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Über Geld spricht man nicht

Von Mathias Fontana

Konsum ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig: Die Werbung verspricht uns durch Konsum ein besseres Leben, Schnäppchen und Sonderangebote verleiten uns zum Kaufen. Und wenn mal das Geld dazu fehlt, kann man ja die Kreditkarte benutzen. Dass dadurch eine Überschuldung entstehen kann, wird oft ausgeblendet.


Schulden sind in der Schweiz weit verbreitet: Fast jeder fünfte Schweizer lebt mit Verbindlichkeiten wie einem Konsumkredit, -darlehen oder einer Hypothek für den Zweitwohnsitz. Die Hypotheken für den Hauptwohnsitz sind da nicht eingerechnet. Am häufigsten von Krediten oder Darlehen betroffen sind Personen unter 50 Jahren, Familien mit Kindern sowie ausländische Staatsangehörige.

Wenn jemand Schulden hat, heisst dies aber nicht zwingend, dass er auch finanzielle Schwierigkeiten hat. Erst wenn Kontoüberzüge und Zahlungsrückstände vorhanden sind, wird es kritisch. In der Schweiz sind fast 8 % der Bevölkerung in einer solchen kritischen Lage und haben Schulden in Höhe von zwei Dritteln oder mehr des monatlichen Haushaltseinkommens.

Dieter Ammann ist dipl. Controller und Leiter Finanzen der Quellenhof-Stiftung in Winterthur. Er leitete jahrelang Budgetseminare in der GvC Winterthur. Heute engagiert sich der 58-Jährige in der «Help Now»-Anlaufstelle seiner Kirche und erlebt durch seine Arbeit als Schuldenberater und -sanierer immer wieder, was Schulden bei den betroffenen Personen bewirken können.

antenne: Welche Menschen geraten in die Schulden?
Dieter Ammann: Grundsätzlich kann es jeden treffen. Was jedoch auffällig ist: Das Konsumverhalten der Leute spielt eine grosse Rolle. Viele Menschen wollen oder denken, sie müssten mit ihrem Umfeld mithalten oder lassen sich von Geld und materiellen Gütern locken. Meist merken Betroffene erst sehr spät, dass sie bereits über ihren Verhältnissen leben und bereits in den Schulden stecken.

Gibt es «Risikogruppen», Menschen, die eher in die Schulden geraten als andere?
Mir fällt auf, dass Alleinlebende und Alleinerziehende eher gefährdet sind. Das liegt vielleicht daran, dass bei diesen Menschen der Austausch mit anderen über Finanzen und Anschaffungen geringer ist als bei Menschen, die in einer Partnerschaft oder WG leben. Ebenfalls gefährdet sind auch Jugendliche bis etwa 25 Jahre, vor allem, wenn sie nie einen vernünftigen Umgang mit Geld gelernt haben. Jugendliche haben oft nur ein geringes Budget, jedoch sehr hohe Wünsche und Ansprüche.

Gibt es typische Muster, wie Menschen in Schulden geraten?
Ganz zentral bei vielen Menschen, die in Schulden geraten, ist, dass sie keinen Umgang mit Finanzen gelernt haben. Sie haben oft keine Ahnung, wie viel sie zum Leben wirklich brauchen und haben keine Budgetplanung. Manchmal sind es auch falsch gesetzte Prioritäten, die dann dazu führen, dass Menschen in Schulden geraten. Beispielsweise habe ich in meiner Beratertätigkeit einen jungen Mann begleitet, der zwar ein teures Auto und eine grosse Wohnung besass, jedoch kein geregeltes Einkommen hatte. Das hatte bei ihm einfach keine Priorität.

Was bewirken Schulden bei den Betroffenen?
Ganz oft erlebe ich, dass Menschen mit Schulden sich dafür schämen. Sie haben Hemmungen, darüber zu sprechen und möchten die Schulden gerne vertuschen. Sie haben Angst entdeckt zu werden und fressen diese Sorgen in sich hinein, werden zum Teil auch krank. Sehr oft bewirken Schulden bei den Betroffenen auch noch mehr Schulden, die Schuldenspirale beginnt sich zu drehen und man nimmt, um die Schulden zurückzahlen zu können, einen Kredit auf. Das funktioniert natürlich nicht, denn so fällt man immer tiefer in die Schuldenfalle!

Und was bewirken Schulden bei den Familien der Betroffenen und in deren Umfeld?
Sehr oft erlebe ich, dass Familie und Umfeld überrascht und betroffen reagieren. Für Angehörige ist so eine Situation oft sehr belastend. Manchmal suchen Angehörige, vor allem Eltern, nach den Ursachen oder fragen sich, was sie denn falsch gemacht haben. Ich erlebe aber auch sehr oft, dass die Betroffenen von ihrem Umfeld unterstützt und getragen werden.

Wie finden Betroffene wieder aus den Schulden heraus?
Ein Standardrezept gibt es leider nicht. Jede Situation muss man einzeln und individuell anschauen. Um aus den Schulden heraus zu kommen, ist aber fast immer eine Schuldenberatung notwendig. Diese sollte durch eine Fachperson durchgeführt werden. Da werden dann die Finanzen und Ausgaben diskutiert, ein Budget gemacht und ein Rückzahlungsplan erstellt. In manchen Fällen ist auch eine Kontrolle des gesamten Geldes einer betroffenen Person notwendig: Diese erhält dann z. B. einfach 100 Franken pro Woche für die täglichen Ausgaben, der Rest wird durch den Berater verwaltet und über die Schuldensanierung verwendet.

Gibt es immer einen Weg raus aus den Schulden?
Ich behaupte ja. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Der Wille bei der betroffenen Person, sich helfen zu lassen und Veränderungen im Umgang mit Geld vorzunehmen, ist aber Voraussetzung für den Weg aus den Schulden. Ein eindrückliches Beispiel habe ich bei einer jüngeren Frau erlebt, die mit 22 Jahren rund 30 000 Franken Schulden innerhalb eines Jahres sanieren konnte. Mitentscheidend dafür war nebst der Unterstützung durch ihre Familie auch ihr Wille, da raus zu kommen.

Was und wie können Familie und Umfeld zur Schuldensanierung beitragen?
Wichtig scheint mir, dass die betroffenen Personen nicht durch das Umfeld verurteilt werden, dadurch wird nämlich nichts besser. Vielmehr hilft es, wenn den Betroffenen möglichst Verständnis entgegengebracht wird. Familienangehörige sollten zusammen mit Betroffenen professionelle Hilfe suchen und sie in der Schuldensanierung unterstützen. Unter Umständen kann es auch hilfreich sein, dass das Umfeld erst einmal einen Teil der Schulden übernimmt und so den betroffenen Personen mehr Zeit für eine Rückzahlung gibt.

Wie kann man sich am besten vor Schulden schützen?
Am effektivsten ist es, wenn man bereits frühzeitig, schon als Kind, den Umgang mit Geld lernt – also schon beim Taschengeld. Ein ganz einfacher Grundsatz, der einem vor Schulden schützt, ist ausserdem: «Gib nicht mehr Geld aus, als du besitzt.» Sehr empfehlenswert ist auch, sich eine gewisse Rücklage für Notfälle zuzulegen.

Wie sollen Christen mit dem Thema Schulden umgehen?
Die Bibel rät an mehreren Stellen von Schulden ab. Schulden zu machen ist nicht grundsätzlich Sünde, aber es ist sicher erstrebenswert, möglichst frei von Schulden zu sein. Wenn jemand in die Schulden gerät, sollten wir als Christen deshalb helfen und die Betroffenen nicht verurteilen. Denn nicht jeder ist ein guter Verwalter und versteht, dass Gott schlussendlich unser Versorger ist, da sollten wir Verständnis aufbringen können.

Bei einem Hauskauf oder sonstigem Kauf von Eigentum ist es üblich, Schulden in Form von Hypotheken zu machen. Es ist aber wichtig, sich dafür ein eigenes Budget zu machen, um nicht die Finanzplanung aus den Augen zu verlieren. Unnötige Schulden und Abhängigkeiten wie Kleinkredite, Leasing etc. würde ich meiden.

Wie sollen Gemeinden mit dem Thema Schulden umgehen?
Ich kann da nur von unserer Gemeinde sprechen, merke jedoch, dass die Angebote zum Thema Finanzen und Schulden bei uns sehr wichtig und ein Bedürfnis sind. Wir bieten seit über zehn Jahren Kurse zum Umgang mit Geld oder ein Budgetseminar für Mitglieder unserer Gemeinde an. So können allenfalls drohende finanzielle Probleme frühzeitig erkannt und durch Schulungen abgewendet werden. Für Menschen in Not bieten wir eine Anlaufstelle an, auch dort melden sich immer wieder Menschen mit Schulden, die nicht mehr weiter wissen

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