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50plus und arbeitslos

Von Verena Birchler

Plötzlich ist man 50. Und plötzlich arbeitslos. Und plötzlich ist man nicht mehr gefragt. Von einem Tag auf den anderen sind alle gemachten Berufs- und Lebenserfahrungen wertlos. Man ist 50plus und arbeitslos!

Unser Wirtschaftssystem zeigt sich zuweilen geradezu schizophren. Einerseits wird ein Rentenalter angestrebt von bis zu 70 Jahren. Anderseits finden 40-Jährige kaum noch Stellen und bei 50-Jährigen gibt es eine regelrechte Alters-Guillotine. Unzählige Firmen suchen in ihren Stellenanzeigen Mitarbeitende von 25 bis 40 Jahren. Wer älter ist, soll sich bitte schon gar nicht mehr bewerben. Natürlich gibt es einzelne Firmen, die bewusst Wert legen auf eine Generationendurchmischung. Aber die sind eher eine Seltenheit. Zudem nimmt die Anzahl von Kündigungen bei über 50-Jährigen massiv zu. Was also, wenn man plötzlich selbst Opfer von diesem «Zeitgeist» wird?

Martin Trachsel machte eine Ausbildung zum Diakon. Es war sein Wunsch, vor allem im sozialen Bereich tätig zu sein. Mit 40 Jahren war er Heimleiter eines kleinen Heimbetriebes. Damals war es sein Ziel, sich in einer grösseren sozialen Institution im Alters- oder Behindertenbereich weiterzuentwickeln. Doch diese Vorstellungen haben sich nicht erfüllt. Verschiedene Aspekte führten dazu, dass er tatsächlich arbeitslos wurde.

«Im Jahre 2007 wurden meine sozialen und pädagogischen Qualifikationen, welche ich als Diakon erworben hatte, durch den Kanton nicht mehr anerkannt. Nach 13 Jahren Heim- und pädagogische Leitung und nach total über 20 Jahren Arbeit mit Kindern und jungen Erwachsenen fehlt mir heute das notwendige Diplom als Sozialarbeiter oder Sozialpädagoge. Ich bereitete mich für einen angezeigten Wechsel vor, indem ich ein Studium EMBA in Public Management an der Fachhochschule belegte.» 

Der ehemalige Heimleiter wollte sein angestrebtes Ziel, seine Perspektive umsetzen. Aber die Chancen standen schlecht. Die neuen kantonalen Vorgaben, die persönliche Weiterbildung forderten viel Kraft. Dazu raubte ein eskalierender Konflikt im Betrieb viel Energie und führten zu einem früheren Stellenwechsel.

«Meine Batterien waren aufgebraucht. Ich war enttäuscht über persönliches Versagen, aber auch über meinen Arbeitgeber. Meine Vorstellungen für einen Wechsel nach 16 Jahren Heimleitung hatte ich mir anders ausgemalt. Ich wusste was ich kann und wollte meine Fähigkeiten schnellstmöglich wieder einem neuen Arbeitgeber zur Verfügung stellen.»

Denn letztlich war für Martin Trachsel die Ausbildung zum Diakon eine Berufung. Zusätzlich investierte er auch in die Weiter- und Ausbildung zum eidg. dipl. Heimleiter.

«Diese Ausbildung führte mich ins Management. Ich erhielt die Möglichkeit, an Fachhochschulen weiteres Wissen und Qualifikationen zu erwerben. Ich beobachtete zwar die Entwicklung im Bildungswesen und erkannte schon früh, dass meine kirchlich-soziale Ausbildung an Anerkennung verliert. Ich hatte die Idee, dass ich mit meiner Erfahrung punkten kann und dadurch eine neue Grundausbildung (Bachelor) umgehen kann.»

Martin Trachsel war lange der Meinung, dass er mit seinen Leistungen und Führungsqualitäten problemlos eine neue Stelle finden würde. Mit der Zeit realisierte er, dass das nicht der Fall war. Solche Erfahrungen sind sehr verletzend und verunsichernd.

«Je länger die Arbeitslosigkeit dauerte, umso mehr wurde mir die Identifikation mit meiner Arbeit bewusst. Das Arbeitsumfeld ist mehr als nur die Arbeit. Es gibt mir Strukturen, Kollegen, Befriedigung, Anerkennung. Als Arbeitsloser wurde ich mein eigener Manager. Ich gehörte nicht mehr einfach dazu, sondern musste mich selber motivieren und in die Gesellschaft einbringen. Nach rund 150 Bewerbungen war ich schon verunsichert und fragte mich, für was ich noch zu gebrauchen bin. Ab 300 Bewerbungen war ich auch konfrontiert mit der Situation, dass ich bald ausgesteuert würde. Da bewarb ich mich praktisch auf alle Jobs.

Wenn Menschen sich in jungen Jahren für eine Berufsrichtung entscheiden, sind oft sehr klare Überlegungen dahinter. Martin Trachsel hat sich bewusst für eine Diakonen- Ausbildung entschieden, hat einen Weg eingeschlagen, indem er sich auch für Gott im Rahmen der sozialen Arbeit einsetzen wollte. Und plötzlich stand er da und war «im gegenseitigen Einverständnis» entlassen worden. Bekommt man da nicht auch eine Wut auf Gott?

«Die aussichtslose Lage war belastend und die Aussicht, keinen Job zu finden und als ‹Working Poor› Sozialhilfe beanspruchen zu müssen, war nicht verlockend. Ja, ich haderte mit Gott und ich hatte Fragen an ihn. Warum, wozu, was willst du, Help! Gerne hätte ich ein Zeichen von Gott erkannt … war mir aber auch nicht sicher, ob ich einfach nicht sehe oder sehen wollte, was Gott will. Ich war jedoch nicht wütend, da ich tagtäglich Menschen sah, die wirklichen Grund hätten Gott anzuklagen, denen es wirklich schlecht geht.»

Wenn man mittendrin ist in Arbeitslosigkeit, ist das emotional enorm herausfordernd. Viele Arbeitslose schämen sich. Es gibt sogar solche, die diese Tatsache in ihren Familien und in der Nachbarschaft verheimlichen. Das Selbstwertgefühl geht verloren und vieles kreist oft nur noch um «ich habe versagt».

«Arbeitslosigkeit war nicht in meinen Szenarien vorgekommen und auf diese Situation, auf diese Veränderung in meinem Leben war ich nicht vorbereitet. Es war meine Erfahrung und die Erkenntnis, dass ich nicht alles selber richten kann. Für mich gab es Phasen. Zuerst war es Erholung und die Möglichkeit, Pendenzen zu erledigen. Später verstärkte sich das Gefühl, nicht mehr dazuzugehören. Ich fühlte mich gesellschaftlich abgekoppelt. Ich musste mich selber motivieren, um rauszugehen unter die Leute und zur eigenen Arbeitslosigkeit zu stehen. Ich fühlte mich durch die permanenten Arbeitsbemühungen und geforderte Erreichbarkeit wie mit einer Fussfessel und unfrei. Ferienideen und grössere Projekte wurden aufgrund finanzieller Einbussen zurückgestellt.»

Dieses dauernde Bewerben und eben diese permanente Erreichbarkeit kosten Kraft. Martin Trachsel schrieb ungefähr 350 Bewerbungen und wurde gerade mal zu sieben Vorstellungsgesprächen eingeladen. Wenn es um Arbeitslosigkeit geht, reden viele vom Netzwerk. Martin Trachsel war aktiver Politiker im Stadtrat Bern, hatte also ein durchaus beachtliches Netzwerk. Dies hat ihm dann letztlich genützt und ihm kurz bevor er ausgesteuert wurde zu einem befristeten Arbeitsverhältnis verholfen. Diese Netzwerke hat er jedoch unterschiedlich erlebt.

«Ich unterscheide zwischen beruflichem und privatem Netzwerk. Das private ist wichtig für das persönliche Befinden und sekundär für berufliche Impulse. Ich bin heute von beruflichen Netzwerken sehr überzeugt. Mit über 50 und seit Jahren im Führungsbereich tätig, ist die Stellensuche ein aufwendiges Unterfangen. Die Rückkehr als Handwerker oder in eine Arbeit ohne Führungsaufgabe bleibt auf dem konventionellen Bewerbungsweg verwehrt. Durch das Internet sind die neuen Stellen zeitgerecht abrufbar. Mit Xing und Linkedin bieten sich berufliche soziale Medien an. Mein Werdegang als Generalist vom Werkzeugmacher zum Diakon und Heimleiter ist geprägt von Praxis und Erfahrung. In der Selektion wird heute stark auf passende Diplome und spezifische Erfahrung geschaut. Mein Curriculum Vitae fällt aufgrund meiner Erfahrung in der ersten Runde oft durch. Durch das Netzwerk erhalte ich Zugang zu jenen Personen, die im Bewerbungsprozess mitreden können, mein Dossier schon mal beachten und das Gespräch mit mir suchen.»

Das bedeutet also, dass jeder Arbeitslose viel Energie, Einsatz und Phantasie ins Selbstmarketing investieren muss.

«Im Zeitalter der Computer und sozialen Medien bieten sich sehr gute Möglichkeiten. Ich hatte Zeit und Spass, an meinen Unterlagen zu feilen, Zeugnisse und Diplome einzuscannen, jpeg-Bilder in den Bewerbungsunterlagen entsprechend einzufügen und als PDF einzureichen. Heute werden rund 95 % der Bewerb ungen elektronisch ein gereicht. Nicht die schöne Bewerbungsmappe lenkt das Interesse auf mein Dossier, sondern mein Kurzprofil oder mein Online-Dossier. Der Gedanke, dass ich mich anpreisen, mich verkaufen muss, erforderte jedoch Überwindung. Vor allem die Tatsache, meine Arbeitslosigkeit einem grösseren Publikum mitzuteilen. Ich war überzeugt, dass es positiv ist, wenn Personen, die im Bewerbungsprozess etwas zu sagen haben, über mehrere Kanäle auf mich aufmerksam werden.»

Nach fast zwei Jahren hat dieses Netzwerk «gegriffen» und Martin Trachsel erhielt die Chance für eine befristete, einjährige Aufgabe als Migrationsbegleiter. Nach so langer Zeit wieder in den normalen Rhythmus eines geregelten Berufsalltags einzusteigen, ist gar nicht so einfach.

«Eine Chance zu erhalten ist in diesem Moment wie Weihnachten und Ostern zusammen. Endlich hatte jemand den Mut, mir auch eine Arbeit ohne Führung anzubieten. Natürlich bedeutete dies, dass ich etwa ein Drittel weniger Einkommen hatte als früher. Die Herausforderung in einem französischsprachigen Team zu arbeiten, war für mich sehr gross. Die ersten zwei Wochen kämpfte ich ebenfalls mit Muskelkater durch die körperlichen Arbeiten. Doch die Arbeit entsprach mir und ich konnte mich voll entfalten und meine Erfahrung einbringen. Das war ein sehr gutes Gefühl wieder dabei zu sein und eine wichtige ‹Expérience› für meine Zukunft.»

Die befristete Anstellung wurde nach einem Jahr wieder beendet und Martin Trachsel war erneuet arbeitslos. Wer immer arbeitslos wird, vielleicht sogar wiederholt und sogar ausgesteuert wird, muss sich irgendwann auseinandersetzen mit Existenzängsten. Es gibt ja genügend Beispiele von Menschen, die plötzlich ganz schnell zu einem Sozialfall werden.

«Die Migrationsarbeit ist saisonalen Schwankungen unterworfen. Meine gemachten Erfahrungen konnte ich nicht nahtlos in ein neues Engagement einbringen. Ich war überzeugt, dass meine Entwicklung im Migrationsbereich weitergehen wird und nun etwas Zeit braucht. Nach dem Motto: Das eine tun und das andere nicht lassen, habe ich mich weiterhin auch auf diverse interessante Führungstätigkeiten beworben. In dieser Zeit war für mich die Familie ein wichtiger, ein zentraler Punkt. Familie war und ist sinnstiftend. Ich war nun Hausmann. Das führte zu einem Rollentausch mit Herausforderungen und neuen Möglichkeiten, z. B. beim Kochen über sich hinauszuwachsen. Für Denise, meine Ehefrau, waren die Unsicherheit und existenziellen Ängste aus meiner Wahrnehmung belastend. Gemeinsam geht’s wohl einfacher auch schwierige Zeiten zu meistern und sich gegenseitig zu unterstützen. Wir hatten einfach den Wunsch, wieder geregelten Zeiten entgegenzuschauen und auch wieder einmal gemeinsam zu reisen – ‹Uf u dervo›.»

Heute ist Martin Trachsel nicht mehr arbeitslos. Seit dem 21. Juli 2014 hat er nun eine neue Aufgabe als Co-Leiter der Flüchtlingshilfe Heilsarmee in Riggisberg. Seine Ausdauer im Pflegen der Netzwerke und beim Bewerben führte dazu, dass er heute als einer aus der Generation «50plus» doch wieder eine Arbeit gefunden hat.

«Meine Netzwerkkontakte führten zu einer Anfrage durch die Flüchtlingshilfe. Die aktuelle Flüchtlingssituation hat sich verschärft und es müssen dringend neue Plätze geschaffen werden. Die Anfrage als Co-Leiter hat mich fast aus den Socken gehauen. Auf so eine Stelle habe ich hingearbeitet, mich eingestellt, gewartet und gehofft.»

Im Rückblick waren diese Jahre für Martin Trachsel nicht nur eine verlorene Zeit. Trotz allem können er und seine Familie dieser Lebensphase auch Gutes abgewinnen.

«In schwierigen Zeiten gilt es, den Kopf hochzuhalten, die Ohren auf Hören einzustellen, die Lippen zum Reden und Gedanken- Mitteilen und vor allem, den Kopf nicht in den Sand zu stecken. Ob Krisen Chancen sind, erkennen wir meist erst im Nachhinein. Es lohnt sich jedoch Chancen, die sich bieten, aktiv zu nutzen. Die Gewissheit, dass Gott mich liebt, hat mir Lebenskraft und Energie zum Warten gegeben. Mit Gott zu hadern ist erlaubt, denn selbst dann bin ich mit ihm im Gespräch. Das war mir wichtig. Die Arbeitswelt hat sich verändert. Ich träumte davon, mit 50 Jahren nochmals eine neue Arbeit zu beginnen, damit ich dann mit 60 Jahren etwas kürzer treten kann. Meine Erkenntnis ist, dass aktuell die über 50-Jährigen an Attraktivität im Arbeitsmarkt eingebüsst haben. Wenn wir unsere Konzepte flexibel einrichten und bereit sind zu Veränderung und neuen Erfahrungen, gehören wir absolut nicht zum alten Eisen.»



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