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Wegweiser Richtung Freiheit

Die Sehnsucht nach der grossen Freiheit

«Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein» hat Reinhard Mey einst gesungen. Wir kennen wohl alle Momente grosser Freiheitsgefühle. Für den einen ist es die stiebende Fahrt durch den Tiefschnee an einem sonnigen Wintertag oder eine Ausfahrt mit dem Segelboot. Der Jugendliche möchte endlich selber Auto fahren können und der gestresste Manager träumt von der Freiheit eines unbekümmerten Urlaubs am Meer. Eltern wünschen sich sehnlichst ein Wochenende ohne Kinder und die Grossmutter würde viel dafür geben, wenn sie noch einmal frei und selbständig den Tag bewältigen könnte.

Freiheit ist ein Lebensgefühl, nach dem wir uns sehnen. Sie gilt als Schlüsselfaktor für Lebensqualität und Lebensglück. Selber entscheiden können, was ich glauben will, welchen Beruf ich erlerne, wen ich heiraten möchte und wo ich meine Ferien verbringe. «Freiheit» ist jedoch auch ein schillernder Begriff. Zu simpel wird er oft verwendet und damit widersprüchlich und nichtssagend. Meine These: Von Freiheit sollte man nur in Begriffspaaren sprechen. Freiheit und …

Freiheit und natürliche Begrenzung
Die von Reinhard Mey besungene Grenzenlosigkeit gibt es natürlich nicht. Es ist kein freier Entscheid von mir, dass ich da bin und dass ich «ich» bin. Ich habe mich nicht gewollt und nicht gemacht. Ich bin unfreiwillig und unentrinnbar «ich». Ich bin auch unentrinnbar Teil dieser Welt mit ihren Bedingungen (Naturgesetze und Geschichte). Ich kann nicht fliegen. Ich bin jeden Tag auf die richtige Zusammensetzung der Luft angewiesen. Ich kann in meiner Körperlichkeit nicht gleichzeitig an mehreren Orten auf der Welt sein. Die Zeit tickt unablässig – ich kann sie nicht aufhalten und nicht zurückdrehen. Ich werde älter und werde sterben. Inmitten dieser unabänderlichen Gegebenheiten kann ich nun aber in relativer Freiheit Entscheidungen treffen. Ich kann mein Leben «besser» oder «schlechter» gestalten. «Lebe, wie du, wenn du stirbst, wünschen wirst, gelebt zu haben», hören wir im alten Kirchenlied von Christian Fürchtegott Gellert. Der Mensch wird nicht einfach gelebt,
er kann sein Leben gestalten. Wie kann ich inmitten aller Begrenzungen das mögliche Mass an Freiheit finden und verantwortungsvoll leben?

Freiheit und die «Anfälligkeit des Menschen»
Zuerst eine schlechte Nachricht: Der Mensch ist nicht einfach nur «edel, hilfreich und gut» (Goethe). «Der Mensch bleibt anfällig» lese ich neulich in einer Zeitschrift. Die humanistische These vom guten Menschen war eine Reaktion auf das oft einseitig negative Menschenbild der christlichen Theologie. Da steht der Mensch einseitig unter dem Urteil der Erbsünde: Es ist nichts Gutes an ihm. Dass die biblischen Texte mit dem Gedanken der Gottesebenbildlichkeit noch eine andere Seite des Menschen zeigen, wird unterschlagen. Ein realistisches Menschenbild wird beide Pole in kreativer Spannung halten: Die Gottesebenbildlichkeit und die Anfälligkeit (Sündhaftigkeit) des Menschen. Es gehört zur Gottesebenbildlichkeit, dass der Mensch nicht lediglich ein von Naturgesetzen und Trieben gesteuertes Wesen ist. Als beziehungs- und denkfähiges Wesen kann er sein Leben in relativer Freiheit gestalten. Darin bleibt er aber «anfällig» – für die Versuchung zum Bösen und Zerstörerischen.

Freiheit und die Mächte
Eine zweite schlechte Nachricht: Wir leben unter dem Einfluss von Mächten, die unser Leben mehr oder weniger beeinflussen und bestimmen. Manche sind offensichtlich und klar benennbar: Die Autoritäten der Obrigkeit, der Unternehmensführung, der Schulleitung oder der Eltern. Andere Mächte sind diffuser: Der Einfluss der Medien, der Werbung und des Internets. Der Anspruch der Wissenschaft, des Kapitalismus, des Sozialismus und der Globalisierung. Die Verheissungen von Religion und Aberglaube. Die Bibel nennt diese Kräfte oft Mächte und Gewalten. Sie gehören zu Gottes Schöpfung als ordnende Kräfte und wir können ohne sie nicht leben. Gleichzeitig haben sie das Potenzial, uns zu versklaven, indem sie uns ihre Denk- und Handlungsweisen aufzwingen, ja uns letztlich von Gott und seiner Liebe fernhalten.

Wie können wir unter den Mächten und Gewalten dieser Welt je frei leben? Eine erste gute Nachricht der Bibel ist, dass alle Mächte und Gewalten von Jesus Christus besiegt sind. In seinem ganzen Leben, durch alle Versuchungen hindurch und selbst im Sterben hat sich Jesus in grosser Freiheit nicht von den Mächten und Gewalten vereinnahmen lassen. Das ist ihm deshalb gelungen, weil er sich konsequent und
ungeteilt an seinen Vater im Himmel und an seine Weisungen gehalten hat. In dieser Bindung an den einen Gott hat er seine Freiheit gefunden. Eine zweite gute Nachricht lautet: Wir können an dieser Freiheit von Jesus Christus teilhaben, wenn wir ungeteilt ihm vertrauen und uns an seine Weisungen halten.


«Freiheit vom Gesetz»
Können Gesetze helfen, die Anfälligkeit des Menschen und die Mächte und Gewalten in Grenzen zu halten und Freiheit zu ermöglichen? Das Verhältnis von Freiheit und Gesetz ist spannungsvoll und vielschichtig. Gesetze regeln das Leben von Gemeinschaften. Sie schränken die individuelle Freiheit ein, schützen sie aber auch, indem sie Willkür und Übergriffen Einhalt gebieten.

Beide Dimensionen sehen wir beispielhaft am alttestamentlichen Sabbatgebot. Das Gesetz kann als göttliche Anordnung gesehen werden, die peinlich genau eingehalten werden muss, um Gott zufrieden zu stellen. Der Sabbat kann aber auch als Geschenk Gottes an die Menschen verstanden werden, wie das jüdische Weise immer wieder betont haben: «Mehr als Israel den Sabbat gehalten hat, hat der Sabbat Israel gehalten» (Achad Ha’am). Schon Jesus hat gefragt: Sind eigentlich die Menschen für den Sabbat gemacht oder der Sabbat für die Menschen? So kann man bei allen Gesetzen und Verordnungen fragen. Freiheit heisst dann nicht Gesetzlosigkeit und Beliebigkeit, sondern dankbar das Leben in den Freiräumen gestalten, welche mir gute Ordnungen geben.

«Freiheit vom Gesetz» hat im christlichen Glauben noch eine ganz besondere, oft missverstandene Bedeutung. Diese Freiheit wird in der Bibel vor allem durch Paulus entfaltet (Römerbrief, Galaterbrief). Er propagiert nicht, dass es für Christen keinerlei Gesetze gibt, an die sie sich halten müssten. Paulus geht es darum, dass wir nicht durch die Einhaltung von Gesetzesregeln die Liebe und Zuwendung Gottes verdienen müssen. Gottes Für-uns-sein hängt nicht von unserer moralischen Perfektion ab. Das ist eine weitere gute Nachricht des christlichen Glaubens. Doch es geht um mehr.

Freiheit und Bindung
Die Aufklärung hat die Befreiung des Menschen von allen Autoritäten gefordert. Vor allem von den Kirchen und Königreichen wollte man sich emanzipieren. Nun haben wir bereits 200 Jahre Emanzipation hinter uns. Viele Befreiungen waren wichtig und nötig. Es bleibt aber auch Ernüchterung.

Die Freiheit jenseits aller Bindungen gibt es nicht. Der Mensch bleibt trotz aller Emanzipationsbemühungen doch immer in dieser Welt gefangen. Der Mensch ist nicht in der Lage, einen neutralen Gottesstandpunkt einzunehmen, so der Philosoph Karl Jaspers, er findet in der Bindung an Gott die grösstmögliche Freiheit: «Je mehr der Mensch eigentlich frei ist, desto gewisser ist ihm Gott.» Und später: Der Mensch kann nur dann in grösstmöglicher Unabhängigkeit von der Welt und gleichzeitig in grösstmöglicher Offenheit für die Welt leben, wenn er «gebunden an Gott lebt» (aus «Einführung in die Philosophie»).

Solche Einschätzungen stehen in der Tradition eines hebräisch-christlichen Menschenbildes. Das Wortspiel von Wolfgang Dyck bringt es auf den Punkt: «Ohne den Schöpfer ist das Geschöpf bald erschöpft.» Im biblischen Menschenbild findet der Mensch seine Identität in der Beziehung zu seinem Schöpfer. Im Rahmen dieser Gottesbeziehung kann deshalb Freiheit gefunden werden. Wenn sich das Geschöpf von seinem Schöpfer emanzipiert, führt das nicht in die Freiheit, sondern in die Erschöpfung. Wir fragen also nicht: Bist du gebunden oder frei? Sondern wir fragen: An was oder an wen hast du dich gebunden?

Freiheit und Beziehungen
«Ich liebe die Freiheit, aber ich glaube nicht an sie.» Mit diesem Satz plädiert Martin Buber in seiner «Rede über das Erzieherische» für eine Pädagogik, die Menschen aus falschen Bindungen befreit und zur Mündigkeit führt. Aber, so Buber, die Freiheit an sich ist «ohne Kompass», deshalb ist ihr nicht zu trauen. Die Freiheit bietet keine Orientierung, hat kein Ziel, sie ist bestenfalls ein Übergang. Es muss deshalb, wenn von Freiheit die Rede ist, auch gesagt werden, wozu sie errungen werden und wohin sie führen soll.

Oft wissen wir schnell, wovon wir befreit werden wollen. Der junge Mensch will freisein von den Bindungen des Elternhauses. Die Aufklärer wollen sich von den Dogmen der Kirche befreien. Die Kapitalisten fordern die Freiheit von staatlichen Regelsystemen. Patriotische Politiker propagieren die Freiheit von «fremden Vögten». Die Globalisierer fordern Handel und Personenverkehr frei von einschränkenden Bestimmungen. Aber wohin soll diese Freiheit führen? Was soll sie ermöglichen? Welches Ziel hat sie?

Buber versteht die Freiheit als eine Art Brücke. Sie führt aus Zwang und Geducktheit hinaus, aber sie darf – so Buber – nicht in irgendeine
undefinierte individuelle Freiheit führen, sie muss vielmehr in die «Verbundenheit» führen. Pädagogik zur Freiheit ist deshalb Hinführung zu Beziehungen – zum Schöpfer und zu den Geschöpfen. Die wahre Autonomie des Menschen besteht für Buber nicht in einer ziel- und bindungslosen Unabhängigkeit des Menschen. Der Mensch soll vielmehr «den Schöpfer anrufen», dass dieser «sein Ebenbild retteund vollende.» Freiheit wird also in Beziehung gefunden – ja letztlich in der Hingabe an Gott und den Mitmenschen.

Freiheit und Hingabe
«Zucht – Tat – Leiden – Tod»: Mit diesen vier Begriffen skizziert Dietrich Bonhoeffer 1944 «Stationen auf dem Weg zur Freiheit». Ich versuche sie unter der Überschrift «Freiheit und Hingabe» zu verstehen.

Zucht: Wir würden heute vielleicht von Selbstdisziplin und Selbstführung sprechen. Der Weg in die Freiheit – so Bonhoeffer – ist nicht der Weg in die unkontrollierte Hingabe an Sinne und Begierde. Sein Rat: Schau, dass deine Sinne, deine Begierden und deine Glieder «dich nicht bald hierhin, bald dorthin führen». Fokussiere dich auf das Ziel, zu dem du berufen bist und kontrolliere deinen Geist und deinen Körper auf dem Weg zu diesem Ziel.

Tat: Das befreit zum Handeln: «Nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapferergreifen, nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit. Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens, nur von Gottes Gebot und Deinem Glauben getragen und die Freiheit wird Deinen Geist jauchzend umfangen.» Das ist Befreiung zum dienenden und engagierten Handeln.

Leiden: Und dann die Erfahrung, dass die Tat nicht zum gewünschten Ziel führt. Bonhoeffer ist stillgelegt, sitzt im Gefängnis: «Die starken tätigen Hände sind Dir gebunden. Ohnmächtig einsam siehst Du das Ende Deiner Tat.» Jetzt ist Loslassen gefragt. Auch das ist Befreiung. Ich habe alles gegeben, aber nun muss ich es zurück in Gottes Hand legen. Ich bin am Ende meiner Möglichkeiten angelangt: «Still und getrost» lege ich die Sache «in stärkere Hände», und übergebe «sie GOTT, damit ER sie herrlich vollende».

Tod: Schliesslich kommt der Mensch an seine endgültige Grenze: Er kann sein Leben nicht halten. Er ist herausgefordert, es loszulassen. Ist das das Ende oder der Anfang der Freiheit? Bonhoeffer: «Tod, leg nieder beschwerliche Ketten und Mauern unseres vergänglichen Leibes und unserer verblendeten Seele, dass wir endlich erblicken, was hier uns zu sehen missgönnt ist […] Freiheit … sterbend erkennen wir nun im Angesicht Gottes dich selbst».

Frei ist letztlich der, der am Ende sein Leben auch loslassen kann, weil er es in Gottes Hand

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