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Gestern und heute

Die Generationenchance

Von Dr. Markus Müller

«Die Jungen» oder «die Alten» denken, fühlen und handeln oft anders, als man selbst. Oft entstehen durch diese generationenbedingten Unterschiede Spannungen und Unverständnis. Aber die Andersartigkeit von Alt und Jung birgt viele Chancen.

Generationen - ERF Medien Schweiz
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Es war einmal, da war ich 20. Zwei Dinge waren damals einfach klar: Wer 40 ist, ist uralt und alle, die älter waren als ich, sind dabei, sich immer ähnlicher zu werden. «Eintopf der Alten ab 40», sagten wir halb ernst und halb spöttisch. Jetzt habe ich, wer hätte dies für möglich gehalten, den 60sten Geburtstag hinter mir. Entsprechend haben sich einige meiner früheren Weltbilder korrigiert – Gott sei Dank. Ich lade Sie in ein Fussballstadion ein. Falls Sie Fussball nicht mögen: Es geht nicht um Fussball. Gerne lasse ich Sie hier einige Fragen diskutieren. Um dies zu vereinfachen, bitte ich darum, dass alle mit Geburtsjahr vor 1950 in der Westkurve Platz nehmen. Die Jahrgänge 1950-1968 lade ich in die Südkurve ein, die zwischen 1968 und 1990 Geborenen in die Ostkurve und die nach 1990 Geborenen in die Nordkurve. Ob Sie der Einladung folgen?

Alle Generationen im Stadion
Die grösste Gruppe, das versteht sich, sind die zwischen 1950 und 1968 Geborenen. Da boomte es gewaltig: Die Wirtschaft boomte, der Konsum boomte, der Immobilienmarkt boomte – und das Kinderkriegen boomte. Entsprechend wird diese Generation «Die Baby-Boomer» genannt. Es ist die Generation, die jetzt oder demnächst dabei ist, in Pension zu gehen. Vor ihr türmt sich die grosse Frage auf, wie sie denn älter werden möchte. Sie ahnt, dass jetzt die Weichen für ihr Altwerden gestellt werden.

In der Westkurve hat sich die «Silber-Generation » platziert. Laut Statistik stehen diejenigen unter ihnen, die noch unter 75 sind, in der glücklichsten Phase ihres Lebens. Die «Südkurvler» sodann sind die «Golfer». Unschwer lässt sich feststellen, dass dort noch viele Plätze leer sind. Viele dieser Generation sind als Einzelkind aufgewachsen. Golfer nennt sich diese Generation, weil der Vater, der mehr als alle früheren Generationen verdient, dem Sohn oder der Tochter zur Matur – wie könnte es anders sein – einen Golf, dieses kleine nette Auto von VW, geschenkt hat. Auf der Nordkurve schliesslich haben sich die Y-er oder die sog. Millennials niedergelassen. Sie sind von der einzigartigen Frage getrieben, wozu denn alles gut sei, ob das Treiben unserer Gesellschaft wirklich Sinn mache und ob ihnen ihre Eltern eine gute oder eine ungute Welt überlassen haben.

90 Minuten Diskussion
So weit, so gut. Spannend aber wird es jetzt. Wie nämlich beantworten die jeweiligen Generationen Fragen etwa folgender Art? Wir werfen die Fragen einfach in die Kurven bzw. Gruppen. Sollten Sie den Weg ins Stadion verpasst haben, diskutieren Sie doch die Fragen mit den Menschen, die Ihnen im Laufe dieser Tage begegnen.

Die zu diskutierenden, auf der Hand liegenden Fragen:
  • Wie würdet Ihr selber beschreiben, wie Ihr «tickt»? Nennt doch einfach je die drei wichtigsten Merkmale Eures «Tickens»! Wir könnten auch fragen: Was ist Euch entscheidend wichtig im Leben? Worauf würdet Ihr niemals verzichten wollen? Was kommt für Euch nie und nimmer in Frage? Wofür brennt Ihr leidenschaftlich?
  • Was bedeuten Euch die anderen Generationen? Was ärgert Euch an der vorangehenden und nachfolgenden Generation? Was schätzt Ihr an ihnen? Worauf würdet Ihr achten, wenn Ihr mit ihnen zusammenarbeiten solltet – in der Firma, in der Kirche, in der Politik?
  • Was denkt Ihr, hat Eure Generation bisher in die Gesellschaft eingebracht? Was hat die Gesellschaft davon, dass es Euch gibt? Auf welche Leistungen Eurer Generation seid Ihr stolz? Und wo habt Ihr gegebenenfalls Fehler gemacht? Wo seid Ihr möglicherweise gescheitert, und wie geht Ihr mit diesem Scheitern um?
  • Wenn Ihr Euch das Jahr 2030 oder 2050 vorstellt: Was ist Euch absolut wichtig? Was möchtet Ihr dazu beitragen, dass man zu diesem Zeitpunkt glücklich und dankbar sein wird? Wovon sollten die Zeiträume 2030 oder 2050 gekennzeichnet sein, und welchen Weg schlagt Ihr ein, damit dies dann 2030 oder 2050 auch tatsächlich der Fall sein wird?
  • Wie möchtet Ihr eigentlich alt werden? Man sagt ja so liebevoll: Sowohl mit 20 wie mit 40 wie mit 60 werden die Weichen dazu gestellt, etwa ob man eher vom Ja-Sagen oder vom Nein-Sagen, vom Anspruch oder aber von der Dankbarkeit her kommt bzw. davon geprägt sein möchte. Was tut Ihr, damit Ihr eines Tages sagen könnt: Älterwerden ist etwas Schönes – schrecklich zu denken, ich dürfte da nicht dabei sein!
  • Schliesslich: Was denkt Ihr, sollten eines Tages Eure Kinder und Grosskinder von Euch sagen und erzählen? Oder anders gefragt: Wie lautet Euer Vermächtnis, das Ihr dieser Welt hinterlassen möchtet? Was also soll man eines Tages über Euch sagen, wenn Ihr längst nicht mehr Teil dieser Gesellschaft seid?
Auf los geht es los. Mag sein, dass dieses Fussballstadion noch nie so motivierte und engagiert diskutierende Besucher hatte. Mag sein – es ist zu wünschen – dass dieses Suchen nach Antworten weit mehr als 90 Minuten dauert. Wieso eigentlich nicht? Solche Fragen tun nicht nur Spezialisten, sondern unserer ganzen Welt gut. Was jetzt geschieht, also dieses unmittelbare Gespräch innerhalb der Generationen zu genannten und vielleicht zu auch noch nicht genannten Fragen, ist erfrischend und steigert den Puls. Wo immer zu so etwas angezettelt wird, entstehen spannende bis unvergessliche Gespräche. Klar: Ich verstehe, dass dann auch Rückfragen kommen, etwa in der Art: Na ja, Fragen stellen ist immer einfach. Sie selber machen sich doch aber auch über vieles Gedanken. Was denken Sie denn zu diesen ganzen Themen? Wie schätzen Sie denn das mit den Generationen ein? Wo sehen Sie Chancen und Abgründe? Wenn im Folgenden einige Gedanken zusammengefasst werden, dann mit einer einzigen Absicht. Diese besteht schlicht darin, um jeden Preis zum Gespräch anzuregen – untereinander und über die Generationen hinweg. Dementsprechend fünf Anmerkungen:

Anmerkung 1:
Zum atemraubenden Wechsel der Generationen

Nicht nur unsere Zeit, sondern auch der Wechsel von Generationen findet in kaum nachvollziehbarer Geschwindigkeit statt. Frühere Brüche zwischen Generationen waren ausschliesslich durch traumatische Erfahrungen von Gesellschaften bewirkt, etwa durch Krieg, Hungersnot oder Pest. Heute, und das ist erstmalig in der Weltgeschichte, kommt es zu Generationenumbrüchen aufgrund von zunächst erfreulichen Veränderungen, etwa technologischer Art oder aufgrund von gesellschaftlichen Werteverschiebungen wie beispielsweise nach 19681 oder 19892. Neue Generationen müssen sich in neuartigen Gegebenheiten zurechtfinden. Das prägt sie, ja verändert die Art, wie sie ticken.



Anmerkung 2:
Jede Generation gewinnt und verliert allerdings auch etwas

Wir Baby-Boomer, da kann ich als 60-Jähriger am besten mitreden, hatten das unbeschreibliche Privileg, dass uns vieles einfach zufiel. Gekämpft und investiert haben unsere Eltern und die, die man «die 68er» nannte. Unter letzteren gab es europaweit noch Tote (etwa Rudi Dutschke3, oder Benno Ohnesorg4), was von der Generation Babyboomer nicht bekannt ist. Sie füllten die ihnen bereiteten Räume, sie besitzen keine schmerzhaft prägenden Schlüsselerlebnisse, sie hungerten nie, sie waren unbestreitbar erfolgreich, zunehmendes Wohlergehen ist ihr täglicher Begleiter. Was allerdings, auch das muss gefragt werden, konnten sie bzw. konnten wir nie lernen? Unschwer zu erkennen: Es ist das Scheitern, der Misserfolg, der mündige Umgang mit Grenzen und Begrenztheit. Logisch, dass wir uns deshalb mit dem Älterwerden schwertun. In Analogie dazu könnten wir bei der Generation der Silvers sagen: Was sie kaum gelernt haben, ist die Reflexion über sich selber, ihr Tun und Lassen, ihre Werte und Unwerte. Oder die Golfer: Was sie nur begrenzt können, ist der Umgang mit Überforderung. Und die Millennials, die Y-er: Können sie noch langsam sein? Können sie zur Ruhe kommen, wo doch alles so bewegend ist?

Anmerkung 3:
Die Chance und nicht das Negative sehen

Die zu Ende gehende sog. Neuzeit oder Moderne kennt eine Frage sehr gut. Sie lautet: Wo ist das Problem, und was können wir tun, um dieses Problem zu beheben? Die Generationen der vergangenen 90 Jahre sind, ich gebe zu, etwas pauschal gesagt, allesamt Problemlöser, echte Mechaniker im weitesten Sinne. Es fällt auf, wie sehr wir miteinander das Negative wie zum Tempohalten beim Trottinettfahren benötigen. Am Problematischen stossen wir ab, und das Negative vergrössern wir mit der Lupe. Das Schöne und Gelungene übergehen wir in grosszügiger Weise. Ob wir deshalb an so vielen Stellen – eigentlich generationenübergreifend – so depressiv und ausgebrannt sind? Mag sein, dass wir unser Lebensbuch 400 oder 500 Jahre zurückblättern sollten. Hier nämlich liesse sich entdecken, dass Gnade vor Leistung steht. Und möglicherweise würden wir sehen, dass Leistung ohne das Fundament der Gnade zum Irrläufer wird.

Anmerkung 4:
Ein Vermächtnis hinterlassen

Interessant, was man über Menschen sagt, auch wenn sie bereits seit 10 oder 20 Jahren nicht mehr leben. Man merkt: Ein Vermächtnis wird sowieso hinterlassen, die Frage ist nur was für eines. Doch nicht nur Individuen, auch Generationen hinterlassen ein Vermächtnis. Was etwa sagen wir bis heute über die Männer und Frauen, die im Krieg waren? Was sagen wir über diejenigen, die 1968 oder 19805 auf die Strasse gingen? Was erzählen wir über Menschen, die Mitglied bei einer Sterbehilfeorganisation werden, die …? Eines ist sicher: Wir vermachen nicht nur Geld, sondern einen Eindruck. Die Frage ist bei jeder Generation berechtigt: Was vermacht sie der oder den nachfolgenden Generationen? Und dann fragen wir: Will eine Generation tatsächlich, dass später genau dies erzählt wird, was eben erzählt wird? Was, müsste man konsequenterweise fragen, wollt Ihr eigentlich, dass man über Euch erzählt?

Anmerkung 5:
Zusammen arbeiten

Es liegt auf der Hand: Jede Generation hat ihre Stärken, und jede Generation hat Dinge, die sie nicht gelernt hat. Ich glaube, wir sollten vom Bild loskommen, dass Mehrgenerationenwohnen nur eine verdeckte Art von Altersvorsorge ohne Pflegheim ist. Die Chance ist offensichtlich: Falls wir wollen, dass die Jahre 2030 oder 2050 lebenswerte, gute Jahre sind, dann brauchen wir die Stärken aller Generationen: Die Weisheit im Sinne von Zusammenhänge sehen der «Silbrigen», die erfolgsverliebten Baby-Boomer, die Golfer, die sich mündig, aber unverdient beschenken lassen können, und die Y-er, die nicht müde werden, uns mit Sinnfragen zu löchern. In allen Lebensbereichen braucht das 21. Jahrhundert diese Generationen, in der Welt von Ehe und Familie genauso wie in der Bildungsund Arbeitswelt, in der Welt von Staat und Politik genauso wie in der Welt von Kirche und Gemeinde. Und nicht zuletzt im Bereich der ganz persönlichen Lebensführung. Es ist eine gute Frage: Was kann ich von den Älteren, aber vor allem auch: Was kann ich von den Jüngeren lernen?

Jede Generation ein Geschenk
Ich weiss: Das Treffen im Fussballstadion ist nicht für alle attraktiv. Aber stellen Sie sich vor, es gäbe die Möglichkeit, dass sich – nur für einen Tag oder einen Abend – 20 000 oder 40 000 Menschen aus allen Generationen treffen könnten. Unglaublich, welches Erfahrungspotential hier zusammenkäme. Unglaublich, wieviel Gelungenes und Gescheitertes hier benannt werden könnte. Unglaublich, was wir hier voneinander lernen könnten. Nicht zuletzt würden wir eine Reihe Vorurteile hinter uns lassen dürfen. Ich zumindest hätte vor 40 Jahren lernen können: Ab 40 ist man nicht einfach uralt, und ab 40 gibt es nicht nur den «Eintopf der Alten». Vielmehr würde ich sagen: So einzigartig, derart originell, wie Gott Menschen zu unterschiedlichen Zeiten begabt und beschenkt. Auf dieser Linie gilt: Jede Generation ist ein Mega-Geschenk an die anderen Generationen. Was braucht es, denn noch, dass wir noch viel mehr auf den Geschmack kommen, dies zu entdecken und zu geniessen?

1: 1968 war das Jahr, in dem es in Europa die grössten Unruhen seit dem 2. Weltkrieg gab. Federführend waren vor allem Studenten, deren Eltern im Krieg waren, aber nie dazu gestanden sind, dass sie auch schuldig wurden. Ein grosses Motto von 1968 war deshalb: «Trau keinem über 30.»
2: 1989 war das Jahr, in dem die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland, zwischen dem kapitalistischen Westen und dem sozialistischen Osten fiel. 1989 war der Start in das, was wir seit 25 Jahren «Globalisierung » nennen.
3: Rudi Dutschke war marxistischer Soziologe und politischer Aktivist. Er galt als Wortführer der protestierenden Studenten. Bei einem Attentat wurde er so schwer verletzt, dass er später an den Folgen verstarb.
4: Benno Ohnesorg war Wortführer bei den Protesten rund um 1968. Er wurde bei einer Demonstration in Berlin von einem Polizisten erschossen. Sein Todestag gilt als Einschnitt der deutschen Nachkriegsgeschichte mit weitreichenden gesellschaftspolitischen Folgen.
5: 1980 gab es die grössten Jugendkravalle seit 1971 in der Schweiz, die sog. «Opernhauskravalle» in Zürich.

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