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Martin Luther | (c) dreamstime

Martin Luther – der Rebell

Von Peter Henning

Das bevorstehende «Reformationsjubiläum » pfeifen zwar nicht gerade die Spatzen vom Dach, aber immerhin: Die Medien berichten je länger je öfter davon! Denn es ist immerhin noch allgemein bekannt, welchen Einfluss Martin Luther und die Reformation auf die Geschichte, Kultur, Gesellschaft und politischen Strukturen Europas und der Welt hatte.


Ohne Frage markiert die Reformation eine Zäsur in der Geschichte, hat sie doch unsere Welt nachhaltig verändert. Eine neue Kultur des Glaubens, Denkens und Handelns setzte sich durch, der einzelne Mensch gewann als Individuum an Bedeutung und die Rolle der Kirche wurde massiv korrigiert. Es geschah damals sehr eruptiv, als nach dem Thesenanschlag in Wittenberg 1517 der ganze Frömmigkeitsbetrieb und das damit verbundene Finanzund Wirtschaftssystem der römisch-katholischen Kirche in wenigen Monaten aus den Fugen geriet.

«Die Reformation» lag damals in der Luft
Die drei Hauptreformatoren Luther, Zwingli und Calvin haben anhand der Bibel theologisch klar und verständlich begründet, weshalb der immer stärker werdende Widerstand gegen das totalitäre Herrschaftssystem der damaligen Kirche mit ihrem gewinnsüchtigen Sakramentsbetrieb berechtigt ist! Mit der Renaissance wuchs der Protest. Viele Humanisten wie Erasmus von Rotterdam in Basel belegten das kirchliche Geschäft mit der religiösen Angst der Leute mit beissendem Spott!

«Ad Fontes! Zurück zu den Quellen!» wurde das Leitmotiv, um wichtige Dogmen und Texte der Kirche kritisch zu untersuchen. Und siehe da: Der Universalanspruch des Papsttums beruhte auf einer gefälschten «Schenkung Konstantins» aus dem 7. Jahrhundert! Seit dieser Entdeckung durch Laurenzo di Valla 1440 rumorte es! Das Interesse am Urtext der ganzen Bibel wuchs gewaltig und 1516 lag das gesamte griechische Neue Testament zum ersten Mal in einem Büchlein vor! Martin Luther benutzte wenige Jahre später die 2. Auflage für seine Übersetzung des Neuen Testamentes auf der Wartburg. Und in den folgenden Jahren gab es je in Wittenberg und Zürich die ganze deutsche Bibel in allgemein verständlichem Deutsch.

Die Reformation – eine Freiheitsgeschichte ohnegleichen
Nun konnten nicht nur die Theologen prüfen, ob Lehre und Praxis der Kirche stimmen, sondern auch Laien, also Männer und Frauen des gemeinen Volkes – eine Revolution der bisherigen Kirchenhierarchie. Dem Klerus der römisch-katholischen Kirche wurde das Privileg der Bibelauslegung entrissen. Die Reformation hob die jahrhundertelange Entmündigung des Kirchenvolkes dadurch auf, dass sie ihm die Bibel in die Hand gab!

Und plötzlich las und hörte dieses Volk,
  • dass nicht die Kirche, die Heiligen, die Priester und die Messe das Heil vermitteln, sondern allein Christus!
  • dass wir Vergebung, Versöhnung und ewiges Leben allein durch Gottes Gnade gratis empfangen, ohne Werke des Gesetzes und religiöse Leistung!
  • dass es keinen Ablass, keinen Zehnten, keine Wallfahrten, keine Bussübungen und keine Gebetslitaneien braucht, um bei Gott gerecht zu werden. Gerechtfertigt ist der Mensch allein durch den Glauben daran, dass Christus alles bereits vollbracht hat. Vertrauen ist gefragt und sonst nichts.
  • dass nicht Päpste, Kleriker und Konzile die Wahrheit Gottes kraft eines angeblich unfehlbaren Lehramtes gepachtet haben, sondern dass allein die Heilige Schrift Gottes lebendiges Wort und Wahrheit für uns ist
Die Reformatoren haben also die «Freiheit eines Christenmenschen» wiederentdeckt: Gottes Liebe, Gnade und Barmherzigkeit müssen wir uns nicht mehr verdienen! Wir sind frei vom religiösen Leistungszwang, weil uns Gott beschenkt! So – als Beschenkte – sind wir endlich frei von der Sorge um unser Seelenheil! Das befreit zu einer völlig neuen Lebenskultur! Dankbare Freude bestimmen die Frömmigkeit anstatt Angst und Krampf.

Kirche – ein Geschäft mit Religion?
Mit Gottes Gnade ein Geschäft zu machen, war der tragische Sündenfall der römischkatholischen Kirche des Mittelalters. Sie war zu einem allmächtigen Religionsunternehmen mit unmenschlichen Machtinstrumenten verkommen, die den einzelnen Gläubigen mit Vorschriften, Pflichten und Zwängen fromm verwaltete. Sie verstand es, ihren Charakter als alleinige Heilsvermittlerin immer wieder triumphal zu inszenieren und ihre universale Macht zu demonstrieren. Widerspruch und Protest waren lebensgefährlich.
Eine solche Kirche – das hatten bereits vor der Reformation schon viele andere entdeckt – hatte Jesus Christus aber nie gewollt! Kirche ist im reformatorischen Sinn vielmehr eine Gemeinschaft derer, die mit Ernst Christen sein wollen. Sie finden sich im Glauben, in der Liebe und in der Hoffnung zusammen und gestalten ihr Leben in Verantwortung vor Gott. Und sie feiern regelmässig gemeinsam Gottesdienste. Und sie wollen als Gemeinde mitten in der sie umgebenden Gesellschaft ein glaubwürdiger Hinweis auf Gott sein! Eine Kirche, die nicht mehr herrschen, sondern Gott und den Menschen dienen will, hält sich frei von den Versuchungen der Macht, des Geldes und des Personenkults!

Was bedeutet das Erbe der Reformation für uns heute?
Das alles – die Wiederentdeckung der befreienden Botschaft des Evangeliums – gibt es 500 Jahre nach der Reformation zu feiern! Das darf durchaus in historischer Rückschau geschehen. Es ist nichts gegen den erwarteten Jubiläumstourismus an die Gedenkstätten der Reformation und die dortigen Veranstaltungen einzuwenden. Die Orte der Reformation regen zum Nachdenken an sowie zum besseren Verständnis der Reformation und ihrer Folgen für die Geschichte Europas und der ganzen Welt bis heute. Denn sie bleibt aktuell! Dazu einige Stichworte.

Reformatorische Theologie ist kommunikativ
Die Reformatoren standen in intensiven Auseinandersetzungen mit der damaligen Zeit. Das lag am wiederentdeckten Evangelium. Denn Jesus und seine Apostel richteten sich immer konkret an Menschen mit ihren Erfolgen, Freuden, Sorgen, Fragen und Problemen. Deshalb haben alle Reformatoren unablässig versucht, die biblische Botschaft in die Situation der Menschen, der Gesellschaft und der Kirche hinein zu übersetzen. Was da gepredigt, gelehrt, geschrieben, getextet, korrespondiert, gedruckt, verteilt und unter die Leute gebracht wurde, ist unglaublich!

Gottes Wort muss laufen und unter die Leute – das trieb alle bekannten und weniger bekannten Reformatoren an! Zu letzteren gehören übrigens auch einige Reformatorinnen. Gottes Einladung zum echten Menschsein gehört in den Kontext jeder Zeit und Gegenwart. So wie damals würden die Reformatoren heute die multimedialen Möglichkeiten ohne Vorbehalt zum Dialog und Gespräch nutzen sowie für die Auseinandersetzung mit Meinungen, Zeitströmungen und Trends. Es gehört zum Charakter der Botschaft Jesu, dass sie uns zu einem kritischen Denken anleitet. Nur so bleiben wir freie, profilierte Persönlichkeiten. Es kann sehr heilsam sein, sich der Sicht Gottes in bestimmten Situationen und Fragen des Lebens auszusetzen!

Orientierung ist gefragt
Auch wenn den Kirchen die Menschen hierzulande noch davonlaufen, bleibt eine grosse Sehnsucht nach Orientierung. wenn das öffentliche und private Leben nicht mehr christlich geprägt ist, bleiben die Menschen auf diffuser spirituell-religiöser Spurensuche. Dies allerdings ohne genau zu wissen, wonach sie sich eigentlich sehnen. Deswegen boomt das religiöse Gemischtwarengeschäft und der multireligiöse Supermarkt findet interessierte Kunden in allen Schichten der Gesellschaft.

Die den mittelalterlichen Menschen so stark bedrängende Frage nach dem gnädigen Gott beschäftigt heute kaum noch jemanden. An die Stelle ist die Frage nach dem gnädigen Nächsten und dem gnädigen Ich getreten. Oder anders formuliert: Früher hatten die Menschen Angst vor der ewigen Hölle als göttliche Strafe für ihre Sünden. Heute fürchten die Menschen die Hölle auf Erden gemäss der beiden Aphorismen «Die Hölle, das sind wir selbst» (Thomas S. Eliot) und «Die Hölle, das sind die anderen» (Jean- Paul Sartre). Unsere gegenwärtig aus den Fugen geratene Welt gibt ja genug Anlass dazu. Die aktuelle Bedeutung der erwähnten reformatorischen Grundeinsichten liegt also auf der Hand.

Gnade
Wir leben in einer gnadenlosen Gesellschaft, in der mit rücksichtsloser Ellbogenmentalität um Anerkennung, Prestige, Position und Karriere gekämpft wird. In dieser Situation kann die Nachricht von einem bedingungslos gnädigen Gott der Liebe befreiend wirken. Wenn mir gesagt wird, dass meine Schwächen, Fehler und Sünden für Gott kein Grund  seien, mich abzuschreiben, kann ich aufatmen. Ich kann lernen, zu mir und meiner Biografie zu stehen. Und ich kann mich mit meiner Unvollkommenheit an Gott wenden. Gottes Gnade vergibt, versöhnt, bringt mich wieder zurecht, befreit zu neuer Identität und stärkt mich als Person.

Unsere moderne Welt dagegen jagt sensationslüstern hinter unseren und den Fehlern von Stars und Sternchen, Politikern und anderen bedeutenden Persönlichkeiten her. Und die Öffentlichkeit und die Medien verteilen dann mediengerecht und publikumswirksam Gericht und Gnade. Viele Kündigungen in Firmen und erzwungene Rücktritte der vergangenen Jahre sind die traurige Bilanz einer herz- und gnadenlosen Verurteilung selbsternannter Richter.

Wer Gottes Gnade empfangen hat, handelt als Chef, Kollege oder Journalist anders: «Wenn jemand einen Fehltritt tut, dann helft ihm wieder freundlich zurecht und ertraget einander im Geist Christi», so schreibt der Theologe Paulus immer wieder in seinen Gemeindebriefen.
Diese bedingungslose Begnadigung Gottes feiern Christen in der Eucharistie bzw. im Abendmahl. Dort werden uns von Gott trotz all unserer Unvollkommenheiten Würde und Wert zugesprochen. Gott entlässt uns nicht fristlos, sondern heilt und tröstet uns. Der inzwischen verstorbene Ethikprofessor Arthur Rich (Zürich) rief uns Studenten einmal innerlich bewegt und für mich unvergesslich zu: «… und beachten Sie bitte: Die moderne Welt der Politik, Wirtschaft und Medien kennt kein Abendmahl! Denken Sie einmal darüber nach, was da fehlt!»
Christen werden sich also für eine Kultur der Gnade einsetzen. Christliche Gemeinden bieten also Freiräume an, wo die «Hölle auf Erden» ausgespielt hat.

Glaube
Wer sich die Leistungskataloge und Preise im postmodern multireligiösen Supermarkt anschaut und dann jährlich von den Milliardenumsätzen hört, der staunt, was da alles leichtgläubig in Kauf genommen wird. Mit spirituellen Spekulationen zu experimentieren scheint modern und unterhaltsam zu sein. «Zünde dein inneres Licht an! Wie du der Schöpfer deines Lebens wirst» So wirbt der Weltbildverlag auf der Titelseite seines jüngsten Prospekts! Genau das macht die gegenwärtige religiöse Welle so attraktiv: Es braucht keinen Gott mehr, weil ich der Schöpfer und Designer meiner selbst bin. Dabei sollten wir doch aus der jüngsten Geschichte gelernt haben, dass der Mensch heillos überfordert ist, wenn er Gott spielen will.

Davon befreit uns der christliche Glaube, also das tiefe Vertrauen, dass Gott für mich vorgesorgt und alles vollbracht hat. Meiner ewigen Gemeinschaft mit ihm steht nichts mehr im Wege. «Gottes bedürfen, ist des Menschen höchste Würde », schrieb der erste Generalsekretär der UNO Dag Hammersköld in sein Tagebuch!

Die Reformation hat diejenige Wahrheit wieder neu entdeckt, die frei macht. Wer an Christus glaubt, braucht nicht mehr zu sein, was er nicht ist und muss nicht mehr leisten, was er nicht kann. Denn «wenn uns Christus frei macht, dann sind wir recht frei!» (Johannes 8,31–36).

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