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Goldenes Kalb | (c) 123rf

Alles unter Kontrolle?

Der «Tanz um das goldene Kalb» steht sprichwörtlich für die Verehrung von Reichtum und Geld. Dabei geht es in der biblischen Erzählung, der diese Redewendung entstammt, gar nicht um die Gier nach Besitz – im Gegenteil!

Zuerst müssen die Israeliten nämlich ihren kostbaren Goldschmuck hergeben, um dieses Kalb überhaupt erstellen zu können. Habgier ist also kaum das zentrale Motiv. Vielmehr entspringt die Idee, eine Figur aus Edelmetall zu giessen, dem Umstand, dass etwas ausgesprochen Herausforderndes passiert – nämlich nichts.

«Das Volk aber sah, dass Mose lange nicht vom Berg herabkam.» Mit diesem Satz wird die Erzählung eingeleitet. Das Volk wird ungeduldig. Wo bleibt denn dieser Mose nur? Was macht eigentlich dieser Gott? Irgendwie läuft uns hier die Zeit davon. Dabei hat alles so spektakulär angefangen. Mächtig hat dieser Gott eingegriffen und der entwürdigenden Versklavung durch die Ägypter ein Ende gesetzt. Er hat das Meer geteilt und uns in die Freiheit geführt. Verheissungsvoller kann ein Start kaum sein, und jetzt folgt bestimmt eine ebenso spektakuläre Fortsetzung. Jetzt folgt – einfach nichts?

Das Warten auf Gott wird für die Israeliten mehr als zur Geduldsprobe. Dieser Gott, dem sie vertrauen sollen, entzieht sich permanent ihrer Kontrolle, und das ist schwer zu ertragen. Denn ich hätte lieber einen Gott, der nach gewissen Regeln funktioniert; einen Gott, bei dem ich weiss, nach welchen Mechanismen er handelt; einen Gott, den ich im Griff habe und zu meinen Gunsten beeinflussen kann. Was wäre da naheliegender als ein Symbol, das man anfassen kann und eine klare Gestalt hat – zum Beispiel ein Kalb. Und ja, die Verfügbarkeit über diesen Gott lassen wir uns durchaus etwas kosten – zum Beispiel unser Gold.

Kalb und Gold haben in den vergangenen Jahrtausenden ihre Form immer wieder gewandelt, der Wunsch nach einem kontrollierbaren Gott und Leben ist geblieben. Gerade in Momenten, wenn «einfach nichts» passiert und es uns doch scheint, dass Gott unbedingt etwas tun sollte, ist der Weg zu einem goldenen Kalb kurz: zu einem Prinzip, einer Technik, einem Aberglauben, um Gott und das Leben sonst irgendwie unter Kontrolle zu bringen. Das kann auch ganz fromm klingen: mehr beten. Anders beten. Mehr glauben. An diesen oder jenen Ort reisen. Sich an diese fünf Prinzipien halten. Geld spenden. Und schon lädt das goldene Kalb in neuer Form zum Tanz. Beten, glauben, Prinzipien, Geld spenden – das sind alles durchaus lobenswerte Dinge. Wenn sie jedoch dazu dienen sollen, Gott oder das Glück auf meine Seite zu zwingen, dann schwinge auch ich bald das Tanzbein um ein selbstgemachtes Kontrollzentrum, aus welchem Material oder in welcher Form auch immer. Der Glaube an einen lebendigen Gott jedoch lebt gerade davon, dass sein Wirken nicht in den Griff zu kriegen ist.







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