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Ein Stift liegt quer zum Rest | (c) 123rf

Immer diese Querdenker

Von Ruedi Josuran

Wie immer man diese Persönlichkeitstypen nennen will – Querdenker, Spiky Leaders oder Freaks: Sie bringen Unruhe in jedes Team, scheuen auf, haben verrückte Ideen – oder eben Visionen! In ihrer Persönlichkeit, wie auch ihrem Outfit, sind sie oftmals unangepasst einzigartig. Auch in ihrem Denken und Handeln. Manche wären gerne selber Querdenker, doch das hat auch seinen Preis.

Mitten drin in meiner Gedankenwelt stolpere ich über ein Inserat. Da lese ich:

«Was würde Jesus tun, wenn er in der Region Olten leben würde? Wie kann man Gott nahe sein und trotzdem mit beiden Füssen auf dem Boden bleiben? Diesen und ähnlichen Fragen wollen wir gemeinsam auf die Spur kommen. «Wir», das sind Normalos und Querdenker, Geschäftsleute und Sozialhilfebezüger, Väter, Mütter, Singles, Teens und Kids – kurz: ein nicht allzu alltäglicher Mix von Menschen aus Olten und Umgebung mit einem Traum: Eine Kirche ohne Mauern, so randvoll gefüllt mit der Kraft und Liebe von Jesus, dass Menschen magnetisch angezogen, begeistert und verändert werden, und durch sie die gesamte Region positiv beeinflusst wird.»

Dieser Text gefällt mir. Normalos gemeinsam unterwegs mit Querdenkern. Spannende Mischung. Regt weitere Gedankengänge an. Und Jesus mittendrin.

Angela Merkel war Physikerin, Max Frisch Architekt, Emil Steinberger Pöstler. Berufliche Quereinsteiger gibt es heute mehr denn je. Je nach Branche verlässt ein Drittel bis die Hälfte irgendwann den Erstberuf. Wo Mangel an Arbeitskräften herrscht, werden Quereinsteiger sogar umworben.

Querdenker werden oft erst posthum geschätzt
Quer-Denken ist gefragt. Ob in Parteien oder Unternehmen, bei Verbänden oder in den Gewerkschaften, zu wissenschaftlichen oder kirchlichen Fragen. Menschen, die sich bestehenden Dogmen und althergebrachten Meinungen widersetzen. Menschen, die Bedenken anmelden, unliebsame Fragen und Handlungsmuster zu stellen wagen. Andererseits werden aber gerade Querdenker als «Gefährder des Bestehenden» abgelehnt und müssen mit heftigem Gegenwind rechnen. Dann aber – oftmals erst posthum – werden sie verehrt, bewundert und verherrlicht.

Die Umgebung reagiert unterschiedlich auf diese «Quer-Köpfe»:
Die einen fühlen sich in gewohnten Denkbahnen und Handlungsmustern wohl (und sicher). Andere begegnen grundsätzlich allem Neuen erst einmal mit skeptischer Grundhaltung. Bleiben dabei abwartend und recht reserviert. Eine dritte Gruppe hat überhaupt kein Interesse an einer Veränderung, weil es ihnen unter den bestehenden Verhältnissen gut geht.

Heutiges Weltwissen war einst gedanklich komplettes Neuland
Jede wirklich neue Erkenntnis oder Erfindung ist beim ersten Denken so ungeheuerlich, dass man nicht sicher sein kann, ob sie nicht einfach verrückt ist. Gerade bei den ganz neuen Überlegungen ist der Grat zwischen Genie und Spinner oftmals beängstigend schmal. Doch manche Menschen können nicht anders, als trotzdem einer fixen Idee zu folgen, auch wenn sie dafür sozial geächtet werden. Warum das so ist, dieser Frage geht Jürgen Schaefer in seinem Buch «Genie oder Spinner – Sind wir offen für Neues?» nach. Schaefer erinnert daran, dass grosse Teile unseres heutigen Weltwissens einst gedanklich komplettes Neuland waren. Alfred Wegeners Idee von den auseinanderdriftenden Kontinenten beispielsweise, Thomas Alva Edisons Vorstellung, dass ein im Vakuum glühender Kohlefaden dauerhaft Licht spenden müsste oder Albert Einsteins Erkenntnis, dass Zeit nicht immer gleich vergeht. Sie alle wurden für Spinner gehalten, im Wissenschaftsbetrieb ausgegrenzt, verhöhnt oder landeten gar wie der Entdecker des Kindbettfiebers, Ignaz Semmelweis, im Irrenhaus.

Ebenso betont der Wissenschaftsjournalist Schaefer: «Alle lieben die Querdenker, wenn sie nur lange genug tot sind. Gehören sie hingegen zum eigenen Team oder zur eigenen Firma, machen sie uns einfach nur wahnsinnig und werden im schlechtesten Fall als Querulanten abgetan.»

Auf den ersten Blick galten viele von ihnen als Genies. Von Albert Einstein weiss man, dass er oft stundenlang dasass und grübelte. Charakteristisch für seine Arbeitsweise war, dass er stets versuchte, Fragen von allen Seiten zu betrachten und von ganz unterschiedlichen Disziplinen her zu beleuchten. Auf diese Weise, als Querdenker im wahrsten Sinne des Wortes, fand Einstein den Schlüssel zur Auflösung vieler Fragen.

Querdenker sind jene Menschen, die oftmals durch «Anders denken» aus der Masse hervorstechen. Sie haben häufig «Ungereimtheiten» in der Vita und zeichnen sich durch kreatives, unkonventionelles Denken aus. Professor Howard Gardner schreibt in «5 Denkweisen für die Zukunft», dass man in der Wissenschaft jene Querdenker als the «Big C» – the Big Creator bezeichnet, dass diese neue Lösungen schaffen, Neues ausprobieren, immer wieder neue Ideen und Verfahren entwickeln und es auch nach einem offensichtlichen Misserfolg aufs Neue versuchen.

Querdenker stellen Dinge konstruktiv in Frage
Dabei gibt es zwei Ebenen:
1. Ich stelle meine eigenen Denkmuster, Verhaltensweisen und Überzeugungen in Frage. Sogar das, was ich für normal halte und was man sich nicht zu hinterfragen traut. Denn manchmal machen wir Dinge nur noch aus Gewohnheit, obwohl sie schon lange keinen Sinn mehr ergeben.

2. Ich stelle das in Frage, was «aussen» ist: Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, Kirche. Dabei stelle ich gerne die Frage: Was ist normal? Was sollte normal sein? Dadurch reduziert sich die Angst, Neues auszuprobieren. Das ist viel wichtiger, als im Kopf auf Perfektionismus zu warten. Raus aus der Komfortzone – rein ins Abenteuer! «Du bist dann ein Querdenker, wenn du den Status quo hinterfragst», meint ein langjähriger Werber, mit dem ich am Telefon über das Thema spreche: «Dann muss er allerdings auch aus den daraus gewonnenen Erkenntnissen etwas umsetzen.» Und das macht eben den Querdenker aus. Nicht nur denken – auch handeln.

Ist man Querdenker – oder eben nicht? Ein PR-Fachmann ergänzt an einer Tagung: «Das Querdenken ist eine innere Haltung, die sich im Verlaufe des Lebens entwickelt. Nicht jeder wird damit geboren, doch wir wachsen an unseren Aufgaben und Interessen.»

Querdenker können besonders gut mit Misserfolgen umgehen!
Die meisten uns bekannten Querdenker haben nachweislich in jungen Jahren schon gelernt, mit Misserfolgen umzugehen.

Sie sind risikobereiter!
Der Umgang mit Misserfolgen und Niederlagen hat sich in positiver Hinsicht auf das Selbstbewusstsein ausgewirkt. Mit jeder Entscheidung wächst das Selbstbewusstsein und der Mut, Risiken einzugehen.

Sie gehen ihren eigenen Weg!
Als Albert Einstein ohne Abschluss das Gymnasium verliess, werden wohl seine Eltern «not amused» gewesen sein! Und dennoch ging er seinen Weg!

Sie vertrauen schon sehr früh auf ihre eigenen Fähigkeiten!
Die Fähigkeit selbstbewusst und mutig den eigenen Weg zu gehen, lässt sich meiner Meinung nach nur damit begründen, dass sie schon sehr früh gelernt haben, auf ihre eigenen Fähigkeiten zu vertrauen.

Sie lassen sich nicht von Misserfolgen entmutigen!
Klar, Niederlagen und Misserfolge sind nicht gerade motivierend. Aber Steve Jobs, ehemaliger Chef von Apple Inc., hat einmal gesagt: «Vergeuden Sie nicht Ihre Zeit damit, dass Sie das Leben eines anderen leben.» Wer erfolgreich sein will, muss anders sein. Deshalb schiessen die Kreativitätsseminare wie Pilze aus dem Boden. Oder anders formuliert: Querdenken könnte auch heissen, sich selber immer wieder neu zu erfinden.

Die Einzigartigkeit wird heute vor allem in der Werbung hervorgestrichen. Im Marketing hat man fast nur eine Chance, wenn man anders ist, wenn man eine Unic Selling Position (USP) besitzt. Trotzdem stelle ich mir die Frage: Ist alles Querdenken auch gesellschaftlich wertvoll? Querdenken scheint mir auf den ersten Blick kein Wert an sich zu sein. Es genügt nicht, einfach nur anders zu sein. Man muss auch wissen, wie oder was man sein will, wenn man anders als die anderen sein will. Sonst bleibt man einfach ein Querulant oder Besserwisser. Querdenker stellen Fragen, die so noch nie gestellt wurden. Es macht ihnen Freude, alltägliche Dinge und Handlungen zu hinterfragen, genau hinzusehen und eine Lösung dort zu finden, wo man bisher noch nicht gesucht hat. Eben querdenken oder denken «out of the Box».

Zu den Menschen, die ein angeborenes Talent dafür haben, quer zu denken, gehören übrigens Personen mit Autismus. Das ist eine angeborene, andere Reizverarbeitung im Gehirn, wodurch die Welt anders gesehen wird. Erhöhte Detailwahrnehmung, Mustererkennung, Konzentrationsfähigkeit, Genauigkeit und Ehrlichkeit sind Stärken, die Menschen mit Asperger-Syndrom, einer Form von Autismus, oft mitbringen. Die dänische Personalvermittlungs- und Zeitarbeitsfirma «Specialisterne» ist Meister darin, Querdenker zu rekrutieren und Unternehmen dabei zu helfen, Rahmenbedingungen so anzupassen, dass der nötige Freiraum für Spitzenleistungen entsteht. Die Organisation findet seit Jahren Jobs für Menschen mit Autismus, die oft besondere Talente mitbringen, nach denen am Bewerbermarkt vergeblich gesucht wird. Immer wieder berichten Unternehmen, die bereits erfolgreich mit Personen mit Autismus zusammenarbeiten, dass deren kritischer und rein logischer Geist schon so manche Prozessinnovation begründet hat. Wissenschaftlern und Forschern werden oft autistische Züge nachgesagt, denn Menschen mit Autismus zeichnet unter anderem aus, dass sie den Status quo gerne hinterfragen! Mit diesem Potential richtig umzugehen, braucht aber ganz andere Wege der Rekrutierung und Zusammenarbeit.

Das Wort «Diversität» ist in aller Munde und aus Unternehmensbroschüren nicht mehr wegzudenken. Denn von gut durchmischten Teams erhofft man sich innovative Ideen, die Firmen einen Wettbewerbsvorteil verschaffen sollen.

Gerade querdenkende Menschen haben es in der Arbeitswelt jedoch nicht leicht. In traditionellen Unternehmen, aber auch in Kirchen oder Freikirchen gelten sie allzu häufig als «Unruhestifter», weil sie Bestehendes infrage stellen. Viele ideenreiche Querdenker scheitern bereits im Auswahlprozess und an den Recruiting-Richtlinien, die sich mehrheitlich nur an Standard-Lebensläufen orientieren.

Querdenker im Alten Testament
Die Prophetinnen und Propheten des Alten Testamentes waren ebenso unbequeme Zeitgenossen; ein Stachel im Fleisch der Gesellschaft, die auch dann die Wahrheit sagten, wenn niemand sie hören wollte. Sie trugen das volle Risiko ihrer Worte: frech, bissig, spöttisch, traurig, verzweifelt, einfordernd, wegweisend, sich einmischend.

Querdenker findet man durch die ganze Bibel hindurch. Da gibt es die Beliebten. Die, die zuoberst auf der «Like-Liste» stehen. Esther, Mose, Maria, Johannes, Petrus. Doch es gibt noch andere, ganz andere. In der Bibel begegnen uns auch unbequeme Figuren, mühsame Zeitgeister und sperrige Gestalten. Einige kommen zur Vernunft, kehren um – oder steigen vom «hohen Ross» oder Baum herunter wie zum Beispiel Zachäus. Andere aber nicht. Sie bleiben Querulanten, Querschlägerinnen und Querdenker. Sie passen nicht in unser Schema. Sie stören unsere Gottesdienste und Andachtsräume. Oder ich denke an Rahab. Sie steht quer in der Glaubens- Landschaft. Josua schickt zwei Männer aus, um Jericho und das umliegende Land zu erkunden. In der Bibel heisst es weiter: «Und sie gingen und kamen in das Haus einer Hure, die Rahab hiess, und dort nächtigten sie.»

Zwei Männer aus dem Volk Israel übernachten also im Haus einer Hure. Politisch korrekt sagen wir heute: Sexarbeiterin. Dem König von Jericho wird zugetragen, dass Späher in seiner Stadt sind und so schickt er einige seiner Männer, um die Späher aus dem Haus der Rahab herauszuholen. Rahab hört davon und versteckt Josuas Männer auf ihrem Dach, sodass diese der Gefahr der Verhaftung oder gar des Todes durch die Soldaten des Königs entgehen. Die Späher fliehen danach ins Bergland und können anschliessend unbehelligt zu Josua zurückkehren und ihm Bericht erstatten.

Dank Rahab haben diese Männer überlebt. Dank Rahab konnte Josua später Jericho einnehmen. Und Rahab und ihre Familie wurden dabei verschont.

Später, im Matthäusevangelium wird Rahab gar im Stammbaum Jesu aufgeführt. Rein moralisch hätten die meisten Kirchen oder Freikirchen ihre liebe Mühe mit dieser Frau gehabt. Auf den ersten Blick? Und auf den Blick Gottes? Aus seiner Perspektive?

Die Heilsarmee liess sich von der ungewöhnlichen Biografie genau dieser Frau inspirieren. «Rahab», nennt sich ihre Arbeit unter Frauen im Milieu der Prostitution. Eine «quere» Geschichte diente als Vorbild für christliches Handeln im Milieu.

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