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Menschenmenge | (c) dreamstime

Wut, Protest und Volkes Wille?

Von Catherine McMillan

Wahrscheinlich sind wir alle schon in die Populismus-Falle geraten. Wer sich politisch und religiös interessiert, denkt meistens leidenschaftlich. Und da ist die Grenze zwischen sachlich-engagierter, leidenschaftlicher Auseinandersetzung und Populismus manchmal ganz nahe beieinander. Catherine McMillan ist vielen bekannt als Sprecherin der Sendung «Wort zum Sonntag» und Zürcher Reformationsbotschafterin. Mit ihren pointierten Gedanken regt sie regelmässig zum Nachdenken an. Am letztjährigen Medientag der Schweizerischen Evangelischen Allianz hat sich die Theologin mit dem Thema Populismus auseinandergesetzt. In zehn Punkten gibt sie einen hilfreichen Überblick über die verschiedenen Aspekte des Populismus.


1. Populismus spielt mit der Angst und beschwört die Katastrophe herbei.
Jesus sagt über die Angst: «In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. » (Johannes 16,33)

Das bedeutet nicht, dass Christen nie Alarm schlagen dürfen. Jesus fordert uns auf, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Doch dann sollten wir nach ernsthaften Lösungen suchen, nicht einfach Ängste schüren.

Im Mittelalter entlarvte Martin Luther die Ablassprediger, die aus der Angst der Menschen ein Geschäft machten. Sie spielten mit der Angst der Menschen vor Hölle und Fegefeuer. Sie manipulierten bewusst die Massen, um Geld in die Kasse der Kirche und in die eigene Tasche zu bringen.

Luther durchschaute dieses unrühmliche Treiben und schrieb aus Sorge um seine Wittenberger Gläubigen seine 95 Thesen. Dabei hielt er fest, dass das Heil nicht zu erkaufen sei. Er stellte klar: Wer wirklich bereut, hat Anspruch auf völlige Vergebung – auch ohne bezahlten Ablassbrief. Statt Angst predigte Luther Gnade.

2. Populismus vertritt ein falsches Menschenbild.
Populisten gehen davon aus, dass nicht alle Menschen gleich sind. Ganze Menschengruppen werden verteufelt.

Für Erdogan und seine Anhänger sind es die Kurden. Für Orban sind es die Flüchtlinge. Für Rechtsradikale die Schwarzen und Juden. Für radikale Muslime sind es die Christen, die Amerikaner, die Juden, die Ungläubigen. Für die Antifa sind es die Nazis. Für radikale Hindus sind es die Muslime und Christen.

Wer ganze Menschengruppen verteufelt, widerspricht wichtigen Grundsätzen der Bibel.

Die Gottes-Ebenbildlichkeit aller Menschen (Genesis 1,26) sollte uns heilig sein.

«Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich … Und Gott schuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie. Und Gott segnete sie … und Gott sah alles an, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.»

In meiner Kindheit in den Südstaaten der USA machte ein Witz in der Primarschule die Runde: «Gott machte Menschen, liess sie zu lange im Ofen, sie wurden verbrannt, das waren die Schwarzen. Er versuchte es wieder –, sie wurden aber immer noch zu braun – das waren die braunen und gelben Menschen. Er machte einen letzten Versuch, dann wurden sie genau richtig.» Das fanden die Kinder alle lustig. Man muss sich aber darüber im Klaren sein, dass fast alle diese weissen Kinder jeden Sonntag in eine Gemeinde gingen.

Gerade die Reformatoren entdeckten das biblische Prinzip der Gleichheit. Sie schafften das Zwei-Klassen-System (Klerus und Laien) ab. Alle seien vor Gott gleich. Bis das Gleichheitsprinzip in den Augen vieler Christen auch für Frauen und Menschen aus anderen Völkern und Rassen galt, dauerte es noch lange.

3. Populismus ist eine  Form von Götzendienst.
Für Zwingli und Calvin galt: Gott ist souverän. Wir dürfen nichts an Gottes Stelle anbeten. Christus ist das eine lebendige Wort Gottes.

«Man muss … das edle Angesicht Christi, das von belastender menschlicher Überlieferung übertüncht, entstellt und verschmiert worden ist, wieder reinigen und säubern. Dann wird uns Christus wieder lieb. Wir spüren dann, dass sein Joch sanft ist und seine Lasten leicht.» (Zwingli, Schriften, I, 70, vgl. Mt. 11,30)

Wenn ein politischer Führer bedingungslose Loyalität und «Anbetung» fordert, muss man den zivilen Ungehorsam in Erwägung ziehen. Daran knöpft die Barmer Theologische Erklärung von 1934: «Jesus Christus … ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung ausser und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.» (Art. 1)

4. Populismus verachtet die Schwachen.
Populisten geben den Schwächsten selbst die Schuld für ihre Misere: «Die sind nicht fleissig genug.» Diese Simplifizierung sieht man in den Chats, wenn es um Flüchtlinge und «Sozialschmarotzer» geht.

Wer so denkt, blendet aus, dass die Voraussetzungen extrem unterschiedlich sein können. Während es den einen wirtschaftlich gut geht und sie vielleicht grosse Vermögen erben, können andere durch Kriege, Erkrankung oder Naturkatastrophen mit einem Schlag alles verlieren.

Populisten kümmern sich wenig um die Rechte von Minderheiten. Jesus sagte aber: «Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.» (Mt. 25,40)

Für Zwingli war es klar: Gottes Liebe führt unweigerlich zur Nächstenliebe! Denn Gottes Ebenbild finden wir im Nächsten, besonders in den Armen. Im Jahr 1525 gründete der Zürcher Rat das erste Sozialamt weltweit.

Das Dritte Reich propagierte hingegen die Verachtung. Gebildete Juden wurden solange gedemütigt und enteignet, bis sie erbärmlich und schwach wirkten. Danach konnte man sie mit gutem Gewissen verachten und entsorgen.

Der Theologe Dietrich Bonhoeffer übte das prophetische Wächteramt aus, als er sagte: «Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen.» – «Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.»

Das wäre auch ein Kriterium für die Kommunikation der Kirchen im Umfeld von Populismus: Treten wir als Kirche für die Rechte anderer ein? Oder wollen wir nur unsere Mitglieder bei Laune halten?

5. Populismus redet dir ein, du seist ein Opfer.
Ein Opfer wird nicht herausgefordert, selbstkritisch zu sein. Die populistische Botschaft, dass die anderen an meinen Problemen schuld sind, kommt an. Wer möchte schon hören, dass die Lage komplex ist, dass viele Faktoren eine Rolle spielen? Empathie ist anstrengend. Schnelles Richten fällt leicht.

Jesus aber sagte: «Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet … Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken in deinem Auge aber nimmst du nicht wahr?» (Mt. 7,1–3)

Für unsere Wahrnehmung sind wir auf eine differenzierte, solide Berichterstattung angewiesen. Schon die Reformatoren mahnten zur differenzierten Wahrnehmung, zur Empathie und zum Dienst am Gemeinwohl. Natürlich wurde in der Reformation das Individuum wichtiger, aber nicht auf Kosten der Gemeinschaft. Im Gegenteil, das Individuum wurde in die Verantwortung für das Gemeinwohl einbezogen.

Mass halten und Bescheidenheit haben lange die Reformierten insbesondere – und die Schweiz allgemein – geprägt. Sie sind eine Voraussetzung für die manchmal langweilige, sachliche Konsens-Politik, welche die Schweiz so stabil macht.

6. Populismus teilt die Welt in Gut und Böse.
Der Populist kennt nur schwarz und weiss. Seine Sicht ist die einzige Wahrheit. Da ist keine Spur von Selbstzweifel. Wer die eigene Meinung ändert, gilt als schwach und wankelmütig.
 
Zwingli forderte zum Diskurs auf. Er debattierte öffentlich. Zu den grossen Disputationen kamen Hunderte.
 
Zwingli gab den Leuten die nötigen Rahmenbedingungen, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Er gründete Schulen, damit alle Lesen lernen konnten, auch die Mädchen. Zur humanistischen Bildung gehörten die Sprachen, Philosophen und Kirchenväter als die Quellen der Zivilisation. Zwingli holte die besten Wissenschaftler Europas nach Zürich und übersetzte die Bibel in Teamarbeit.
 
Populisten nennen ihre Gegner gerne «Eliten». Mit einfachen Botschaften deklarieren sie die «Eliten» als böse, korrupte Lügner, die sowieso nur Fake-News verbreiten.
 
In dieser Auseinandersetzung könnten wir von der Haltung der Reformatoren viel lernen. Zwingli, Bullinger, Ökolompad, Bucer, Melanchton und Calvin waren in ständigem Austausch miteinander. So suchten sie den Dialog mit Politikern, Intellektuellen und einfachen Leuten. Sie schrieben Briefe, besuchten sich gegenseitig, debattierten, diskutierten, bemühten sich um Konsens.
 
Allerdings wurde auch Luther zuweilen polemisch gegen Zwingli und Calvin. Er nannte sie sogar Ketzer. Luther zeigte tatsächlich populistische Tendenzen. Er stand gerne im Rampenlicht. Seine Beliebtheit und Autorität nützte er, um die Bauern und die Täufer in Schach zu halten. Er wütete gegen die Juden. Das zeigt, dass die Grenzen zwischen bewegend im guten Sinne und populistisch im negativen Sinne nicht immer klar sind. So sehr wir als Christen und Kirchen die Menschen erreichen und bewegen sollen, gilt es, achtsam zu sein. Achtsam, damit es nicht um uns persönlich, sondern um Christus, den Leib Christi und um das Wohl aller Menschen geht.

7. Populismus manipuliert die Massen für eigene Zwecke.
Viele Populisten reklamieren für sich, im Namen des Volks zu reden und zu handeln. Wobei eine knappe Mehrheit für sie dann schon «das Volk» ist.
 
Populistische Verantwortungsträger verlangen gerne, dass das Volk sie in Schutz nimmt, anstatt dass sie ihr Volk schützen!
 
Ich erinnere mich an den türkischen Präsidenten Erdogan, wie er in seinem Palast sitzt und das Volk auffordert, auf die Strasse zu gehen, um ihn vor den Panzern der Putschisten zu schützen. Und sie machen es. Er ist ihre Identifikationsfigur. Viele würden ihr Leben für ihn riskieren.
 
Ich sehe Trump, wie er nach seiner schockierenden Reaktion auf den Aufmarsch der Rechtsradikalen im August 2017 in Charlottesville, zu seinen Anhängern geht, um von ihnen Lob und Anbetung zu bekommen. Er spült wüste Worte über die Presse, gibt allen anderen die Schuld, ist das arme Opfer und der starke Mann zugleich, wird bejubelt und verteidigt.
 
Dabei wäscht er seine Hände in Unschuld. Sich selbst bewertend sagt er: «Meine Antwort war grossartig.» Er gibt den Tätern Recht und ist nicht bereit, die Unschuldigen in Schutz zu nehmen.
 
Ich sehe Pilatus, wie er das aufgeheizte Volk fragt, was es will. «Kreuzige ihn!», rufen sie. Und er wäscht seine Hände in Unschuld. Das Volk hat entschieden. Das Volk hat es so gewollt. Dass das Volk manipuliert wurde, zählt nicht.

8. Populismus missachtet die Gewaltenteilung.
Jeder Populist will, dass die Konzentration der Macht bei Wenigen liegt.
 
Die Gewaltenteilung ist ein Erbe Calvins. Calvin wollte nicht, dass sich zu viel Macht bei einer Person oder einer Gruppe konzentrierte. Nach seinem Menschenbild ist der Mensch leicht korrumpierbar. Die Versuchung wird zu gross.
 
Deshalb gibt es eine Teilung der Macht über mehrere Körperschaften. Das ermöglicht die sogenannten «Checks and Balances». Es gibt die Legislative, die Exekutive und die Judikative.
 
Heute hört man in verschiedenen Ländern Sätze wie: «Dann ändern wir die Verfassung. Dann setzen wir Richter ein, die uns passen. Die Exekutive bekommt mehr Macht, das Parlament weniger.» Dass diese Veränderung meist mit der Überwachung der Medien einhergeht, versteht sich von selbst.
 
9. Populismus tauscht Moral für Macht.
Den Reformator Zwingli störte die Heuchelei der damaligen Bischöfe und Äbte sehr: «Falsche Hirten sind nichts anderes als falsche Propheten … Erstens kommen sie unbewaffnet und harmlos daher, wie Schäflein, die kein Härchen krümmen können … Doch wie sich der Wolf am Gebiss verrät, so verraten sie sich mit ihren Auftritten …» (Zwingli, Schriften, I, 289)
 
Zwingli prangerte die Herrsch-, Ruhm- und Prunksucht der Geistlichen an. Sie luden den Armen unnötige Bürden auf. Doch Jesus sei gekommen, um den Geplagten und Beladenen Ruhe zu geben!
 
Populisten laden den Menschen Lasten auf und kultivieren ein Denken, das sie von ihnen abhängig macht.
 
In manchen Ländern dieser Welt sind «Hofprediger» und «falsche Propheten» am Werk. Ihnen wird Einfluss und Ruhm versprochen. Aber dafür schulden sie ihren Gönnern 100-prozentige Loyalität.

10. Populismus zieht die Medien an.
Jesus misstraute jeglicher Sensationslust: «Ihr fordert ein Zeichen», sagt er in Matthäus 16,4, «aber es wird euch kein Zeichen gegeben werden als nur das Zeichen des Propheten Jona!» Das ist sein Tod, verbunden mit seiner Auferstehung nach drei Tagen. Ersteres ist eine Schande und eine öffentliche Niederlage, das andere wird nur für die Gläubigen sichtbar.
 
Manchmal heilte Jesus und sagte danach, dass der Geheilte es für sich behalten sollte. Kein Populist würde so handeln. Jesus «modelt» einen dienenden Führungsstil, der unspektakulär ist. Ob er den Medien heute überhaupt aufgefallen wäre?
 
Erinnern wir uns an den US-Wahlkampf: Trump war eine Sensation. Seine Wut, seine politische Unkorrektheit und sein amoralischer Lebensstil schockierten und riefen emotionale Reaktionen hervor. Er bekam damit unschätzbare, kostenlose Sendezeit im Fernsehen, weil dies Einschaltquoten garantierte. Gleichzeitig wurde Clintons Umgang mit E-Mails so aufgeblasen, dass über die inhaltlichen Punkte ihrer Kampagne kaum berichtet wurde. Wirtschaftliche Interessen der Medien und fehlende Fakten-Checks trugen zum Wahlsieg eines extremen Populisten entscheidend bei.
 
Zum Mindesten besteht die Verantwortung christlicher Medien in einer seriösen Überprüfung von Fakten. Langfristig rächt es sich, wenn Medien den Populisten so viel Aufmerksamkeit schenken. Diese Populisten werden sich später gegen genau diese Journalisten wenden, die ihnen zum Aufstieg verholfen haben.
 
Als Christen, Gemeinden und Kirchen haben wir die Aufgabe, kritisch zu unterscheiden (1. Kor. 12,10; 1. Thess. 5,21) und uns nicht ins Schema dieser Welt einzufügen (Röm. 12,2). Lasst uns demütig bleiben, aufeinander achtgeben, aufeinander hören und das Ohr beim Wort Gottes haben. Wie der Prophet Micha schon sagte: «Er hat dir kundgetan, Mensch, was gut ist, und was der Herr von dir fordert: Nichts anderes, als Recht zu üben und Güte zu lieben und in Einsicht mit deinem Gott zu gehen.» (Micha 6,8)

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