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Wenn Menschen und Gott gemeinsam handeln

Von Hansjörg Leutwyler

Der Schweizer Pilot Pierre Fasnacht stürzte in Papua Neuguinea ab. Die Nachricht, die uns vor sieben Jahren erreichte, schlug ein wie ein Blitz. Der Schweizer war mit seiner Familie in Mt. Hagen stationiert. Er befand sich an jenem 23. März auf dem zweitletzten Flug, als der Motor zu stottern anfing. Kurz vor Tari kam er bei einer Notlandung zu Tode. Die Frage bewegte viele: Gott, warum? Warum gerade Pierre?

Pierre war in seinen 13 Jahren als Pilot den Einheimischen sehr verbunden gewesen. Er war nicht nur einer Arbeit nachgegangen: Er hatte eine ausgeprägte Liebe für die Leute und besass grosse Sozialkompetenz. Unermüdlich setzte er sich dafür ein, dass auch in entferntesten Dörfern eine Landebahn errichtet und so den Einheimischen Zugang zu medizinischer Versorgung ermöglichte wurde. Die Leute wussten, dass er eine persönliche Beziehung zu Gott hatte, dass er betete, mit Jesus redete – und seinen Glauben im Alltag auch lebte: durch Liebe, Anteilnahme, Freundschaften und helfende Aktionen und durch Worte. «Warum, Herr, warum musste Pierre sterben?» «Wo warst du, Gott, in diesem Augenblick?»

In anderem Rahmen bewegte mich schon eine ähnliche Frage. Als junger Pilot war ich gerade in Youvarou gelandet. Eigentlich hätte ich den Flug gar nicht machen sollen, denn am Vortag war meine Familie aus der Schweiz in Mali angekommen. Drei Monate waren wir getrennt gewesen. Um den Umzug vom senegalesischen Dakar nach Bamako mit den vier Kleinkindern möglichst reibungslos zu gestalten, war Katrin mit den Kindern für einige Wochen in die Schweiz gezogen. Aus den einigen Wochen wurden einige Monate. Ausgerechnet an diesem Tag erkrankte mein Kollege an Hepatitis. So flog eben ich nach Youvarou im Nigerdelta, einem kleinen Ort zwischen Mopti und Timbuktu. Nach der Landung und während des Zurückrollens brach das Flugzeug ein. Wie durch Bruchharst beim Skifahren versank das Vorderrad ganz plötzlich bis an die Motorhaubeim Sand. Der Propeller pflügte den Boden. Die Blätter verkrümmten sich. An ein Weiterfliegen war nicht mehr zu denken. Ich wusste, das Flugzeug war unbrauchbar und ich würde zwei bis drei Tage zu Fuss, auf Wasser und über Land benötigen, um meine Familie wiederzusehen. Gott, warum? Warum musste dies gerade mir passieren? Warum gerade jetzt?

Die Frage nach Gott
Die Frage nach Gott stellt sich regelmässig dann, wenn ein Unglück, wenn Leid oder Ungerechtigkeit geschehen – nicht nur bei Christen. Unsere Gesellschaft stellt dieselben Fragen. Beispielsweise nach dem Anschlag auf die Twin Towers in New York im September 2011 mit über 3000 Toten; dem Tsunami, der über 200 000 Todesopfer forderte – 25 000 allein in Indonesiens Banda Aceh; dem Erdbeben in Haiti; oder Fukushimas Atomkatastrophe, welche ganze Regionen unbewohnbar machte. Dann waren die Titelseiten der Tagespresse jeweils mit grossen Buchstaben überschrieben: «Gott, wo warst du?», «Wo war Gott?», «Wie kann Gott dies zulassen?», um nur einige Beispiele zu nennen.

Leiden, selbst erfahren oder beobachtet, lässt uns den Lebenssinn hinterfragen. Wir fragen uns, ob es Gott denn wirklich gibt und wenn ja, wie Gott ein liebender Gott sein könnte, wenn er solches zulässt. Wie ist es nur möglich, dass er Gott sein kann, wenn er Unschuldige leiden lässt? Leiden kann uns in Bezug auf unseren Glauben an einen gütigen und liebenden Gott ganz ordentlich durchschütteln. Dann schauen viele von uns weg. Andere lassen die Zeit verstreichen und Gras darüber wachsen. Wieder andere zerbrechen daran, hängen den Glauben an den Nagel und werden Atheisten. Und wieder andere nehmen das Leiden als Anstoss, nach Gott zu fragen – und finden ihn. Wer sich Leidenden annimmt, ist in seinem Glauben gefordert. Not- und Entwicklungshelfende sind da besonders gefordert.

Die Frage nach dem Bösen
Mein Vater war stolz auf mich, als ich eine Berufslehre zum Elektromechaniker und später die Ausbildung an der Fachhochschule zum Elektroingenieur HTL abschloss. Meine Entscheidung, mich als MAF-Pilot in der Mission und Entwicklungshilfe zu engagieren, war für ihn nicht einfach. Sicherheiten brachen für ihn weg; er sah Gefahren für Leib und Leben. Zudem sah er die finanziellen Risiken und Einschränkungen. Er sah die Grosskinder, die er «abgeben» musste. Aber er gab uns als Familie seinen Segen. Er liess uns die Wahl, denn er hatte ja auch keine andere: Wir waren erwachsen. Es war nur natürlich, dass ich meine eigenen Entscheidungen traf. Mein Weg war für ihn aber immer doch ein guter. Er hätte auch nichts zu sagen gehabt, hätte ich einen schlechten Weg gewählt: Drogen beispielsweise oder Kriminalität. Dafür ist mir ein freier Wille gegeben, zu tun und lassen, wie ich will. Aber er hätte gelitten. Andere Menschen wären zu Schaden gekommen – und ich wohl auch.

Gott schuf uns Menschen mit einem freien Willen. Dazu gehört auch die Freiheit, Wege einzuschlagen, welchen anderen Schmerz zufügen. Der freie Wille ist Teil seiner Schöpfung. Damit hat sich Gott verletzlich gemacht. Mit der Freude, im Menschen ein Gegenüber zu haben, nahm Gott in Kauf, dass Menschen in ihrem freien Willen sich für üble Wege entscheiden und ihm den Rücken zukehren. Gott ist Liebe. Er kann nicht Verursacher des Bösen sein oder Böses gut heissen. Gott schmerzt es, wenn wir schlechte Entscheide fällen, böse Wege gehen oder gar andern Leuten Leid zufügen. Freiheit und Unabhängigkeit sind für Gott mit dem Risiko verbunden, dass wir nicht das tun, was er sich wünschen würde. Es sind von Gott ungewollte und unerwünschte Konsequenzen seines Verlangens, im Menschen ein Gegenüber zu haben. Es ist unsere von Gott gegebene Freiheit, welche das Böse erst möglich macht und Leiden verursacht. Und wir leben in einer Welt, in der die Menschen eben nicht nur das Gute wählen, Christen sind da nicht ausgenommen. Als Teil dieser Welt können wir beides: Uns beeinflussen lassen oder beeinflussen, zum Guten wie zum Bösen.

Hilfe, Hoffnung und Heilung
Natürlich ist dies für jene Leute, welche von Armut, Krieg, Hunger oder einem Unglück betroffen sind, kein Trost. Wer im Elend sitzt, dem helfen intellektuelle Erläuterungen wenig. Wer im Alkoholrausch sein Auto zu Schrott fährt und im Wagen eingeklemmt ist, braucht keine Ermahnung. Oder wer im Bürgerkrieg von Mali keine Nahrung mehr hat, braucht keine wortreichen Aufschlüsse. Auch Optimismus – «Es ist ja alles nicht so schlimm ...» – ist fehl am Platz. Er oder sie braucht Hilfe. Und Hoffnung. Und Heilung.

Der Kuhhirte Lual Mawar wurde vor wenigen Wochen im südlichen Sudan angeschossen. Der 25-jährige Familienvater war gerade am Hüten seiner 55 ihm anvertrauten Kühe, als er niedergesteckt wurde. Der Lungenschuss war lebensgefährlich. Lual hatte nicht nur unsägliche Schmerzen – er hatte auch Todesangst. So stand ihm Judah bei, der lokale Pastor. Nach der Wundversorgung erzählte er dem jungen Mann die Ostergeschichte. Lual wurde ruhig, schöpfte Hoffnung, vertraute sein Leben Jesus an. Wie durch ein Wunder überlebte er die darauffolgende Nacht und konnte am nächsten Morgen mit dem MAF-Flugzeug, der Cessna Caravan 5YMAE, ins Spital geflogen werden. In seiner Not war Lula auf handfeste Hilfe angewiesen. Auf Menschen, welche ihn fanden, verbanden, ihn aufs erste versorgten und weitere Hilfen anforderten. Aber er war auch froh um den Zuspruch des lokalen Pastors. In seiner Not und Angst verlangte er nach Hoffnung. Das Böse, das Leiden sollte nicht das letzte Wort haben. Judah vermittelte Lula im Zuge der Hilfe auch eine lebensbejahende Gottes-Perspektive. Und dann brauchte er medizinische Betreuung, Heilung. Die Geschichte von Lual Mawar ist exemplarisch und wahr. Sie ist aber auch ideal, denn Hilfe, Hoffnung und Heilung geschehen nicht immer. Und nicht immer gleichzeitig.

Die Welt ist Gott wichtig
Der lokale Pastor im Südsudan hatte Mitleid mit Lual. In der Bibel ist es der barmherzige Samariter, der hinschaute und mitlitt. Und dann war es Jesus selber, der immer wieder Barmherzigkeit zeigte, Kranke heilte, Blinde sehend und Lahme gehend machte, der Tote auferweckte, Hungrigen das Brot brach – am Ende am Kreuz selbst bis zum Ende mit den Leidenden litt und den Tod auf sich nahm: Damit wir leben. Gott, der selber Mensch wurde, um am Kreuz zu sterben. Weihnachten und Karfreitag, damit Ostern wird: Versöhnung. Wie sehr muss Gott gelitten haben. Wie sehr muss er die Menschen lieben, um dies getan zu haben. Aber: Ist dies nicht auch begreiflich? Er, der die Welt schuf? Eine gute Welt: «… und er sah, dass es gut war …». Er hätte die Welt, er hätte die Menschen nie zu schaffen brauchen – aber er tat es. Und er hatte Freude daran! Die Welt ist für Gott wichtig. Er will, dass niemand verloren geht. Nothilfe und Entwicklungszusammenarbeit, welche die Auswirkungen von Krieg, Ungerechtigkeit, Armut und Hunger umkehrt, ist eine notwendige und Gott gefällige Antwort zu menschlichem Leid. Wo Menschen leiden, leidet Gott. Wo Menschen mitleiden und handeln, geschieht Gottes Wille. Das soziale Engagement ist in den vergangenen 15 Jahren bei vielen Christen zum dominanten Thema geworden. Wo vor 40 Jahren noch in vielen Kirchen zum Rückzug aus der bösen Welt aufgerufen wurde, ist heute das Gegenteil der Fall. Wir beobachten eine Gegenbewegung zur sozialen und humanitären Hilfe. Und das ist gut so.

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