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Patchworkfamilien: getrennt, geflickt, geliebt

Von Daniel Zindel

Die Familie mit Mama, Papa und Kind gibt es. Doch immer mehr werden heute Familien neu zusammengesetzt, es entstehen Patchworkfamilien. Die Eltern müssen viel Arbeit leisten, damit das neue Zusammenleben gelingen kann. Und auch die gemeinsamen spirituellen Werte können viel dazu beitragen, damit aus einzelnen Familien neue, gesunde Gemeinschaften entstehen.

So hatte es sich G. B. nicht vorgestellt, als sie mit ihrem damaligen Mann vor den Trau altar trat. «Bis dass der Tod uns scheidet.» Das war ihr tiefster Wunsch. Sie wollte eine lebenslange Treuebeziehung. Sie glaubte, dass sie es gemeinsam mit Gottes Hilfe schaffen würden. Sie war von der Ehe als lebenslängliche Treuebeziehung überzeugt. Sie suchte diesen verlässlichen Rahmen, um Kinder gross zu ziehen. Seit drei Jahren ist sie nun geschieden. Gott sei Dank, sie konnten sich gütlich trennen. Das gemeinsame Haus. Die Unterhaltszahlungen. Das Splitting der Altersvorsorge.

 Nach langem Zögern hat G. B. kürzlich nochmals geheiratet. Es brauchte dazu viel Mut. Ihr zweiter Mann, ebenfalls geschieden, zieht zu ihr und ihren beiden Töchtern. Sein jüngster Sohn kommt noch mit. Seine zwei Älteren besuchen sie übers Wochenende. Sie sind eine «neue» Familie. Die beiden Töchter müssen sich jetzt ein Zimmer teilen.

Patchworkfamilie
Man nennt eine solche Familie «Patchworkfamilie ». Der Ausdruck «Flickwerk» kann diskriminierend benutzt werden. Die neue Familie sei «nur» noch ein Flickenteppich, die richtige Familie wäre ja Mama und Papa mit den eigenen Kindern. Um eine solche Abwertung zu vermeiden, sucht man neue Bezeichnungen. Den Ausdruck «Regenbogenfamilie» etwa. Die neue Familienzusammensetzung sei farbenreich und hoffnungsvoll wie ein Regenbogen. Spannender, bunter als eine normale Familie. Gegen diese Beschönigung von neu zusammengewürfelten Familien wurde Protest laut. Melanie Mühl schildert in ihrem Buch diese «Patchwork-Lüge». Aus der Paarberatung habe ich die Überzeugung gewonnen, dass man Familien, die sich neu formieren, weder idealisieren noch dämonisieren sollte. Für mich ist der Begriff «Patchworkfamilie» daher eine pragmatische Ausdrucksweise. Aus verschieden Gründen (Scheidung, Tod) ist eine Ehe, das Fundament jeder Familie, aufgelöst worden. Dahinter stehen unverfügbares Schicksal oder persönliches Scheitern. Es ist eine Realität unter uns. Ebenso ist es eine Tatsache, dass sich fragmentierte Familien neu finden und formieren. Ein neues Familiensystem entsteht. Mit allen Chancen und mit allen Risiken.

Einige Beobachtungen
Welchen Weg hat der neue Partner in die  Patchworkfamilie hinein zurückgelegt?  Ich bin Liebhaberin, Liebhaber von Papa  oder Mama. Wir treffen uns im Geheimen.  Ich komme zum ersten Mal auf Besuch.  Werde ich aufgenommen, abgelehnt? Wir  verbringen gemein - sam ein Wochenende. Die ersten Ferien. Wir haben ja  keine gemeinsame,  gewachsene Geschichte. Wir beginnen, eine neue zu  schreiben. Wird sie verheissungsvoll sein? Oder kompliziert und schwierig?  Jede Patchworkfamilie ist einzigartig.  

Jedes neu zusammengewürfelte Familiengefüge ist anders. Ist ein Ehepartner verstorben,  ist die Ausgangslage bei einer  Wiederverheiratung ganz anders als nach einer Scheidung, wo der Ex-Partner in der  Regel das elterliche Sorgerecht behält.  Haben beide Partner Kinder oder nur  einer? Ist die aktive Erziehungsarbeit  abgeschlossen oder noch voll im Gang?  Wie lösen wir diesen Grundkonflikt: Er/sie  ist nicht mehr mein Mann, meine Frau,  aber der Vater, die Mutter unserer Kinder,  die wir zusammen gezeugt haben. Die  Patchworkfamilie hat im Vergleich zur  Kernfamilie einen viel höheren Komplexitätsgrad zu meistern. Von allem Anfang  an, ohne dass man hineinwachsen kann.  Jedes Kind empfindet die neue Familie  verschieden. Das eine wittert von Anfang  an eine Chance («mit dem neuen Mann  meiner Mutter kann ich wunderbar Fussball spielen, er heisst René»). Für ein  anderes Kind ist die Lage höchst  bedrohlich («Papa ist einfach weg - gegangen, jetzt wird mir auch noch  die Mama genommen»). Jeder der  beiden Partner hat eine Trennung  durch Scheidung oder Tod von einem  Partner hinter sich. Die neue Liebe  lässt sie trotz Vorsicht und Verunsicherung aufblühen. Unter Umständen nehmen sie von allem Anfang an Erziehungsverantwortung an eigenen Kindern und  möglicherweise Fremderziehung an Mitgliedern der Patchworkfamilie wahr.

Wie eine Patchworkfamilie  gelingen kann
Aufarbeitung der ersten Ehe:  Was war mein Anteil, dass  unsere erste Ehe  scheiterte? Wo bin  ich schuldig  geworden? Habe  ich mich ausgesöhnt, mir und  meiner Ex-Partnerin, meinem Ex- Partner vergeben? Sind meine Verletzungen am Heilen? Was würde  ich heute besser machen? Welches sind  meine Lernerfahrungen, die der neuen  Patchworkfamilie zugutekommen?  

Neue Ehebeziehung hat erste Priorität:  Gerade weil es in der Patchworkfamilie  von allem Anfang an so viel zu tun gibt,  müssen Mann und  Frau für einen gemeinsamen Raum  kämpfen, der nur  ihnen zusteht. Oft  müssen dabei Kin - der, die zum Partnerersatz geworden  sind, wieder einen  neuen Platz finden. Das ist zu ihrem Wohl,  aber auch mit Schmerzen verbunden. Die  neue Paarbeziehung muss erste Priorität  bekommen. Dabei wird man immer wie - der ins Spannungsfeld zwischen der  vertrauten und verbindlichen Nähe zu den  leiblichen Kindern und der Liebe zum  neuen Partner geraten. Das Ringen um  gute, exklusive Paarzeiten lohnt sich. Eine tragfähige Paarbeziehung ist wie ein  Zirkel, dessen Mittelpunkt gut gesetzt ist.  Dann gelingt auch die Kreislinie gut.  

Realitäten und Konsequenzen der Vorgeschichte akzeptieren:  Liebe macht blind  – auch in einer zweiten  Liebesbeziehung.  Umso wichtiger ist  dabei der klare Blick  für die Realitäten. Da fliessen z.B. monatlich Finanzen in die «alte» Familie ab. Die  Beziehung zu früheren Partnern muss  geregelt werden. Nicht immer ist ein  konstruktiver Umgang miteinander möglich. Je besser wir die Verhältnisse akzeptieren, wie sie nun mal sind, desto mehr  können wir den Gestaltungsraum darin  ausnützen. Vorgeschichten kann man nicht ungeschehen machen. Wir können  sie aber ausheilen lassen und in unsere  neue Ehe und Familie integrieren.  

Gegenseitige Loyalität in der Erziehung:  Es ist meist der leibliche Elternteil, welcher zusammen mit den  Kindern die Regeln definiert und umsetzt. Die  neuen Familienmitglieder  werden sie in einer Atmosphäre, die aus einer  Mischung von Familie und WG besteht,  mittragen. Eine grosse Herausforderung.  

Spiritualität als Ressource für die Patchworkfamilie  
Niemand, der eine Ehe eingeht, wünscht  sich, dass man die gemeinsam aufgebaute Paarbeziehung und Familie einmal  trennt und neu zusammensetzt. Gott hat  es sich auch nicht so gedacht: «Was Gott  zusammengefügt hat, soll der Mensch  nicht scheiden». Hinter dem Zerbrechen  einer Ehe und einer Familie stehen  Schicksal, Scheitern, Schuld.  Es ist Ausdruck einer  gefallenen Schöpfung, in der wir  leben. Gerade da  hinein schenkt  Gott seine Erlösung. Ich sehe drei  Dimensionen, wie sich diese in einer Patchworkfamilie auswirken kann:

Aufarbeitung der gescheiterten Beziehung in seinem Licht: Wenn mich Gottes  Wahrhaftigkeit und Barmherzigkeit im  Verarbeiten der ersten  Ehe leiten, werde ich  sowohl meiner Schuld als  auch seiner grossen  Barmherzigkeit begegnen.  Gott vergibt mir. Er heilt  meine Verletzungen. Wie Jesus der Ehebrecherin, gibt er auch mir eine zweite  Chance. Wir sind zwar nicht Bewahrte,  aber wir werden – in Christus – Bewährte!

Ungestillte Bedürfnisse bei ihm stillen:  Auch eine neue Frau, ein neuer Mann,  wird meine Bedürfnisse nie ganz in der  Tiefe ansprechen, verstehen und stillen  können. Unser Herz bleibt nun einmal  unruhig in uns, bis es in Gott Ruhe findet.  Stille, Gebet und der Aufbau einer persönlichen Beziehung zu Jesus als meinem  Freund und Meister sind der Königsweg in  eine neue Patchworkfamilie hinein. Abkürzungen in der Form, möglichst  schnell wieder einen Partner zu haben,  sind meist Umwege.

Von Gott gewirkte gute Haltungen  empfangen: In einer Patchworkfamilie  brauchen wir mehr Geduld, Hoffnung,  Humor, Flexibilität, Versöhnungsfähigkeit,  Weisheit und Liebe, als wir es aus uns heraus mitbringen. Wir selbst haben nicht  genug davon. Wir sind als Paar und Familie darauf angewiesen, dass wir uns täglich in diese Haltungen einhüllen, wie  wenn wir in ein Kleid schlüpften, das Gott  uns hinhält: «Jesus, ich bin so ungeduldig.  Gib mir für heute etwas von deiner Ruhe  und Gelassenheit». Patchworkeltern sind  vor Gott und mit Gott VIPs – very important parents!
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