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Flüchtlinge auf dem Meer | (c) dreamstime

Wir wollen einfach nur helfen

Mehr als eine Million Menschen haben sich in den vergangenen Jahren auf den gefährlichen Weg nach Europa gemacht. Sie sind auf der Suche nach einem Leben in Würde, Freiheit und Sicherheit. Was zuvor für viele Europäer ein abstrakter Gedanke war, wird nun im Alltag erfahrbar. Bei Kirchen und Gemeinden löste diese «Bewegung» teilweise diffuse Ängste aus. Diese gilt oft nicht nur den Flüchtlingen, sondern der Ungewissheit, wie sich die Welt angesichts von Krisen und Digitalisierung künftig entwickeln werde.

Als Zeichen der Hoffnung und des Glaubens erkennen aber gerade Christen ihren ursprünglichen Auftrag zu handeln. Vorne mit dabei sind neben den staatlichen Kirchen die Freikirchen. Sie engagieren sich vor allem für Flüchtlinge, deren Verfahren am Laufen sind. Denn die Gemeinden sind gerade hier auf Freiwillige angewiesen: Sie haben vom Kanton keinen spezifischen Auftrag, Flüchtlinge zu integrieren, und werden daher für ihre Angebote finanziell nicht entschädigt.

Für Aktion statt Resignation hat sich auch die «Kirche im Prisma» in Rapperswil-Jona entschieden. Sie gehört zum Bund FEG Schweiz. Im Leitbild der «Kirche im Prisma» ist folgendes zu lesen: «Ich will meinen Nächsten, der Stadt oder dem Ort, in dem ich wohne, Gutes tun. Dadurch soll Gottes Liebe in dieser dunklen Welt wie ein Licht aufleuchten und ermutigen. Jeder Christ in unserer Kirche ist ein Hoffnungsträger und Wegweiser für den Nächsten. Wir leben den sozialdiakonischen Auftrag (Gutes tun) in der Gesellschaft, weil wir die Gnade Gottes erfahren haben. Dadurch leben wir Solidarität. Sie ist Ausdruck der Liebe Gottes.»

Ob das in der Praxis so einfach ist, wollten wir wissen von Nathalie Gattiker, Leiterin Ressort Interkulturelle Arbeit, und Reto Pelli, dem Hauptleiter und Pastor der «Kirche im Prisma».

Sie haben kürzlich auf Facebook gefragt: Wie denkt Gott über Flüchtlinge? Dazu haben Sie auch gleich ein paar Bibelverse gepostet. «Ihr dürft die Fremden, die bei euch leben, nicht ausbeuten oder unterdrücken. Vergesst nicht, dass ihr selbst in Ägypten Fremde gewesen seid.» 2. Mose 22,20; «Gott hat den Fremdling lieb.» 5. Mose 10,16; «Gott beschützt die Gäste und Fremden im Land und sorgt für die Witwen und Waisen.» Psalm 146,9a; «Ich war fremd und ihr habt mich bei euch aufgenommen.» Matthäus 25,35. Wie habeSie haben kürzlich auf Facebook gefragt: Wie denkt Gott über Flüchtlinge? Dazu haben Sie auch gleich ein paar Bibelverse gepostet. «Ihr dürft die Fremden, die bei euch leben, nicht ausbeuten oder unterdrücken. Vergesst nicht, dass ihr selbst in Ägypten Fremde gewesen seid.» 2. Mose 22,20; «Gott hat den Fremdling lieb.» 5. Mose 10,16; «Gott beschützt die Gäste und Fremden im Land und sorgt für die Witwen und Waisen.» Psalm 146,9a; «Ich war fremd und ihr habt mich bei euch aufgenommen.» Matthäus 25,35. Wie haben die Leute reagiert?n die Leute reagiert?
Reto Pelli (RP): Ja, das ging dann richtig ab ... Es ist ein emotional überladenes Thema. Ich war aber auch froh, dass sich eine direkt betroffene Flüchtlingsfrau eingeschaltet hat, die klarmachte, dass ihre Flucht alles andere als ein Sonntagsspaziergang war.

Was war Ihr Fazit?
RP: Einmal mehr: «Zeig mir Deine Biographie und ich sage Dir wie Deine Theologie aussieht.» Unsere Biographie und unser Erleben prägen uns stärker, als wir glauben.

Auch Ihre?
RP: Durch meinen Vater habe ich schon als Kind Respekt und Achtung vor anderen Kulturen gelernt. Ohne Berührungsängste. Ich habe auch gelernt, dass Fremde einfach andere Menschen sind, egal woher sie kommen. Sie haben wie ich die gleichen Bedürfnisse. Meine Eltern haben mir eine weite Welt geöffnet.

Haben Sie wirklich keine Berührungsängste vor Fremden?
RP: Nein. Wirklich nicht.

Frau Gattiker, wie sieht das bei Ihnen aus?
Nathalie Gattiker (NG): Bei mir waren Ausländer generell kein grosses Thema. Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen. Wir hatten nur zwei Ausländer. Später habe ich es wie ein Geschenk von Gott angeschaut, dass ich Menschen ohne Vorurteil begegnen kann. Auch wenn sie «anders riechen» oder sich völlig konträr zu uns verhalten.

«Liebe Deinen Nächsten» heisst es in der Bibel. Wer ist aber mein Nächster?
RP: Genau das ist die Kernfrage. Jesus bringt als Antwort auf diese Frage das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter. Jesus lobt darin den Ausländer, den Fremden, der sich im Gegensatz zu den Frommen richtig verhält. Die Message von Jesus ist: Wenn du Not siehst, gilt es zu handeln. Darum geht es. Es kostete den Samariter Zeit, Öl und er gab seinem Nächsten sogar noch Geld, um sich in einer Herberge zu erholen.

Ein Politiker würde jetzt vielleicht sagen: «Aber zu viele kommen nur aus wirtschaftlichen Gründen zu uns ...»
RP: Möglich. Wir sollten aber nicht vergessen, dass noch vor 150 Jahren Zehntausende Schweizer nach Übersee auswanderten. Aus wirtschaftlichen Gründen. Ich bin aber kein Politiker. Mir geht es um eine Kultur und eine Haltung. Es darf nicht sein, dass ich einen Flüchtling treffe, der drei Jahre bei uns ist und noch nie von einer Schweizer Familie eingeladen wurde. Jesus sagt: «Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen.» Vielleicht begegne ich Jesus in solchen Momenten. Als Christ interessiere ich mich für die Geschichte meines Nächsten. «Tue für einen, was Du Dir wünschst für alle zu tun.» Ich kann nicht allen helfen, aber einigen.

Der jüdische Philosoph Martin Buber übersetzt: «Liebe Deinen Nächsten, denn er ist wie Du.»
NG: Reto sprach von einer Haltung. Jenseits jeder Etikette, Schublade. Dann entsteht Begegnung und Verständnis. Ich werde bereichert und lerne neue Facetten und Betrachtungsweisen kennen. Vielleicht bin ich manchmal etwas naiv. Ich habe aber bisher auch als Frau keine negativen Erfahrungen gemacht.

Ist das nicht eine «Willkommenskultur», die ausgenützt werden kann? Ohne Grenzen?
NG: Unsere Angebote sind vor allem ein Anfang. Entscheidend ist die Beziehungsebene. Einladen, sprechen, klären. Und vor allem: sich Zeit für diese Menschen nehmen und nicht nur verwalten.
RP: Nächstenliebe trägt manchmal das Risiko in sich, missbraucht werden zu können. Angst und Unsicherheit ist verständlich. Ich möchte aber nicht da stehen bleiben.
Wir erleben, dass Menschen zu uns kommen, Deutsch lernen, einen Integrationskurs besuchen und sich anpassen. Es gibt aber auch jene, die sich nicht integrieren wollen. Das ist ein Problem.
NG: Manchmal haben wir auch kulturell bedingte Themen wie Pünktlichkeit, eine gewisse Unverbindlichkeit. Das bringt unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter manchmal an Grenzen.
RP: Andererseits, wenn ich mir überlege: Ich müsste die somalische Sprache lernen, völlig anders essen und leben … Wie würde es mir dabei gehen?
NG: Dazu kommt ein weiterer Aspekt, der oft unterschätzt wird: die ganze Problematik der Traumatisierung. Was viele auf ihrer Flucht erlebt haben, ist unfassbar. Da kommt es zu Wesensveränderungen. Und den Betroffenen ist das gar nicht bewusst. Oft drücken sich diese Erlebnisse in psychosomatischen Beschwerden aus, bis hin zu Suizidalität. Wenn wir aber die Geschichten nicht kennen, greifen unsere Sichtweisen zu kurz. Wir reduzieren Menschen auf Defizite oder Dinge, die uns an ihrem Verhalten stören.

Gibt es besonders eindrückliche Geschichten aus den Jahren eures Engagements?
RP: Da gibt es viele Geschichten, die zeigen: Wir können für einzelne den Unterschied machen. Es gibt sogar «Tellerwäscher- Geschichten». Da war zum Beispiel Harim . Harim bekam Asyl und fiel in seiner Arbeit und seiner Umgebung im Altersheim durch seinen tollen Einsatz und seine fröhliche Ausstrahlung auf. Im Rahmen seiner finanziellen Möglichkeiten konnte er seiner Tochter in Somalia eine bessere Ausbildung ermöglichen. Nach dieser Ausbildung erhielt Harims Tochter als erste Frau ihrer Schule in Somalia ein Stipendium, mit dem sie in den USA studieren konnte. Nach dem Studium kehrte sie als Lehrerin zurück nach Somalia und will nun dort den Unterschied machen. Das war eine grossartige Erfahrung für meine Familie, für unser Team und für die Gemeinde, so etwas aus nächster Nähe zu erleben.

Schön und gut ... Aber wäre es nicht besser, die Situation der Flüchtlinge vor Ort, also in ihren Herkunftsländern zu verbessern?
RP: Ja, das braucht es auch. Da ist die Politik gefordert. Ich glaube, niemand verlässt seine Heimat einfach so aus Spass oder Abenteuerlust.
NG: Es gibt da und dort in Medienberichten den Vorwurf, wir würden die Not der Flüchtlinge ausnützen, um sie zu missionieren.
RP: Unsere Motivation zu helfen ist ganz einfach: Wir sind von Gott beschenkt worden. Es darf keine versteckte Agenda geben hinter unseren Diensten.
 
Aber der Glaube wird doch thematisiert.
RP: Ich interessiere mich für Menschen. Wenn mich jemand nach meiner Motivation fragt, sage ich ihm gerne, was mich im Leben motiviert und welchen Glauben ich habe.
NG: Auch mir geht es so: Ich höre zuerst, was diese Menschen bewegt. Meistens kommen wir dabei auf grosse Themen zu reden. Frieden – inneren Frieden und äusseren. Und an diesem Punkt erzähle ich, wie ich selbst Frieden in Gott gefunden habe. Aber ohne Erwartung und Bedingungen. So wie Gott eben auch mit uns umgeht. Ich ermutige sie, dranzubleiben an dieser Suche.
 
Eure Arbeit und speziellen Angebote sind in einem ständigen Wandel. Dein Fazit bisher?
NG: Es ist ein Geben und ein Nehmen. Am Anfang stand das Geben, unsere Aktivität, unsere Ideen. Immer mehr entdecke ich, dass wir auch vieles bekommen. Uns war es auch von Anfang an wichtig, dass sich Menschen nicht nur als Bedürftige erleben, sondern selbst auch integriert werden und Mitverantwortung übernehmen.

Bringt so ein Flüchtlingsengagement nicht auch Unruhe in eine Kirche?
RP: Wenn Du eine Kirche sein willst, die offen ist für Menschen, die noch nicht bei uns sind, bringt das Arbeit und Unruhe. Sind wir uns als Christen eigentlich bewusst, dass wir auch noch nicht dort angekommen sind, wo wir hingehören? Wir sind zwar nicht auf der Flucht, aber noch nicht am Ziel. Vielleicht sollten wir uns nicht so einrichten, dass es uns nur wohl ist. Vielleicht sollten wir nach unserem Auftrag fragen. Und in diesem Auftrag können wir Jesus begegnen. Jesus ist oft im Schwächsten, im Ärmsten. Wir suchen ihn aber vor allem in Worship- Nights.
 
Die ja auch weiter von euch durchgeführt werden.
RP: Ja, natürlich. Als Kirche sind wir ja auch überhaupt nicht fertig. Wir lernen ständig. Auch in der Flüchtlingsarbeit.
 
Aus welchen Fehlern habt ihr gelernt?
NG: Weniger ist sicher mehr. Konzentration der Kräfte. In Qualität der Beziehung investieren, nicht einfach immer mehr Angebote aus dem Boden stampfen. Wir sollten uns nicht hinter einer grossen Zahl an Angeboten verstecken. Nehme ich Menschen wahr? Wie geht es ihnen heute? Was beschäftigt sie? Oder bin ich vor allem mit mir selbst beschäftigt?
RP: Genau. Strukturell haben wir gute Angebote. Als Gemeindeleiter möchte ich eine Kultur der Herzen etablieren. Dort ist noch Luft nach oben. Bei uns allen.

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Persönlich: Willi Näf

Ein provozierend-positiver Mensch

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