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Wie können wir einander das Wasser besser reichen?

Von Marc Jost

Die Verfügbarkeit von Wasser prägt die Geschichte der Menschheit. Wegen dieses lebensnotwendigen Guts kam es immer wieder zu Streit, Kampf und Kriegen. Zwar besteht über 70 Prozent der Erdoberfläche aus Wasser, doch nur 1 Prozent des Wassers unserer Erde ist für die Menschen zugänglich und geniessbar.

Der Wecker klingelt. Max ist ein Frühaufsteher. Um sechs steht er unter der Dusche. Seine Freunde nennen ihn keinen Warmduscher, aber so ganz kalt strömt das Wasser doch nicht aus der Brause. Nach Rasur und Morgentoilette wartet ein feiner, frisch gebrauter Kaffee auf ihn, ein Orangensaft und frisches Brot. Wenn Max nach dem Zähneputzen im Bus Richtung Büro sitzt, hat er ungefähr 100 Liter sichtbares Wasser verbraucht (bis am Ende des Tages werden es über 160 Liter sein). Für ihn als Schweizer ist es mehr als selbstverständlich, dass stets Wasser fliesst und in jeder beliebigen Temperatur vorhanden ist. Wasser ist schlicht immer verfügbar im Wasserschloss Europas.
 
Was Max nicht weiss: Indirekt verbraucht er während eines Tages 4200 Liter «virtuelles» Wasser und 82 Prozent1davon stammen nicht aus der Schweiz. Allein seine Tasse Kaffee benötigt nicht einfach einen Deziliter, sondern 140 Liter Wasser, bis sie für Max aus der Kaffeemaschine strömt.
 
Wasser im Tschad
Zur gleichen Zeit einige Tausend Kilometer südlich in einem kleinen Dorf im Tschad: Achta wird vom Schrei eines Hahns geweckt. Es wird schon bald hell. Sie steht von ihrer Strohmatte auf. Wie jeden Morgen muss Achta als erstes zum Brunnen. Ein rund fünfminütiger Fussmarsch bringt sie dorthin. Sie nimmt einen Plastikkanister mit, den sie für ihre Mutter füllen soll. Zudem wäscht sie sich kurz das Gesicht. Sie hat den Auftrag, jeden Morgen, bevor sie zur Schule geht, für ihre Familie Wasser zu holen. Sie trägt den Kanister auf dem Kopf heim zur Hütte. Das Wasser braucht die Familie vor allem fürs Kochen und Waschen, sie benötigt dazu am Tag etwa 20 Liter pro Kopf. In der Region, wo Achta wohnt, regnet es in der Trockenzeit während sechs Monaten sozusagen nicht. Wasser ist deshalb ein äusserst kostbares Gut. Was Achta nicht weiss: Seit in ihrem Dorf ein Brunnen steht, gehört sie zu jenen neun von zehn Menschen, die heute Zugang zu sauberem Trinkwasser haben.
 
Wasser ist Macht und provoziert Konflikte
Die unterschiedliche Verfügbarkeit und Erschliessung von Wasser prägt die Menschheit und ihre Geschichte. Immer wieder kam es wegen des so kostbaren, lebensnotwendigen Guts zu Streit, Konflikten oder auch Kriegen. Es sind Gesetze zur Nutzung entstanden. Ländergrenzen verlaufen nicht zuletzt wegen Wasserressourcen so, wie sie heute bestehen. Und wirtschaftlicher Erfolg einer Region und damit auch die Machtausübung der betreffenden Personen ist wesentlich vom Wasservorkommen, ja sogar von schiffbaren Wasserwegen abhängig.
 
Gerade die Tatsache, dass Trinkwasser ein Menschenrecht ist und zugleich aber immer mehr Quellen in den Besitz von grossen Firmen übergehen, welche das Wasser teuer verkaufen, führt auch aktuell zu Spannungen, Debatten und Konflikten. Muss das so sein, wenn doch über 70 Prozent der Erdoberfläche aus Wasser besteht? Dieser vermeintliche Überfluss täuscht: Nur 1 Prozent des Wassers unserer Erde ist für den Menschen zugänglich und geniessbar.
 
Wasser als Produktionsfaktor für Nahrungsmittel und Energie
Der grösste Teil der Wasserressourcen setzt der Mensch in der Landwirtschaft ein. Die Herausforderung dabei ist heute der stets steigende Bedarf, weil sich zum Beispiel immer mehr Menschen auch von Fleisch ernähren (Produktion von Fleisch braucht etwa fünfmal so viel Wasser wie Brot). Wasser ist aber auch ein grosser Energieträger. 15 Prozent der weltweiten Stromerzeugung geschieht durch Wasserkraft. Wasser ist damit die bedeutendste erneuerbare Energiequelle und hat das Potenzial noch dreimal intensiver genutzt zu werden.
 
Auch die Bedeutung des Wassers bei den sanitären Anlagen darf nicht vergessen werden. Leider haben aber nach wie vor 2,6 Milliarden Menschen kein WC – was ein bedeutender Faktor zur Vermeidung von Durchfallerkrankungen ist. So fliessen heute auch noch 80 Prozent des Abwassers ungereinigt in Flüsse, Seen und das Meer, was erhebliche Auswirkungen auf die Ökosysteme hat.
 
Je grösser der Durst, umso besser das Wasser
Wer auf einer langen Wanderung in den Bergen einmal zu wenig Wasser dabei hatte und länger als gewöhnlich auf diese Erfrischung warten musste, weiss aus Erfahrung am eigenen Leib, wie sehr wir Menschen, die wir zu gut 60 Prozent aus Wasser bestehen, auf die Verfügbarkeit von H2O angewiesen sind. Und wie sehr es uns quälen kann, wenn es nicht verfügbar ist.
 
Es ist kaum möglich in einem Artikel wie diesem aufzeigen zu können, wie zentral das Schicksal der Menschheit, ja die Existenz aller Lebewesen und Pflanzen auf unserem Planeten vom Wasser abhängig ist. Und trotzdem: Kein Nahrungsmittel, das nicht ohne Wasser zu dem geworden ist, was uns nährt. Kein Haus, das heute steht, konnte ohne Wasser gebaut werden. Kein Kleidungsstück, das wir heute an unserem Körper tragen, hätten wir erstehen können, wäre da nicht Wasser im Spiel gewesen. Von aller moderner Technologie ganz zu schweigen. Den Wert von Wasser zu überschätzen ist kaum möglich. Aber es geschieht meist dort, wo es im Überfluss vorhanden ist.
 
Wasserjahr 2013
Um den Zugang zu sauberem Trinkwasser sowie den Energieträger Wasser und die Gesundheit durch Hygiene zu stärken, hat die UNO das Jahr 2013 zum Jahr des «Wassers und der Zusammenarbeit» bestimmt. Aus der Überzeugung, dass gerade durch die Zusammenarbeit die Herausforderungen mit dem Wasser besser gemeistert werden können, soll im Verlauf des Jahres immer wieder auf gute Beispiele der Zusammenarbeit im Bereich Wasser hingewiesen werden.
 
Wasser in der Bibel
Von der Trennung der Wasser bei der Schöpfung über die Sintflut bis hin zum Durchzug des Roten Meeres durch Moses und das Volk Israel sind bereits die ersten Bücher der Bibel geprägt von Ereignissen rund ums Wasser. Es folgen Wasserknappheiten und Hungersnöte, Wasserwunde und Meeresstürme und im Neuen Testament schliesslich ist gerade die Wassertaufe ein Schlüsselereignis, welches das Kommen des Reiches Gottes eindrücklich ankündigt.
 
Ganz bestimmt nicht Wasser im Überfluss hatten jene zwölf Männer, die vor 2000 Jahren mit Jesus unterwegs waren und in der Mittagshitze in das Dorf Sychar in Samaria kamen (Johannesevangelium 4. Kapitel). Nachdem sich die Jünger zur Dorfmitte begeben, bleibt Jesus ausserhalb beim Brunnen und bittet eine Frau, dass sie ihm Wasser schöpfen möge. Und in dem eindrücklichen Gespräch, das nachher folgt, weist Jesus darauf hin, dass es noch ein weit kostbareres Wasser gibt als jenes aus dem Brunnen. Verständlich, dass die Frau nicht versteht. Aber Schritt für Schritt erklärt ihr Jesus, wie es um das lebendige Wasser steht, das nicht mehr durstig macht: Gott stillt durch das Senden seines Sohnes Jesus den Durst der Menschen nach Gott, nach Gerechtigkeit und nach Frieden ein für alle Mal. Er verkörpert sozusagen das Quellwasser, den Durstlöscher in Person.
 
Mit geistlicher Motivation Trinkwasser ermöglichen
Das bedeutet jedoch nicht, dass Gott sich nicht auch um die irdischen Bedürfnisse des Menschen kümmern würde. Oftmals sind gerade Menschen, die ihren Gottesdurst gestillt bekamen, sehr engagiert an der Arbeit, dass zum Beispiel Wasserarmut bekämpft wird und mehr Menschen sanitäre Einrichtungen erhalten. So gibt es heute Hilfswerke, die sich geradezu spezialisiert haben in den Bereichen Wasser, sanitäre Anlagen und Hygiene. Christen in solchen Projekten ist es ein besonderes Anliegen, dass sowohl dem körperlichen wie auch dem spirituellen Durst begegnet werden kann. So könnte man sagen, dass ihnen daran liegt, den Durst ganzheitlich und umfassend zu stillen.
 
Ob ich genug Wasser für meinen Alltag habe, hängt mit dem Glück und der Gnade zusammen, wo ich geboren wurde. Es ist ein grosser Unterschied, ob ich im Wasserschloss Schweiz oder im wüstenähnlichen Tschad lebe. Wie gut, dass es mit dem geistlichen Quellwasser so ganz anders ist: Es sprudelt überall für uns, wenn wir nur die Hände hinhalten und davon trinken. Dann hat die geistliche Wasserknappheit für immer ein Ende.

Zur Person
Marc Jost, 39, verheiratet, vier Kinder, wohnhaft in Thun, Generalsekretär der Schweizerischen Evangelischen Allianz (Bereich Gesellschaft und nationale Koordination), Geschäftsführer des Hilfswerk-verbandes Interaction und Grossrat im Kanton Bern. www.marc-jost.ch

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