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Menschenhandel | (c) dreamstime

Milliardengeschäft Menschenhandel

Von Verena Birchler

Kürzlich war folgende Schlagzeile zu lesen: «40 Prozent der Philippinen-Reisenden sind Sextouristen.» Eine erschreckende Zahl. Und hier ist nur von den Philippinen die Rede. Dies ist nur eine Form des weltweit betriebenen Menschenhandels.

Infografik - Die Geschichte des Menschenhandels
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Irene Hirzel von ACT212 beschäftigt sich seit Jahren mit den Hintergründen und ist als ausgewiesene Fachfrau immer wieder erschüttert über die in vielen Fällen gesellschaftlich akzeptierte Ausbeutung von missbrauchten Menschen.

Sie sprechen von weltweitem Menschenhandel. Was heisst das in Zahlen?
Weltweit schätzt man, je nach Quelle des Berichts, dass bis zu 45,8 Millionen Menschen in irgendeiner Form versklavt sind. Das ist die gesamte Einwohnerzahl der Schweiz, von Österreich, Holland und Belgien. Betroffen sind Frauen, Männer und Kinder. Die Zahl der Kinder ist leider seit vielen Jahren am Steigen.

Welche Regionen sind besonders betroffen?
Alle Länder dieser Welt sind betroffen, auch die Schweiz. Länder, die von Armut, Krieg, Hunger oder Katastrophen gebeutelt werden, sind in der Regel Herkunftsländer. Reiche Länder in Westeuropa, Nordamerika und im Mittleren Osten, MILLIARDENGESCHÄFT MENSCHENHANDEL also Destinationsländer, sind jene Staaten, in denen Menschen gekauft werden. Die Schweiz ist ein Transit- und Destinationsland. (In die Schweiz kommen seit dem Schengen-Abkommen viele Osteuropäerinnen, vorab Rumäninnen, Ungarinnen und Bulgarinnen.)

Welche Formen von Menschenhandel gibt es?
Zwangsprostitution, Zwangsheirat, Organhandel, Arbeitshandel, Baby- und Kinderhandel, Kindersoldaten, organisierte Bettelei und Diebstähle, Pornographie mit Zwangsdarstellungen.

Wie gerät jemand in den Menschenhandel und warum laufen diese Männer und Frauen nicht einfach davon?
In aller Regel ist das die schiere Verzweiflung und Perspektivlosigkeit, die Menschen dazu bringt, sich auf dubiose Angebote einzulassen. Die Umstände sind oft sehr widrig. Wenn Menschen auf der Flucht vor Krieg sind, geht es oft ums nackte Überleben. Sie zahlen ihren Schleppern Unsummen von Geld, um weiterzukommen. Geht das Geld aus, werden sie unterwegs gezwungen, sich zu prostituieren oder Zwangsarbeit zu leisten. Sie hoffen, Geld zu bekommen, um ihre Weiterreise zu finanzieren. Oft bleiben sie aber in den Fängen von Menschenhändlern hängen und kommen nicht mehr raus. Junge Menschen, die in ihren korrupten osteuropäischen Ländern keine Arbeit und keine Zukunft aufbauen können, lassen sich auf falsche Arbeitsversprechen ein.

Aber da wäre doch immer noch der Weg zur Polizei …
So einfach ist das nicht. Nehmen wir zum Beispiel Natascha, eine junge Ukrainerin. Solche Frauen wissen oft nicht, wo sie genau sind, sie können die Sprache nicht, kennen auch ihre Rechte nicht und haben gegen aussen kaum Kontakt. Sie werden bedroht und es wird ihnen gesagt, dass sie nicht zur Polizei gehen können, weil diese korrupt sei und sie ja illegal im Land seien. Man droht ihnen auch, dass der Familie im Heimatland etwas angetan werde. Sie werden alle paar Wochen an andere Orte gebracht, so wird verhindert, dass Frauen Kontakte gegen aussen knüpfen können. Die Geschichte von Natascha repräsentiert das Schicksal von Tausenden von jungen Frauen, die in die Prostitution gebracht wurden.

Weshalb funktioniert der Menschenhandel so erfolgreich?
Geldgier ist der Grund für Menschenhandel, es ist ein Milliardengeschäft. Die ILO (International Labour Organisation) ging in einem Bericht von 2016 von 150 Milliarden Dollar aus, die der Menschenhandel generierte. 99 Milliarden Dollar aus kommerzieller sexueller Ausbeutung. Das heisst, jede sexuelle Dienstleistung, sei dies im Rotlichtmilieu oder bei Pornographie im Internet, kann potentiell in die Hände von Menschenhändlern spielen. Der Rest kam aus den Branchen Bauwirtschaft, Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Fischerei, Hauswirtschaft.

Durch die Globalisierung und das Internet können Menschen innert kürzester Zeit rund um den Globus gekauft und verkauft werden. Die Brutalität des Menschenhandels ist so unglaublich gross und beraubt die Betroffenen ihrer Würde, ihrer Rechte und ihrer Menschlichkeit. Der Mensch wird zur recht- und schutzlosen Handelsware. Menschenhandel hat in unserer Zeit Dimensionen angenommen, wie sie in der gesamten Weltgeschichte noch nie dagewesen sind!

Welche Rolle nimmt die Schweiz in dieser Handelskette ein?
Die Schweiz ist als Ziel- und Transitland von Menschenhandel betroffen. Die meisten Opfer werden in der Prostitutionsszene sexuell ausgebeutet. Ausbeutung der Arbeitskraft wird in der Hauswirtschaft, Landwirtschaft, dem Gastgewerbe und der Bauwirtschaft vermutet. Fälle von Menschenhandel zum Zweck der Organentnahme wurden bisher noch keine festgestellt.

Woher stammen die Opfer der sexuellen Ausbeutung mehrheitlich?
  • Osteuropa: Ungarn, Rumänien und Bulgarien
  • Lateinamerika: Brasilien und Dominikanische Republik
  • Asien: Thailand
  • Afrika: Nigeria und Kamerun
2015 wurden 386 Opfer gemäss StGB Art. 182 und StGB Art. 195 von Opferhilfestellen beraten. Die Dunkelziffer ist aber sehr hoch.

Wie hilft die Schweiz den Opfern und wo bestehen Mängel?
Bundesrätin Simonetta Sommaruga hat 2012 den Nationalen Aktionsplan gegen Menschenhandel lanciert. Dieser umfasst vier Hauptpfeiler:
1. Vermehrte Sensibilisierung und Information der Öffentlichkeit und von Spezialisten und Spezialistinnen.
2. Verstärkte Strafverfolgung gegen Täter und Täterinnen, damit eine glaubwürdige Abschreckung gegen Menschenhandel vorhanden ist und sich die Ausbeutung von Menschen nicht lohnt.
3. Vermehrte Identifizierung der Opfer
4. Verbesserung der Zusammenarbeit in der Schweiz und mit dem Ausland.
Der grösste Mangel besteht in der Identifizierung der Opfer. Sie werden oft nicht als solche erkannt, weil sie aus Angst schweigen. In der Schweiz werden Täter im Vergleich zum Ausland sehr milde bestraft und Opfer bekommen oft keine Genugtuung.

Aus dem neuesten Bericht von Fedpol – Aufgedeckte Fälle von Menschenhandel
Dank der Zusammenarbeit mit ACT212 führten Meldungen von Privatpersonen dazu, dass Fälle von Menschenhandel aufgedeckt werden konnten. Auszug aus einer Meldung: «Gegen 15 Uhr parkte ein Auto auf einem für Kunden meines Unternehmens reservierten Parkplatz. Ich sah das Kennzeichen und wollte den Fahrer informieren, dass es sich um einen reservierten Parkplatz handle. Der ganz in Schwarz gekleidete Fahrer stieg zusammen mit einer langhaarigen blonden, stark geschminkten und auffällig gekleideten Frau aus und ging fort. Etwa 35 Minuten später parkte ein Lieferwagen neben dem Auto. Der Fahrer des Autos kam zurück, die junge Frau begleitete ihn. Er öffnete die Hintertür des Lieferwagens, die junge Frau setzte sich hinein. Dann nahm er einen Pass aus seinem Auto und warf ihn auf den Beifahrersitz des Lieferwagens. Ich ging hinaus, um ihnen zu sagen, dass diese Parkplätze reserviert seien, aber der Fahrer des Lieferwagens verstand mich nicht. Der Mann übersetzte ihm meine Worte in eine fremde Sprache. Dann fuhren beide Fahrzeuge los.»

Der Verfasser dieser Meldung an ACT212 hatte sich die Kennzeichen der beiden Fahrzeuge gemerkt. Die darauffolgenden Abklärungen ergaben einen Verdacht auf Menschenhandel. Der Fall wurde schliesslich über fedpol (Bundesamt für Polizei) ins Ausland übergeben. Das entsprechende Verfahren läuft derzeit.

Wer ist «ACT212»?
«ACT212 Beratungs- und Schulungszentrum Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung » ist ein politisch und konfessionell neutraler Verein mit Sitz in Bern.

ACT212 wurde gegründet, um die im Nationalen Aktionsplan gegen Menschenhandel (NAP) aufgeführten Anstrengungen gegen den Menschenhandel in der Schweiz und im Ausland zu unterstützen, in Zusammenarbeit mit Fachleuten und Organisationen.

Ziele von ACT212
  • vermehrt Opfer von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung identifizieren können
  • einen umfassenden Schutz für die Opfer gewährleisten
  • eine effektive Bestrafung der Täter erlangen
Projekte von ACT212
Sensibilisieren

Durch Referate und Informationsveranstaltungen sensibilisiert ACT212 in der Schweiz und im Ausland die Bevölkerung zum Thema Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung.

Beraten und Weiterbilden
ACT212 führt Beratungen und Schulungen zum Thema Menschenhandel für interessierte NGO und andere Gruppierungen durch und begleitet und berät deren Projekte auf Mandatsbasis.

Opfer umfassend schützen
ACT212 hat eine Zusammenarbeit mit Schutzhäusern, die einen 24/7 Betrieb haben. 15 Opfer von Menschenhandel konnten untergebracht und professionell betreut werden. Die Zusammenarbeit mit der Polizei, den Schutzeinrichtungen und der Meldestelle trägt dazu bei, dass Opfer unbürokratisch zu jeder Tages- und Nachtzeit untergebracht werden können.

Beispiel einer Unterbringung
Um 22.30 Uhr meldet sich die Polizei bei der Nachtmeldestelle. Gesucht wird ein Platz für eine eben befreite, traumatisierte Frau, ein Opfer von Zwangsprostitution.

Die diensthabende Mitarbeiterin der Schutzeinrichtung klärt ab, wie die Notaufnahme ablaufen wird. Um 1.30 Uhr erfolgt der Eintritt. Zwei Polizisten, die junge Frau, eine Dolmetscherin und zwei Mitarbeitende der Schutzeinrichtung treffen sich, um den Eintritt zu koordinieren. Die Augen der jungen Frau sind matt. Sie ist dankbar, als sie auf ihr Zimmer gebracht wird. Das Licht lässt sie brennen, die Tür bleibt offen, sie weint. Die Geschichte ist anonymisiert.

Was kann ich machen?
Angesichts dieser Menge und Schwere der Verbrechen fühlt man sich schnell hilflos. Aber es gibt Massnahmen, die man sofort umsetzen kann, ohne sich in irgendeine Gefahr zu bringen.

Konsum – billig oder fair?
Alles was wir konsumieren wurde von Menschen hergestellt. Oft unter miserablen Bedingungen, Arbeitsausbeutung und Sklaverei. Es lohnt sich, darauf zu achten wo und wie etwas hergestellt wird. Es gibt mittlerweile viele Lebensmittel, Kleider und weitere Branchen, die ein Fair Trade Label haben. Unter www.labelinfo.ch erfahren Sie mehr. Es gibt keine Fair Trade Labels für Pornographie und Prostitution, obwohl die Ausbeutung dort besonders hoch ist!

Helfen und Melden
Sie haben etwas beobachtet, oder eine Person sucht Hilfe. Sie können sich bei der Nationalen Meldestelle informieren, beraten lassen, oder eine Meldung machen, auch anonym. https://www.act212.ch/meldestelle oder Tel. 0840 212 212

Initiative ergreifen – Umfeld sensibilisieren
Sie können bei ACT212 einen Vortrag, eine Schulung oder einen Workshop buchen, ebenso einen Vortrag besuchen. Sie können Visitenkarten der Nationalen Meldestelle in drei Sprachen verteilen und so auf die Problematik aufmerksam machen.

Werden Sie Gönner bei ACT212
Unterstützen Sie die Projekte gegen Menschenhandel.

Natascha
Die 18-jährige Natascha aus der Ukraine fand nach der Schule nirgends eine Arbeit. Sie wollte möglichst schnell weg von ihren alkoholsüchtigen Eltern und raus aus dem armseligen Dorf, das ihr keine Perspektive bot. Im Osten der Ukraine war Krieg, alles war teuer geworden und es war ungewiss, wie sich alles entwickeln würde.

Natascha verliebte sich in Gregor, einen jungen Mann. Er sagte ihr, dass er bald nach Deutschland ginge, um dort zu arbeiten, ob sie mitkommen wolle. Natascha sah dies als die Gelegenheit und wollte unbedingt mit; so versprach er ihr einen Job. Natascha folgte ihrem Freund Gregor. Sie war frisch verliebt, hatte plötzlich eine neue Lebensperspektive. Sie war überglücklich und folgte ihm, ohne irgendeinen Verdacht zu schöpfen. Sie hinterfragte ihn auch nicht, als er ihr nach der Grenze den Pass wegnahm. Selbst als er sie in einem Haus in Deutschland ablieferte und mit fadenscheinigen Gründen verschwand, schöpfte sie noch keinen Verdacht.

Doch die Realität holte Natascha jäh ein, als Mani, ein Deutscher Mitte 40 in ihr Zimmer kam und ihr erklärte, dass er sie gekauft habe und sie von nun an für ihn als Prostituierte arbeiten müsse. «Schliesslich schuldest du uns 40 000 Euro», brüllte er sie an und warf ihr einen billigen Fummel aufs Bett. Für Natascha brach in diesem Moment eine Welt zusammen.

(Die Geschichte ist anonymisiert.)

Julia
Julia, eine 16-jährige Frau aus Osteuropa, bettelt vor einem Einkaufszentrum in der Schweiz. Sie ist illegal hier und wird von der Polizei aufgegriffen.

Die Geschichte von Julia ist typisch: Die Eltern von Julia haben sich hoch verschuldet und wissen nicht, wie sie das Geld zurückzahlen sollen. Ein Bekannter offeriert, dass er Julia für ein paar Monate einen Job vermittle, damit sie helfen könne das Geld zurückzuzahlen. Die Eltern willigen ein. In Wirklichkeit gehört der Bekannte einer Verbrecherbande an, die junge Menschen zum Betteln zwingt. Julia muss gegen ihren Willen vor dem Einkaufszentrum in der Schweiz betteln, sie muss dem Händler jeden Tag eine bestimmte Summe Geld abgeben und wird hart bestraft, wenn sie das nicht erreicht; sie selber bekommt nichts. Am Abend wird sie und weitere Bettler in einen Bus verladen und über die Grenze gebracht. Es hat auch Kinder darunter. Oft werden die Opfer bestraft, weil sie fälschlicherweise als Täter identifiziert werden. Die Hintermänner dagegen sind schwer zu fassen.

(Die Geschichte ist anonymisiert.)

Gesetze in der Schweiz

Strafgesetzbuch StGB Art. 182
Menschenhandel

1 Wer als Anbieter, Vermittler oder Abnehmer mit einem Menschen Handel treibt zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung, der Ausbeutung seiner Arbeitskraft oder zwecks Entnahme eines Körperorgans, wird mit Freiheitsstrafe oder Geldstrafe bestraft. Das Anwerben eines Menschen zu diesen Zwecken ist dem Handel gleichgestellt.
2 Handelt es sich beim Opfer um eine minderjährige Person oder handelt der Täter gewerbsmässig, so ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr.
3 In jedem Fall ist auch eine Geldstrafe auszusprechen.
4 Strafbar ist auch der Täter, der die Tat im Ausland verübt.

Strafgesetzbuch StGB Art. 195
Ausnützung sexueller Handlungen – Förderung der Prostitution

Mit Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren oder Geldstrafe wird bestraft, wer:
a) eine minderjährige Person der Prostitution zuführt oder in der Absicht, daraus Vermögensvorteile zu erlangen, ihre Prostitution fördert;
b) eine Person unter Ausnützung ihrer Abhängigkeit oder wegen eines Vermögensvorteils der Prostitution zuführt;
c) die Handlungsfreiheit einer Person, die Prostitution betreibt, dadurch beeinträchtigt, dass er sie bei dieser Tätigkeit überwacht oder Ort, Zeit, Ausmass oder andere Umstände der Prostitution bestimmt;
d) eine Person in der Prostitution festhält.


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