Benedeien und Vermaledeien

Das altertümliche Wort «benedeien» ist eine Eindeutschung der lateinischen Benediktion und bewahrt etwas von einem Sinn der guten Worte, in denen mehr steckt als gute Rhetorik. Segensmacht ist noch einmal etwas anderes als die Empfangsbereitschaft der Hörer. Im Lob, im Segen kommt eine Macht zum Tragen, die das Gute bewirkt. Der Segen ist Sprechen, das den Umweg über den Namen macht. Wer segnet, ruft den Namen Gottes an. Es geht also beim Segnen nicht darum, andern Reden zu halten und sich verständlich zu machen. Gott segnet, nicht der Spruch. Der Segen ist im strikten Sinne des Wortes Zuspruch; er bespricht nichts, er verspricht. Wenn ich dem Gegenüber Gott zuspreche, will ich Gott wirken lassen. Nur in dieser Ablenkung hat mein Wort Kraft. Wenn wir einander grüssen oder gute Besserung wünschen, blitzt etwas vom religiösen Erbe der Segnung auf. Wir sagen «A dieu» und «Grüezi» – das ist eine Abkürzung für «Grüss Gott». Die Briten sagen «bless you», wenn einer niest. Worte sollen Gutes tun! Sie sollen tun, was sie sagen.

Der Segen ist ein Sprechakt, der denen, die zuhören, Frucht bringen soll. Im Licht dieser erhofften Wirkung könnte man die Predigt als ein Wort charakterisieren, das seine Hörer sucht, um sie in den Segensraum hineinzurufen. Gottes Wort kann das bewirken. In den Reden Jesu spürt man etwas von der Sehnsucht Gottes, wenn er den verlorenen Menschen zurückruft – wie ein Hirte, der sich auf die Suche macht nach dem einen Schaf aus seiner Herde, das sich verirrt hat, eines von hundert! Das Wort, das sucht und das Wort, das segnet, sind beides keine Machtworte. Man kann sich ihnen verweigern. Sie sind nicht zwingend. Sie werben, locken und laden ein. Was ihre Kraft ausmacht, wird einem auch klar, wenn man sich mit der Kehrseite befasst. Das Wort, das vertreibt und das Wort, das verflucht entfalten eine andere Macht. Sie spalten, vernichten, bannen und töten. Das Vermaledeien ist das Gegenteil des Benedeiens. Wir schimpfen, zetern, fluchen und pöbeln, wenn uns etwas oder jemand ärgert. Einige Menschen leiden lebenslänglich an der Wortmacht einer Beleidigung, die ein Vertrauensverhältnis zu zerstören vermochte. Worte, die uns beschämen oder blossstellen oder verleumden, sind Angriffe auf unsere Person. Schier endlos können wir Beispiele für diese Wirkkraft aufzählen. So verwunderlich ist das nicht. Schliesslich misshandeln wir uns auch mittels Sprache …

Segnet, die euch fluchen

Wäre es – eingedenk dieser Risiken – nicht besser zu schweigen? Wie viele Male dachte ich schon: Hätte ich bloss den Mund gehalten! Allerdings machte ich auch die beschämende Erfahrung, dass ich nichts zu sagen wusste, als es drauf angekommen wäre! Es gibt Situationen, in denen das gute Wort gegen das schlechte Wort anreden muss. Schlägt das Benedeien das Vermaledeien? Schön wär’s! Die Segnenden müssen damit rechnen, dass sie aufs Maul bekommen. Jesu Gebot, «liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen» (Mt 5,44) ist – im doppelten Sinne des Wortes – eine unerhörte Botschaft. Wer sie weitersagt, riskiert mehr als eine Lippe.

Trotzdem! Die Feindesliebe ist eines dieser Worte, die hundertfältig Frucht bringen, wenn sie auf guten Boden fallen. Dieses Wort hat die Kraft, Berge zu versetzen. Es gibt zehntausend Gründe, daran zu glauben, danach zu handeln und es in Gottes Namen weiterzusagen!

Übrigens enthält dieser Artikel ungefähr 1660 Wörter, etwas mehr als 10 000 Zeichen. Ob ein Wort Sie getroffen hat? Ich kann es nur hoffen. Auf jeden Fall weiss ich: Es sind hundertmal hundert Zeichen!

Zur Person

Ralph Kunz (55) ist evangelisch-reformierter Pfarrer und seit 2004 Professor für Praktische Theologie an der Universität Zürich (Schwerpunkte Homiletik, Liturgik und Poimenik).

Ralph Kunz | (c) privat

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( © Online-Redaktion ERF Medien)
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