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«Der vitruvianische Mensch» von Leonardo da Vinci

Gott sucht nicht den perfekten Menschen

Von Verena Birchler

Lebenslügen begleiten uns oft unbemerkt durchs Leben. Wir glauben diesen falschen Leitsätzen, wenn sie uns einreden: «Ich muss perfekt sein», «Gottes Liebe muss man sich verdienen», «Du musst einfach mehr glauben». Lügen, die sich tief in unsere Herzen gefressen haben. Lügen, die wir viel zu selten hinterfragen.

Oft sind es geistliche Glaubenssätze, die unser Leben bestimmten. Sätze, die beim genaueren Hinschauen einfach nicht stimmen. Sie begegnen uns zuweilen auf bunten Spruchkarten oder in Form von Geschichten in sozialen Medien. Und manchmal werden uns solche «Leitlinien » auch im christlichen Umfeld präsentiert. Kürzlich kursierte auf Facebook folgende Geschichte.

Der 20-Euro-Schein
In einer Klasse hält ein Lehrer einen 20-€-Schein in die Luft und fragt : «Wer will ihn haben?» Natürlich heben alle Schüler die Hand. Dann zerknittert der Lehrer den Schein und fragt: «Wollt ihr den immer noch?» Wieder heben alle die Hände. Der Lehrer wirft den zerknüllten Schein auf den Boden, trampelt darauf und fragt: «Wollt ihr den Schein jetzt immer noch?» Und wieder heben alle Schüler die Hände. Dann sagt der Lehrer: «Ihr habt heute eine wichtige Lektion gelernt! Egal, was ich mit diesem 20-€-Schein tue, ihr wollt ihn trotzdem haben, weil sein Wert sich nicht verändert. Er ist immer 20 Euro wert. Ihr werdet in eurem Leben mehrmals verzweifelt sein und von manchen Menschen weggestossen, verarscht oder sogar gehasst werden und ihr werdet das Gefühl haben, nichts mehr wert zu sein. Doch seid euch eines bewusst – egal, welche Qualen ihr erleben müsst, wie viele Menschen euch auch wegstossen mögen, für Menschen, die euch lieben, werdet ihr niemals weniger Wert sein! Auch dann nicht, wenn ihr keinen Reichtum besitzt oder nichts mehr habt, ihr verliert bei ihnen niemals an Wert.

Ja, aber …
Mir gefällt diese Geschichte, weil sie grundsätzlich zuerst betont, dass jeder Mensch wertvoll ist. Natürlich sieht die Realität nicht so rosarot aus wie in dieser Geschichte. Aber sie macht Mut, in jedem Menschen etwas Wertvolles zu sehen. Jemand kommentierte dann diese Geschichte auf Facebook mit folgenden Worten: «Wir dürfen aber nicht vergessen, wir sind nur wertvoll in Christus und durch sein vollbrachtes Werk auf Golgatha. Ohne ihn haben wir aus uns heraus keinen Wert. Da ist nichts Gutes in uns.»

Das ist eine der vielen theologischen Kürzungen, die letztlich nicht näher zu Jesus führen. Denn in Gottes Augen ist jeder Mensch wertvoll. Sogar so wertvoll, dass sein Sohn für diese Menschen gestorben ist. So gross ist seine Liebe. Und hier sagt jemand über diese Menschen, dass sie keinen Wert haben. Für Gott ist jeder Mensch wertvoll, weshalb sonst sollte er den Weg ans Kreuz gegangen sein?

Auch Spruchkarten sind beliebt und sie machen oft durchaus Sinn. Allerdings entstehen diese Sprüche manchmal auch auf falsch verstandenen und falsch vermittelten theologischen Konstrukten. Zum Beispiel der Satz: «Bei Gott gibt es einen neuen Morgen ohne Sorgen.» Es klingt gut, stimmt aber so nicht. Wenn einer alleinerziehenden Mutter das Geld ausgeht, wenn ein Partner sterbenskrank ist, wenn durch einen selbst verursachten Verkehrsunfall mit Personenschaden unglaubliche finanzielle Forderungen auf einen zukommen, dann macht man sich Sorgen. Dieser Satz will bestimmt gut gemeint auffordern, sich in allen Lebenssituationen Jesus anzuvertrauen. Das ist auch gut so. Aber oft begegnet man dann Menschen, die von sich selber enttäuscht sind, weil es ihnen nicht gelingt, bedingungslos zu vertrauen. Sie stellen dann nicht selten ihre Beziehung zu Jesus und ihren Glauben in Frage. «So jemanden wie mich kann Jesus doch nicht lieben.» Dann kommen zu den Sorgen auch noch Glaubenskrisen hinzu. Doch! Jesus sieht den Wert, das echte Ringen. Jesus ist nie auf der Suche nach dem perfekten Menschen.

Falsche Realitäten
Wir halten oft Lebensumstände und Meinungen für wahr, die überhaupt nicht stimmen. Das erinnert mich an eine Geschichte, die ich gelesen habe.

«Der Tempel mit den tausend Spiegeln
Ein Hundebesitzer besuchte mit seinem Hund in Indien den Tempel mit den tausend Spiegeln. Er stieg die hohen Stufen mit seinem Herrn hinauf. Dann betraten beide den Tempel und schauten in die unzähligen Spiegel. Der Besitzer beobachtete seinen Hund genau, der seinen Schwanz einkniff und vor Angst knurrte. Wohin er auch schaute, er sah nur knurrende und Zähne fletschende andere Hunde. Sein Herr versuchte ihn umzustimmen. Es gelang ihm nicht. Der Hund war von seiner Einstellung überzeugt und verliess den Tempel: «Diese Welt ist furchtbar und voll von bösen Hunden. Nimm dich in Acht! Nur wenn du Abstand hältst, kommst du durchs Leben.»

Einige Tage später ging der gleiche Herr mit einem anderen Hund wieder in den Tempel mit den tausend Spiegeln. Es war der Lieblingshund seiner Frau, die dieses Tier besonders mochte, weil er ausgesprochen menschenfreundlich und zugewandt reagierte. Er schaute auch in die vielen Spiegel, erkannte überall seinesgleichen und wedelte mit dem Schwanz. Tausend Hunde freuten sich mit ihm und wedelten liebevoll zurück. Er dachte, als er den Tempel verliess: «Die Welt ist voll von freundlichen Hunden. Jede Begegnung ist reizvoll und schön. Nur wenn du mit dem Schwanz wedelst, mögen sie dich.»

Diese Geschichte betont die Wirklichkeit, dass mein Umfeld auf mich reagiert oder ich auf das Umfeld. Aber auch das ist nur ein Teil der Wahrheit oder ein Teil einer Lebenslüge. Es sind diese «Wenn-dann-Sätze». Die werden gepflegt im zwischenmenschlichen Bereich, wie auch in der Auseinandersetzung mit geistlichen Prinzipien.

Kürzlich sah ich eine Spruchkarte: «Wenn du Jesus liebst, wird er dich auch lieben.» Das ist eine krasse Verdrehung des Bibelverses aus 1. Joh. 4,19. Da steht: «Lasset uns Ihn lieben, denn Er hat uns zuerst geliebt.» Das Liebesangebot von Jesus steht. Ohne Wenn und Aber. Es braucht keine geistlichen Klimmzüge, die uns in Lebenslügen treiben.

Die «beliebtesten» Lebenslügen
Leider helfen solche Leitsätze nicht und können sogar zu frommen Lebenslügen führen. «Du musst nur Gott vertrauen», «Gib Gott alles, alles andere ist zu wenig», und noch viele mehr.

So ging es auch David. Er war so ein richtiger Machertyp. Sein Motto: «Wenn ich etwas mache, dann richtig.» Halbe Sachen waren für ihn keine Option. Seine Ansprüche an sich selber waren riesig. Die Qualität, die Leistung, der Output, das alles musste hoch sein. Mit seinen Massstäben überforderte er sein Umfeld, letztlich aber auch sich. Theologie studierend, eine Gemeinde leitend, teilzeitig noch in einer Firma arbeitend und mit seiner wachsenden Familie lebte er nach dem Motto: «Ich leiste, also bin ich.» Bis zu jenem Moment, als nichts mehr ging. Er, der Machertyp. Verbraucht, unfähig noch irgendetwas zu leisten. Aus die Maus. Der Weg von David führte in eine Klinik. Während der Therapie ging er seinem Leben auf die Spur. Plötzlich erkannte er Muster: «Ich sagte mir immer, dass ich ein Werkzeug Gottes bin und ein Werkzeug auch gepflegt werden müsste. Aber die Wahrheit war, dass ich mich wie einen Wegwerfartikel behandelte. Ein Schlüsselsatz zu dieser Lüge war für mich: ‹Toner leer, bitte wechseln›. Ungefähr so habe ich mich und mein Leben behandelt.»

Natürlich gab es verschiedene Lebensumstände, die zu dieser Haltung führten. Als Jugendlicher lebte David in einem dominanten Umfeld. Der Vater war patriarchalisch strukturiert, die Schwester war dominant und seine sehbehinderte Mutter konnte ihn damals auch nicht so unterstützen, wie er es gebraucht hätte. Das Selbstwertgefühl war tief und er sagt selber über jene Zeit; «Ich war brav, dass es weh tat.» Als Kochlehrling musste er oft über Mittag 90 Menüs alleine kochen. Damit er das überhaupt schaffte, kam er viel früher als normal zur Arbeit, um wenigstens alle Vorbereitungen bis zum Kochen abgeschlossen zu haben. «Als Lehrling hatte ich bereits 680 Überstunden. In jener Zeit hörte ich auf zu frühstücken und eignete mir einen Gang an, der schon fast mehr Joggen als Gehen war.» In der Therapie realisierte David, dass er gar nicht langsam gehen konnte. Er war auch physisch ein «Getriebener».

«Toner leer, bitte wechseln » – David musste etwas ändern und das Burnout und die Therapie halfen ihm, seine Lebensmuster anzuschauen und zu überdenken. Dabei wurde er von seiner Familie und seinem Umfeld unterstützt. Gesundheitlich aus dem Arbeitsleben genommen, hatte er endlich Zeit und konnte so lernen, sein neues Leben zu gestalten. Ehrlich mit sich selber. Im Rückblick sagte er selber, dass er viel aus dieser Zeit gelernt habe. Die Lebenslüge musste einer realistischen Wahrheit weichen. Heute arbeitet er auch viel, so zwischen 55 – 65 Stunden. Aber er nimmt sich viel mehr Zeit für seine Hobbys. David ist leidenschaftlicher Motorradfahrer. Er nimmt sich Zeit, um ein eigenes Cabaret- Programm zu entwickeln. Humor ist ihm wichtig. «Ich bin froh, dass ich meinen Lebenslügen auf die Spur gekommen bin. Und ich kann sogar spazieren, ganz langsam. Es tut so gut, sich nicht mehr über die Leistung zu definieren. Etwas Besseres hätte mir nicht passieren können.»
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