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Die Komfortzone verlassen

Von Mathias Fontana

Es gibt Menschen, die fürchten sich vor Veränderungen, andere suchen diese ganz bewusst. Einige möchten einmal im Leben etwas «gaaanz anderes» machen, andere wiederum werden in eine Veränderung regelrecht hineingedrängt.

Wir haben fünf Menschen, die Veränderungen erlebt haben, die gleichen Fragen gestellt. Ihre Antworten sind motivierend, inspirierend und machen Mut, sich selber immer wieder auf Veränderungen einzulassen!



Andreas Räber

Andreas Räber (48) ist verheiratet und Vater von 3 Teenagern. Im Juni 2009 machte er sich selbstständig und grün-dete die Online-Marketing-Agentur «räber marketing & internet GmbH». www.r-mi.ch
 
Was hat Sie dazu bewogen, sich selbständig zu machen?
Selbstständigkeit reizte mich schon seit etlichen Jahren sehr. Doch weil ich die «Sicherheit» einer Festanstellung nicht loslassen wollte, verfolgte ich diesen Impuls nie weiter. Nach einem Stellenwechsel konnte ich aber ganz spontan eine nebenberufliche Selbständigkeit starten, weil ich weiterhin Aufträge ehemaliger Kunden erhielt. Für mich war jedoch klar: Ganz selbständig mache ich mich nicht. Eines Tages sass ich in einem Gottesdienst. Die Hauptaussage der Predigt war: «Gott ist unsere Sicherheit und wird uns auf unserem Weg begleiten. » Dieser Gedanke weckte mein Vertrauen auf ganz neue Art und mir wurde immer klarer: Ich wage es doch!
 
Wie fühlten Sie sich, kurz bevor Sie sich selbständig machten?
Meine Gefühle standen Kopf! Faszination wechselte sich ab mit nackter Angst, Vorfreude, Hoffnung, Zweifel, Motivation. Ich musste meinen Lohn stark reduzieren und auf vieles vorerst verzichten. Meine grosse Angst war, dass ich den Draht zu meiner Familie verlieren würde, ich empfand mich als Rabenvater. Auch wurde mir bewusst, dass die vermeintliche Sicherheit einer Festanstellung eigentlich gar nicht so sicher ist. Dass der Lohn am Ende des Monats auf dem Konto landet, ist in beiden Fällen nicht selbstverständlich. Ich merkte: Wirkliche Sicherheit besteht darin, dass Gott auf allen Wegen mit uns geht – selbst, wenn wir scheitern.
 
Wie hat Ihr Umfeld auf die Selbständigkeit reagiert?
Die meisten Menschen in meinem Umfeld reagierten eher überrascht oder zurückhaltend. Auch spürte ich zum Teil einen gewissen Neid, dass ich dieses Risiko eingehe, während andere den Mut dazu nicht finden. Einige unterstützten mich und versuchten mich weiterzuempfehlen. Eine gut befreundete Frau gab mir einen wertvollen Denkanstoss. Sie fragte, was denn das Schlimmste wäre, das passieren könnte. Es lag auf der Hand: Ich müsste mir «nur» eine neue Stelle suchen.
 
Wie ist Ihr Gefühl heute in Bezug auf Ihre Selbständigkeit?
Ich möchte nicht mehr zurück! Natürlich ist die Verantwortung gross. Doch ich arbeite sehr gerne, liebe die Kundenbetreuung und schätze die Freiheit. Als Selbstständiger gibt es zwei spezielle Phasen: Entweder es läuft enorm viel oder gar nichts. Fürs Leben, für das Vertrauen auf Gott ist beides sehr lehrreich. Es wirft uns immer wieder neu auf ihn zurück.
 
Spornt Sie das an für weitere Veränderungen in Ihrem Leben?
Meine Berufswelt, Online Marketing, unterliegt enormen Veränderungen. Aber Räber bleibt Räber! Ich bin nach wie vor ein vorsichtiger Mensch und habe bei vielen Entscheiden ganz einfach Angst. Dann ist der Zeitpunkt da zurückzuschauen, daran zu denken, wie Gott treu war und es heute ist – und auch in Zukunft noch sein wird



Hanspeter und Annemarie Obrist

Hanspeter Obrist leitete ein Hilfswerk und ist heute unabhängiger Referent und Autor. Er und seine Frau Annemarie wanderten zu Fuss von Basel nach Jerusalem. www.obrist-impulse.net
 
Was hat Sie und Ihre Frau zu dieser Reise bewogen?
Auf einer Autofahrt diskutierten wir darüber, was bei uns als nächstes dran ist. Irgendwie kam uns die Idee, zu Fuss von Basel nach Jerusalem zu wandern. Wir beteten, bis wir beide sicher waren, dass Gott uns auf diese Reise schickt – einen Monat lang. Diese Zeit des Gebets war enorm wichtig, denn dadurch kamen uns unterwegs nicht ein einziges Mal Zweifel, ob wir den richtigen Weg eingeschlagen hatten.
 
Wie erging es Ihnen vor Ihrer Reise?
Vor dem Start stand für uns vor allem die Organisation im Mittelpunkt: Ein Miethaus zu räumen und eine Arbeitsstelle abzuschliessen war eine echte Herausforde-ung. Am 16. August 2010 machten wir uns auf den Weg: Müde, aber zugleich auch erleichtert, dass wir es tatsächlich planmässig geschafft hatten. Wir wollten noch vor dem Winter die Berge in Albanien überqueren und vor der grossen Hitze in Israel ankommen.
 
Wie hat Ihr Umfeld auf Ihre Pläne reagiert?
Vor allem überrascht. Die sichere Schweiz zu verlassen erschien manch einem ein hohes Risiko zu sein. Manche waren auch neidisch. Doch viele Menschen reagierten positiv oder nahmen unsere Reise zum Anlass, um über «Sicherheit» und «Loslassen» nachzudenken. Hilfreich für uns und unser Umfeld war sicher, dass wir über Handy und Computer fast jederzeit erreichbar waren. Es berührte uns, als uns eine fast 75-jährige Frau schrieb, sie hätte extra einen Computerkurs besucht, damit sie unsere Reise mitverfolgen könne.
 
Wie ist Ihr Gefühl heute, ein Jahr nach der Reise?
 Es hat sich gelohnt, dieses Wagnis einzugehen! Wir haben neu gelernt, täglich ganz auf Gott zu vertrauen. Die persönliche Beziehung zu ihm hat sich vertieft. Ich habe auch gelernt, noch viel mehr meinen Blick für die kleinen Wunder am Wegrand zu schärfen und dafür zu danken. Gott ist treu: Wie ein guter Hirte hat er uns geführt und noch immer staunen wir über die vielen Wunder, die wir mit ihm erlebt haben. Dafür sind wir total dankbar.
 
Wie wirkt sich das heute aus in Ihrem Beruf und Alltag?
Die Wunder, die wir erlebten, gehen weiter – einfach in einer anderen Form als auf der Reise. Mein Vertrauen auf Gott ist auf der Reise gewachsen und wächst nun im Alltag weiterhin. Denn immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich mich sorge. Dann erinnere ich mich an das, was wir auf der Reise erlebt haben. Genauso, wie Gott dort Unmögliches möglich machte, so kann er dies auch jetzt tun. Die zentrale Frage dabei ist: «Glaube ich, dass es Gott gut mit mir meint? »



Lotti Schum

Lotti Schum (65) ist im aktiven Ruhestand, hält Vorträge, ist seit 14 Jahren verwitwet und hat drei Kinder und acht Enkelkinder. Ab Januar 2013 wird sie für ein Jahr das Gästehaus der SIM (Serving In Mission) in Accra, Ghana leiten. www.sim.ch
 
Was hat Sie zu diesem Einsatz in Afrika bewogen?
Ich habe bis jetzt ein abwechslungsreiches Leben gehabt, nicht immer einfach, aber erfüllt. Vor rund einem Jahr wurde mir bewusst, dass ich – sollte ich das Durchschnittsalter einer Schweizerin erreichen – noch 20 Jahre vor mir habe! Das war der Auslöser: Ich habe gemerkt, dass ich noch etwas Neues in Angriff nehmen möchte. Ich wollte mich herausfordern: heraus aus meiner Komfortzone. Da die Mission schon immer ein Traum von mir ist, habe ich diese Idee weiterverfolgt.
 
Wie sind Ihre Gefühle jetzt, kurz vor der Abreise?
Ich bin freudig angespannt auf die Herausforderung und das Unbekannte! Manchmal habe ich auch Bedenken: Kann ich ohne meinen Freundeskreis und meine Verwandten sein? Beherrsche ich die Sprache gut genug? Aber solche Gedanken werden rasch durch die Vorfreude relativiert. Es ist immer wieder eine Gelegenheit, mein Vertrauen auf Gott zu setzen!
 
Wie hat Ihr Umfeld auf Ihre Pläne reagiert?

Fast rundum positiv: Viele meiner Freundinnen finden, das sei sehr mutig. Aber eigentlich fühle ich mich nicht besonders mutig. Meine Kinder stehen voll hinter mir, obwohl sie meine Abwesenheit für ein Jahr natürlich bedauern. Ganz wenige aus meinem Umfeld können mich nicht verstehen und finden, jetzt könnte ich mein Leben doch geniessen. Diese Denkweise kann ich nachvollziehen, bringt mich aber nicht von meinen Plänen ab.
 
Wie stellen Sie sich die Zeit nach der Rückkehr vor?
Ich habe im vergangenen Jahr meine Ämter und Aufgaben abgegeben. Daher komme ich anfangs 2014 in die Schweiz zurück ohne grosse Verpflichtungen. Ich werde mich ganz neu ausrichten können. Darauf bin ich sehr gespannt.
 
Hat dieser Einsatz auch Auswirkungen auf zukünftige Veränderungen in Ihrem Leben?
Ich merke einmal mehr, dass ich gerne Veränderungen habe. Bestimmt werde ich in Zukunft einfacher leben. Ganz konkret motivierte mich dieser Einsatz, mich mehr von materiellen Dingen zu lösen. Bei den Vorbereitungen habe ich beispielsweise meine Büchersammlung aufgelöst – was mir doch ziemlich schwerfiel. Aber es war trotzdem befreiend


Yvonne Plath

Yvonne Plath (45) ist Arztsekretärin und Familienfrau, verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Im Sommer 2012 arbeitete sie für dreieinhalb Monate als Gastromitarbeiterin und Allrounderin in der Alpschaukäserei Morteratsch.
 
Was hat Sie zur Auszeit auf der Alp bewogen?
Ich kannte die Alpschaukäserei seit einigen Jahren, weil wir im Engadin öfters mal Ferien machen. Mich fasziniert die wunderbare Bergwelt und die einmalige Lage dieses Ortes. So ist der Wunsch gewachsen, dort einmal einen Sommer mitzuarbeiten – um eine Auszeit zu nehmen, aber auch um herauszufinden, wie ich mich persönlich und beruflich weiterentwickeln will. Nachdem ich im vergangenen Sommer den Alpchef darauf angesprochen hatte, war lange unklar, ob es wirklich klappen würde. Aber schliesslich fand ich eine passende Wohnung vor Ort und hatte den Arbeitsvertrag in der Tasche.
 
Wie waren Ihre Gefühle vor der Abreise?
Als alles organisiert war, hatte ich eine erstaunliche Ruhe. Es passte einfach alles! Ich freute mich auf die Alp und auch auf die Zeit nur für mich.
 
Wie hat Ihr Umfeld auf Ihre Pläne reagiert?
Meine Familie – und das war für mich enorm wichtig – hat mich voll unterstützt und ermutigt. Ich wusste, dass sie für diese Zeit auch ohne mich klarkommen würde. Die Reaktionen von anderen Leuten waren unterschiedlich: Manche fanden das eine tolle Idee und unterstützten mich. Einige dachten, mein Mann und ich hätten Eheprobleme, andere fanden, eine «christliche Frau» dürfe doch ihre Familie nicht einfach alleine lassen. Solche Aussagen trafen mich und machten mich traurig, hielten mich aber nicht von meinen Plänen ab.
 
Wie sehen Sie heute die Zeit auf der Alp?
Ich würde es sofort wieder machen! Es war eine super Erfahrung, mich ganz alleine in etwas total Anderes hineingeben zu können. Ich habe neue Seiten an mir kennengelernt und mich weiterentwickelt, nur schon, weil ich mit «fremden» Menschen zusammengearbeitet habe. Selbst das Alleine sein und das Loslassen der Kinder waren gute Erfahrungen, wenn auch herausfordernd.
 
Hat dieses Erlebnis auch Auswirkungen auf zukünftige Veränderungen in Ihrem Leben?
Ich stehe mit 45 in der Mitte des Lebens. Die Kinder sind erwachsen und ziehen bald aus. Ich merke, dass Veränderungen anstehen. Die Zeit auf der Alp hat mir gezeigt, dass ich getrost etwas wagen und sich mir bietende Chancen auch packen darf! Beruflich hat es mich ermutigt, meine Träume weiter zu träumen und wo möglich zu verwirklichen. Und schliesslich habe ich neu gelernt: Wer wagt, gewinnt!



Tobias Grimm

Tobias Grimm (21) hat nach der Lehre als Polygraf eine einjährige Musik- und Jüngerschaftsschule besucht und anschliessend ein einjähriges Multimediapraktikum bei ERF Medien absolviert. Heute ist er Zivildienstleistender beim Blauen Kreuz Bern – der Einsatz dauert ein Jahr
 
Wie ist es gekommen, dass Sie quasi im Jahresrhythmus Ihr Leben völlig verändert haben?
Nach der Lehre wollte ich aus dem täglichen Trott raus, etwas tun, wofür mein Herz schlägt. Die «Arts Ministry School» war da genau das richtige. Ich konnte mich ganz dem Schlagzeugspielen widmen, mir aber auch überlegen, wohin ich wollte – aus einer Helikopterperspektive auf mein Leben schauen. So habe ich gemerkt, dass ich in der Medienwelt weitergehen will und habe die Chance des Multimediapraktikums gepackt. Den Zivildienst muss ich zwar leisten, habe die Stelle aber bewusst so gewählt, dass ich etwas Neues machen kann: Ich leiste ihn beim Blauen Kreuz auf der Fachstelle für Suchtprävention in Bern.
 
Wie waren Ihre Gefühle jeweils vor den Stellenwechsel?
Bei allen Wechseln war ich immer voller Vorfreude. Die Ungewissheit, was kommen wird, übt einen angenehmen Reiz und eine grosse Faszination auf mich aus. Natürlich: Ich musste mich auch überwinden, schliesslich habe ich meine Komfortzone verlassen, bin vom Bielersee nach Walzenhausen, weiter nach Wetzikon und nun nach Bern gezogen. Das hat jeweils mein ganzes Umfeld – Mitbewohner, Kirche etc. – total verändert. Doch die Vorfreude war immer grösser als die Bedenken.
 
Wie hat Ihr Umfeld auf die Veränderungen reagiert?
Zum Teil irritiert, einige Leute hatten ein «geografisches Unverständnis» und konnten nicht nachvollziehen, dass ich einfach so meine Heimat aufgebe und wegziehe. Die meisten haben mich aber ermutigt, meine Leidenschaften zu entdecken.
 
Welche Gefühle hatten Sie nach einem Neuanfang?
Ich habe keine dieser Stationen je bereut. Ich erlebte und erlebe es auch heute, dass sich Veränderungen lohnen. Viele Erfahrungen konnte ich mitnehmen und am neuen Ort einbringen.
 
Spornt Sie das an für weitere Veränderungen in Ihrem Leben?
Auf jeden Fall! Schliesslich habe ich rückblickend nur gute Erfahrungen gemacht. Ich möchte nicht behaupten, dass Neuanfänge immer einfach sind und ich möchte bestimmt nicht weiter jährlich Wohnort und Berufsfeld wechseln. Ich überlege mir im Moment sehr genau, ob ich ein Studium in Chur wirklich anfangen soll oder nicht. Aber als Winzersohn habe ich schon früh begriffen: Die Rebe musst du im Winter total zurückschneiden, nur so kann im Sommer noch besserer Wein entstehen. Mit Veränderungen im Leben ist es ähnlich: Es ist immer etwas noch Besseres und Grösseres daraus gewachsen!

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