Anzeige
Nur ein Hemd | (c) Photocase

Der Mythos vom Mangel

Zu wenig Zeit, zu wenig Geld, zu wenig hübsch, zu wenig Aufmerksamkeit – an so vielem scheint es uns zu mangeln. Das Gefühl, zu wenig zu haben, sitzt ganz tief in uns. Einige dieser Mängel können wir aushalten, andere aber machen uns zu Dieben. Wir stehlen einander Zeit, drücken die Preise oder klauen per «copy and paste» aus dem Netz. Doch eigentlich hätten wir genug. So viel, dass es sogar zum Teilen reicht.

«Ich habe nicht genug Shorts für den Sommer! » schiesst es mir durch den Kopf, als ich am Abend die Kleider für den nächsten Tag bereitlege. Für die nächsten Tage sind sommerliche Temperaturen angesagt, Kurze- Hosen-Wetter also. In meinem Schrank finde ich rund fünf Shorts, aber alles «nur» ältere, die mir für die Arbeit nicht geeignet scheinen. Obwohl also objektiv gesehen Überfluss vorhanden ist, empfinde ich subjektiv einen Mangel. Das hat für mich weitreichendere Auswirkungen, als es auf den ersten Blick scheint, denn dieses Mangelgefühl hat mich zum Dieb gemacht ...

Dieb sein ist ganz leicht …
Natürlich bin ich nicht zum Dieb geworden, indem ich in den nächsten Laden gegangen bin und ein paar Shorts geklaut habe. Das geht nicht, ist moralisch verwerflich, so etwas würde ich nie tun! Schliesslich heisst es ja: «Du sollst nicht stehlen» (2. Mose 20,15). Aber der Gedanke, keine passende kurze Hose für die Sommertage zu haben, drehte sich bei mir noch weiter. Sogar noch am nächsten Tag im Büro. Also rasch ins Internet, zwei, drei Hosen ausgesucht und bestellt. Voilà, Problem gelöst, in wenigen Tagen werde ich passende Shorts haben. Dass ich damit aber gestohlen habe, wurde mir erst beim Schreiben dieses Artikels bewusst. Denn diese Zeit, die ich für den Kauf im Internet gebraucht habe, fehlt nun meinem Arbeitgeber. Ich habe also, indem ich meinen vermeintlichen Mangel ausglich, meiner Firma 15 Minuten Arbeitszeit gestohlen. Solche «Diebstähle» passieren nicht bewusst, wir nehmen sie manchmal gar nicht wirklich wahr.

Dass es soweit kommt, hängt mit dem Gefühl zusammen, einen Mangel an etwas zu haben. Denn so stehen wir in Gedanken eigentlich ständig unter Stress, weil wir den Mangel innerlich immer wieder wiederholen. In unserer Wahrnehmung wird er dadurch sogar noch grösser. Ein selbstverstärkender Effekt. Das führt bis hin zum Tunnelblick, wo sonst nichts mehr wichtig ist, ausser eben dieses Zuwenig. Das Ziel unserer Gedanken ist, den Mangel irgendwie zu kompensieren. Dafür gibt es so viele unterschiedliche Wege, wie es Menschen gibt. Oft haben aber diese «Lösungen» eines gemeinsam: Sie machen uns zu Dieben.

Ein subjektiv von uns wahrgenommener Mangel führt in nicht wenigen Fällen dazu, dass wir etwas stehlen. Nicht unbedingt Waren oder Dinge, sondern manchmal auch einfach Zeit, Aufmerksamkeit, Mitgefühl, Anerkennung oder Lebensqualität.

Das passiert schneller als wir denken:
  • Keine Zeit, selber ein Bild oder einen Text zu machen – rasch ins Internet und «Copy/Paste» gemacht.
  • Kein Geld für ein «anständiges» Stück Fleisch vom Metzger und stattdessen im Grossverteiler das Billigst-Label gekauft – dem Tier ein halbwegs würdevolles Leben verwehrt.
  • Die geschäftliche Sitzung schlecht vorbereitet und dadurch ein unproduktives Meeting – allen Beteiligten die für die Sitzung aufgewendete Zeit gestohlen.
  • Kein Geld für fair produzierte Kleider/ Lebensmittel/Spielsachen und darum Produkte mit zweifelhafter Herkunft gekauft – den Produzierenden und ihren Familien damit die Chance auf ein selbstbestimmtes und würdiges Dasein genommen.
  • Am Telefon mit der guten Freundin nur von sich selber erzählt und nicht nach ihrem Befinden gefragt – die Aufmerksamkeit des Gegenübers unterschlagen.
Diese Liste lässt sich beliebig erweitern. Denn in so manchem Bereich unseres Lebens sind diese Abläufe einfach normal.

Die Lösung: Raus aus dem Unterbewusstsein
Aber wie kann ich mich gegen solches Verhalten vorsehen, wie kann ich es vielleicht sogar verhindern? Der Knackpunkt ist unser Gefühl des Mangels: Dieser Mangel ist ein Mythos. Es gibt ihn gar nicht! Diese Erkenntnis muss uns bewusst werden, damit wir das oft unbewusste Gefühl von «zu wenig» durch ein neues Gefühl ersetzen können. Denn: Abgesehen von wenigen Ausnahmesituationen haben wir in unserem Leben von fast allem im Überfluss. Ich habe fünf Shorts im Schrank und das blöde Gefühl, keine Hosen für den Sommer zu haben – total irrational.

Diese Irrationalität kann ich nur beseitigen, wenn ich meinen Fokus verschiebe und mehr auf meinen Überfluss schaue. Dann kann ich dem Gefühl des Mangels getrost sagen: Falsch, stimmt gar nicht, ich habe ja genug! Diese Verschiebung des Fokus wird auch in der Bibel beschrieben. Jesus ermutigt uns, nicht auf das (vermeintlich) Fehlende zu schauen: «Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet» (Matthäus 6,25). Gott wird sich um uns sorgen und uns alles geben, was wir brauchen, sagt Jesus weiter. Das zu verinnerlichen ist für die meisten Menschen schwierig, wir «ticken» einfach anders. Das Gefühl des Mangels ist allgegenwärtig – und das offenbar nicht nur bei mir und nicht nur in Bezug auf Kleider.

Der Mangel ist tief verankert
Der Grund dafür – so versuchen es Psychologen zu erklären – ist: Unser Gehirn fokussiert stark auf Probleme und nicht auf Positives. Diese Funktion sichert unser Überleben. Wenn wir Gefahren schneller bemerken und darauf eher reagieren können als auf Angenehmes, können wir flüchten oder uns zur Wehr stellen. Zum Beispiel auf dem Fussgängerstreifen: Ein Sportwagen fährt auf uns zu. Würde unser Gehirn eher auf positive Gefühle reagieren, wären wir in erster Linie beeindruckt wegen seiner Aerodynamik und des Matrix-LED-Scheinwerfers. Weil nun aber unser Gehirn auf Probleme und Gefahren «getrimmt» ist, erkennen wir zuerst die hohe Geschwindigkeit des Autos und können uns mit einem Sprung gerade noch aufs Trottoir retten. Die Beispiele sind beliebig erweiterbar mit wilden Tieren, giftigen Lebensmittel, Feuer etc. Unser Gehirn fokussiert auf Negatives, um diesem aus dem Weg zu gehen und Sicherheit und damit positive Gefühle anzustreben. Was uns seit der Urzeit bis heute immer wieder vor dem Tod bewahrt hat, spielt sich aber auch in weniger «tödlichen» Bereichen unseres Lebens ab.

Ein ständiges Rechnen im Kopf …
Im Zusammenleben, bei unseren täglichen Bedürfnissen wie Schlafen oder Essen, beim Besitz – immer wieder fokussiert unser Gehirn auf Negatives und sieht zu wenig. Doch in den meisten Fällen ist dieser Mangel schlicht ein Irrtum unserer Wahrnehmung. Wir haben das Gefühl, weniger von etwas zu haben, als wir zu brauchen meinen. Und dies in den unterschiedlichsten Ausprägungen:
  • Aufmerksamkeit: Der Vorgesetzte sollte mehr Lob aussprechen für die geleistete Arbeit.
  • Besitz: Das Auto ist nicht genug schnell/ neu/gross/energiesparend – ich brauche ein neues.
  • Anerkennung: Die bisherige Aus- und Weiterbildung reicht nicht, alle um mich herum haben besser klingende Titel – ich brauche eine Weiterbildung.
  • Genuss: Der neuste Ernährungstrend verspricht mehr Genuss – ich brauche dieses Essen auch.
  • Zeit: Am Wochenende gefühlte 100 Termine geplant, dadurch aber zu wenig Zeit für Erholung gehabt.
Die Psyche ist dadurch immer am Rechnen. Der Mangel (Minus) soll durch etwas ausgeglichen werden (Plus). Ständig gibt es einen Gläubiger mit einem Anspruch und einen Schuldner, der den Anspruch begleichen soll. Das Unterbewusstsein wird gefüttert mit Sätzen wie «Die anderen sollten doch …», «Ich brauche unbedingt …», «Das habe ich doch verdient …». Die Gedanken drehen sich – mal bewusst, oft aber ganz unbewusst – ums «Haben» und «Bekommen. Unter diese Rechnung kann man aber einen Strich machen: Es wird reichen, es ist genug da. Jesus hat es uns zugesichert.

Den Überfluss weitergeben
Eine weitere Möglichkeit, den Mangel zu vertreiben, ist Teilen. Der Akt des Gebens vertreibt die Furcht, zu wenig zu haben. Viel mehr noch: Teilen verhöhnt dieses Gefühl des Mangels richtiggehend! Weil es ja sogar reicht, um an andere weiterzugeben. An einer anderen Stelle in der Bibel (Matthäus 15,32 ff.) steht ein Bericht über eine Grossveranstaltung, bei der Jesus gesprochen hat. Nach seiner Rede waren die Zuhörer und Zuhörerinnen hungrig. Sie hatten Jesus drei Tage lang zugehört. Die Freunde von Jesus wollten ihnen etwas zu essen geben, hatten aber nichts. Sie zerbrachen sich den Kopf, wie sie den Hunger stillen könnten. Schliesslich fragte Jesus sie, was denn zum Essen da sei. Sieben Brote und ein paar Fische, das war alles. Das reicht nie für 4000 Männer, ohne Frauen und Kinder gerechnet, sagten die Freunde. Doch Jesus nahm, was vorhanden war, teilte es und liess das Essen verteilen. Alle wurden satt. Sogar sieben Körbe voll mit Resten blieben übrig.

Ich bin überzeugt, dass diese Geschichte auch in unserem Leben passieren kann: Wenn wir teilen, werden wir nicht weniger, sondern GENUG haben. Wir werden merken, dass nach dem Teilen immer noch im Überfluss vorhanden ist. Diese Erkenntnis, dass wir keinen Mangel haben, kann unser Leben verändern. Denn die Auswirkungen davon sind für unser Hirn und unsere Psyche nicht zu unterschätzen: Wir werden kreativer, können fokussierter arbeiten, gehen empathischer auf Menschen zu, haben einen grösseren Überblick und sind offen für Neues. Und das alles nur, weil unsere Gedanken wieder frei sind. Der Fokus liegt nicht mehr auf dem Negativem, das ständige Sichsorgen hört auf.

Der Weg dorthin scheint auf den ersten Blick anstrengend. Doch er ist manchmal weniger steil als angenommen. In meinem Fall mit den Shorts habe ich es ganz einfach gemacht: Nachdem mir bewusstgeworden war, wie viel Überfluss ich schon hatte, stornierte ich die Bestellung wieder. Die fünf Stück werden für diesen Sommer reichen. Ich werde erst wieder neue Shorts kaufen, wenn ich ein oder zwei Stück mit der Kleidersammlung weitergegeben habe. Die Zeit, welche für die Bestellung aufgewendet wurde, habe ich an einem anderen Tag nachgeholt und so wieder ausgeglichen.

Weitere "antenne August 2017" Beiträge

lifechannel.ch

August-antenne: Der Mythos vom Mangel

An so vielem scheint es uns zu mangeln.

lifechannel.ch

Der Mythos vom Mangel

Das Gefühl, zu wenig zu haben, sitzt ganz tief in uns.

lifechannel.ch

Kriminell und von Gott geliebt

Der Stich eines Stachelrochens stellt René Portmanns Leben auf den Kopf.

lifechannel.ch

Wie kann ich verhindern, dass ich selbst zum Dieb werde?

Es scheint, dass Diebstahl zum Kavaliersdelikt verkommen ist.

lifechannel.ch

Eine Frage der Ehre

«Stell dein Licht nicht unter den Scheffel!»

lifechannel.ch

Persönlich: Simon Bucher

Leiter Kommunikation und Medien der Schweizerischen Evangelischen Allianz

 1 bis 6 von 7  [ <<  1 2  >> ]