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Marti Christoph | (c) privat

Trainingseinheiten eines «Verlierers»

Von Christoph Marti

Als Blinder steht Christoph Marti vielen Herausforderungen im Leben gegenüber. In einer Gesellschaft, die auf Leistung und Erfolg aus ist, kann er mit dieser körperlichen Einschränkung fast nur Zweiter werden. Trotzdem sieht er sich nicht als Verlierer, er ist überzeugt, dass auch für ihn einmal eine Siegeshymne gespielt wird. Verschiedene Trainingseinheiten in seinem Leben haben ihn zu dieser befreienden und ermutigenden Überzeugung gebracht.

Olympische Spiele – die Besten stehen auf dem Podest und die Landeshymnen erklingen. Daneben stehen viele Sportler, die auch hart gekämpft haben, aber es hat nicht gereicht. Ebenso wird für all die Menschen, die sich durch ein hartes Leben kämpfen, nie eine Hymne gespielt. Es wäre berührend, wenn mir jemand eine Medaille um den Hals hängen würde mit den Wor ten: «Du hast dein Leben als Blinder super gemeistert!» Sportler haben gelernt, mit Niederlagen umzugehen und bei einem Misserfolg nicht aufzugeben und ihr Training weiterzuverfolgen. Auch ich gebe nicht auf, meine Trainingseinheiten, die mir das Leben stellt, anzugehen.

Trainingseinheit Identität und Selbstwert
Andere Kinder können einen Tennisball hoch in die Luft werfen und wieder auffangen, ich aber nicht. Andere sind mit dem Velo unterwegs, ich darf nicht, weil es zu gefährlich ist. Den Ball nicht erwischt, weil er zu schnell aus meinem Blickfeld verschwunden war. An solchen Erfahrungen erlebte ich als Kind, was die Ärzte in meinem dritten Lebensjahr feststellten: Retinitis Pigmentosa – eine Netzhauterkrankung mit Röhrenblick, der immer enger wurde. Vor meinem Theologiestudium musste ich auf Blindenschrift umstellen.

Als Kind hörte ich Geschichten von Jesus. Ich wurde von Jesus angezogen, war fasziniert, wie er mit Menschen am Rande der Gesellschaft umgeht. Es wurde mir klar: Jesus liebt mich, Jesus sorgt für mich. Jesus hat einen Plan für mein Leben, zu welchem auch die Behinderung gehört. Meine Andersartigkeit ist kein genetischer Zufall. Ich bin anders und trotzdem wertvoll – wertvoll als sein Geschöpf. Für ihn zählt meine Beziehung zu ihm und nicht meine Leistung. Diese Erkenntnis ist eine zentrale Trainingseinheit, wenn mein Ja zur Lebenssituation umkämpft ist oder Minderwertigkeitsgefühle in mir hoch kommen.
 
Trainingseinheit Ehrfurcht vor einem souveränen Gott
Jesus hat Blinde geheilt. Viele Menschen beteten mit mir um Heilung. Ich besuchte Heilungsgottesdienste, doch es blieb alles beim Alten. Ich stand mitten in der Spannung, dass Gott die einen heilt und die andern nicht. Klärung brachte mir die intensive Auseinandersetzung mit biblischen Texten. Ich begann, genauer auf Bibelstellen zu achten, die von den Kämpfen und Leiden auf dem Weg mit Jesus sprachen. Begriffe wie Glaube oder Gnade wollte ich tiefer ergründen. Ich stand einem souveränen Gott gegenüber, den ich bitten aber nicht zwingen konnte. Ich erlebe immer wieder die biblische Wahrheit, dass Gottes Kraft in den Schwachen mächtig ist.
 
Trainingseinheit Zufriedenheit durch Dankbarkeit
Immer wieder kommt in mir der Gedanke hoch, dass ich zu kurz komme im Leben. Ich habe den Eindruck, dass Sehende viel mehr Lebensgenuss haben. Wenn sie von der Schönheit der Natur schwärmen, meldet sich in mir ein dumpfer Schmerz. Und da sind die neusten technischen Errungenschaften, die mich brennend interessieren. Doch das Display oder Touch-Screen verunmöglicht mir eine Bedienung.
 
Ich will mir Dankbarkeit antrainieren für das, was mir geblieben ist. Ich will nicht resignieren sondern meine Möglichkeiten ausnutzen. Meine«Lebensfreuden» sind zwar eingeschränkt, aber die innere Harmonie mit Gott ist für mich eine viel tiefere und bleibendere Freude. Für alle gilt, dass Gott uns das Leben als Auftrag und nicht als Selbstzweck gegeben hat.
 
Ich lebe nach dem Motto: Ich helfe andern mit dem, was mir selbst geholfen hat. So arbeite ich neben meinem Beruf als Pastor auch ehrenamtlich im Vorstand von «Glaube und Behinderung» mit. An Weekends und während Ferienwochen wollen wir Menschen mit einer Behinderung Mut machen und Fragen thematisieren, die sie in ihrer speziellen Situation beschäftigt. Eltern von behinderten Kindern schätzen den Austausch am speziellen Familientag.
 
Trainingseinheit Abhängigkeit
Um Hilfe bitten braucht für mich oft Überwindung. Ich kann nicht Auto fahren, nicht selbstständig einkaufen, brauche Begleitung ausserhalb des Hauses. Selbstzweifel kommen hoch, ob mich meine Umwelt als Last empfindet. Auf Hilfe angewiesen zu sein hat auch positive Seiten. Ich erlebe, dass meine Abhängigkeit nicht nur eine Grenze ist, sondern auch starke Beziehungen baut. Ich bitte Gott um seinen Segen für all die Mitmenschen, deren Liebe ich durch ihre Hilfsbereitschaft praktisch spüren darf. Nicht alle Menschen sind fähig, sich in meine Grenzen zu versetzen und ihre Gedankenlosigkeit und Rücksichtslosigkeit kann verletzend sein. Jesus leitet mich an, ihnen zu vergeben, wie er mir selbst immer wieder vergibt.
 
Trainingseinheit Vertrauen
Ich war drei Jahre verheiratet, als Ruth in der Weihnachtszeit heftige Schmerzen bekam. Die Diagnose Krebs empfand ich als schwere Prüfung, aber ich war überzeugt, dass es zu einem guten Ende führen würde. Der Tod konnte nicht Gottes Plan sein. Ich sagte ihm: «Du hast uns durch ein Wunder zusammengeführt. Unser eineinhalbjähriger Sohn braucht seine Mutter. Ich schaffe es nicht ohne sie, die Familie, den Beruf und die Behinderung zu meistern.» Doch die Medizin sprach eine andere Sprache. Nach Operationen und Chemotherapie eröffnete mir der Arzt, dass ich mein Leben ohne Ruth gestalten müsse. In mir wüteten Kämpfe. Warum immer ich? Wie habe ich das verdient? In diesen Fragen wurde und ist mir immer wieder die Botschaft von Jesus eine Stütze. Er hat meine Strafe am Kreuz getragen und damit ist das Leid in meinem Leben keine Strafe, sondern hat einen andern Sinn. Das Buch Hiob bestätigte mir, dass es keine Weltgerechtigkeit gibt, die besagt: Dem Guten geht es gut und der, dem es schlecht geht, hat das eben verdient. Ich halte daran fest und vertraue darauf, dass Gott gerecht ist, es mit jedem recht meint, auch wenn er jeden von uns unterschiedlich behandelt.
 
Trotzdem, das ohnmächtige Miterleben dieses Sterbeprozesses war hart. Das monatelange intensive Gebet um Heilung wich dem Gebet um die baldige Erlösung Ruths von diesen schrecklichen Qualen. In meinen Gebeten wiederholte sich immer wieder der eine Satz: «Gott, jetzt bist du dran!» Und Gott blieb dran und hielt mich. Mein Vertrauen zu Gott war erschüttert, zerbrach aber nie ganz. Auch äusserlich sorgte Gott für mich. Meine Schwägerin Trudy, die Patin des kleinen Thomas, führte unseren Haushalt bis Gott einen Schritt weiter führte.
 
Gott baut wieder auf
Ich bin nun schon 30 Jahre mit Barbara verheiratet. Gott hat es geführt, dass meine Zeit als Witwer nur eineinhalb Jahre dauerte. Wir staunen noch immer über unsere Liebesgeschichte und wie es zum ersten Rendez-vous kam: Nach dem Tod von Ruth erklärte sich die Tante von Barbara bereit, mir regelmässig Literatur für meinen Beruf vorzulesen. So erfuhren meine zukünftigen Schwiegereltern von mir. Gott bewegte ihr Herz, dass alle drei zu beten begannen, ob Barbara und ich wohl zusammengehören könnten. Das war der Start unserer gemeinsamen Geschichte. Ich bin Jesus dankbar, dass er die eingestürzten Wände meines Lebenshauses wieder aufgebaut hat.
 
Im Training bleiben
Ich will Gott mein Leben immer wieder neu anvertrauen, auch wenn ich nicht vorhersehen kann, welche Wege er mich führt. Ich bin überzeugt, dass die himmlische Landeshymne auch für mich erklingen wird und ich mich freuen werde über meine Medaille. Der Apostel Paulus beschreibt dies so: «Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe das Ziel des Laufes erreicht, ich habe am Glauben festgehalten. Nun liegt der Siegeskranz für mich bereit, die Gerechtigkeit, die der Herr, der gerechte Richter, mir an jenem grossen Tag geben wird – und nicht nur mir, sondern auch allen anderen, die ihn lieben und auf sein Kommen warten.» (vgl. die Bibel in 2. Timotheus 4,7+8)

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