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Wie finde ich Gott | (c) 123rf

Sehnsucht nach dem «Etwas»

Von Christian Ringli

«Gott ist aus der Kirche ausgetreten.» Mit dieser Schlagzeile drückte Hanns Dieter Hüsch in den Achtzigerjahren seine Wahrnehmung aus, dass sich die Kirche und die Spiritualität in der westlichen Gesellschaft auseinandergelebt hätten.

«Wir, die Kirche, haben Gott, dem Herrn, in aller Freundschaft nahe gelegt, doch das Weite aufzusuchen, aus der Kirche auszutreten, und gleich alles mitzunehmen, was die Kirche schon immer gestört hat», fuhr Hüsch in ironischem Ton fort. Auch heute, rund dreissig Jahre nach Hüschs Beitrag, schreitet dieses Auseinanderleben munter voran: Die Kirchenaustritte und damit der Anteil der Kirchendistanzierten nehmen weiter zu. Nicht einmal jede fünfte Schweizerin oder jeder Schweizer nimmt regelmässig am Programm einer Kirche teil. Interessanterweise bezeichnet sich aber immer noch über die Hälfte der Bewohner unseres Landes als «mittel, ziemlich oder sehr religiös». Es gibt somit eine wachsende Zahl von Menschen, die schon «irgendwie an Gott glauben», sich aber mit ihrem Glauben in der Institution Kirche nicht am richtigen Ort fühlen.

Gegenseitige Vorwürfe
Wie beim Auseinanderleben von zwei Menschen sind auch Gesellschaft und Kirche schnell dazu geneigt, dem Gegenüber Vorwürfe zu machen. Der Kirche wird angelastet, veraltet und weltfremd sowie strukturell verkrustet und träge zu sein. Sie wolle mit ihren Dogmen und Lehren den Menschen vorschreiben, was sie zu glauben und tun hätten, und sei nur auf die Erhaltung oder Wiedergewinnung ihrer einstigen Macht bedacht, ohne selbst zu leben, was sie von anderen verlangt. Entsprechend oft wird in zeitgenössischen Filmen der Pfarrer entweder als dilettantischer Depp oder als hinterhältiger Heuchler dargestellt.

Andersherum stöhnt man in kirchlichen Kreisen über die Ich-Bezogenheit der Gesellschaft, die sich nur um das eigene Glück drehe und sich weder für die Not des Nächsten noch für Inhalte interessiere, welche einem nicht einen Sofortgewinn verheissen. Ausserdem hätte die Frage nach Wahrheit auf dem postmodernen Markt eine tiefschürfende Rufschädigung erlitten: Statt nach einer allgemeinen Wahrheit zu fragen, wie es der Glaube bis vor Kurzem noch zu tun pflegte, begebe man sich heute lieber in den gemütlich eingerichteten Hobbyraum und klebe sich dort seinen eigens entworfenen Wahrheitsbastelbogen zusammen.

Paartherapeuten wissen aus Erfahrung, dass es selten hilft, wenn sich die Partner ihre gegenseitigen Vorwürfe gehässig an den Kopf werfen. Andererseits bringt es sie auch nicht näher zusammen, wenn sie sich eisig anschweigen und jeder seines Weges zieht. Vielmehr wäre es auch bei der in Konflikt geratenen Beziehung zwischen der Institution Kirche und der individualistischen Gottessuche des 21. Jahrhunderts das Ziel, die beiden Seiten in ein konstruktives Gespräch zu bringen.

Vier Echos
Warum eigentlich sucht ein beachtlicher Anteil der Menschen auch in einer säkularisierten, kirchenkritischen Welt weiterhin nach Gott oder – weniger religiös ausgedrückt – einem höheren «Etwas»? Tom Wright, ein anglikanischer Bischof und Dozent in England, hört vier «Echos» in Form von Sehnsüchten, die durch unser Leben hallen und uns hellhörig dafür machen, dass es da etwas geben könnte, das grösser ist, als wir selbst.
1. Sehnsucht nach Gerechtigkeit: Der Wunsch, dass diese Welt und alles, was in ihr schief läuft, wieder ins Lot gebracht wird.
2. Sehnsucht nach Spiritualität: Ein undefinierbarer Durst nach einem tieferen Sinn und Grund im Leben.
3. Wunsch nach gelingenden Beziehungen: Das Spüren, dass in einer echten Freundoder Partnerschaft mehr steckt als eine blosse Zweckgemeinschaft, aus der im besten Fall jeder seine Vorteile zieht.
4. Staunen über Schönes und Gutes: Die Kraft der Musik, die Schönheit der Natur oder das unerklärliche Wunder, wenn sich ein Mensch in aufopfernder Selbsthingabe für einen anderen einsetzt – bei all dem hallt ein Klang durch unsere Adern, der auf etwas Höheres als eine Welt aus Zufall und Willkür verweist.
Solche Echos – und es gibt bestimmt noch mehr davon – bringen Menschen immer wieder dazu, nach einem «Etwas» zu suchen, von dem diese wiederhallenden Sehnsüchte zeugen.

Gott als Spiegelbild unserer Wünsche
Unklarer wird es, wenn es darum geht, wo man denn nach dieser Quelle, dem Ursprung dieser Echos suchen soll. «Nicht in der Kirche!», meint Hanns Dieter Hüsch und sieht das als Befreiung Gottes an. Aber wo dann? Wenn Hüsch Eigenschaften Gottes aufzählt wie «wolkenlose Musikalität», «Leichtigkeit», «Heiterkeit und Komik» oder ein «Harmoniekonzept bis zur Meinungslosigkeit », muss er sich zumindest fragen lassen, wie er auf diese Eigenschaften kommt. Woher wissen wir denn, woher weiss Hüsch, wie Gott ist? Hier taucht eine Schwierigkeit auf, die uns bei der Frage nach Gott ständig begleitet und auf die der Philosoph Ludwig Feuerbach hingewiesen hat: Menschen neigen dazu, sich dieses höhere Etwas so vorzustellen, wie sie es gerne hätten: Weil ich mir Toleranz wünsche, muss Gott tolerant sein. Wenn ich für harte Strafen bin, muss Gott ein taffer Richter sein. Gott wird zum blassen Spiegelbild unserer Wünsche. Entsprechend oft scheinen einem die Gottesbilder vergangener Zeiten verdächtig nahe am jeweiligen Zeitgeist zu kleben – bis hin zum erschreckenden Versuch der Reichskirche, Jesus die jüdischen Wurzeln abzusprechen und als Arier auszuweisen.

Wer jetzt denkt, dass man deshalb am besten an gar keinen Gott glaubt, schützt sich damit noch lange nicht vor diesem Phänomen – im Gegenteil: Der Glaube, dass es keinen Gott gibt, kann genau so sehr von meinen Wünschen geleitet sein: Niemand, der einem dreinredet. Niemand, der einem die Bühne der Aufmerksamkeit streitig macht. Selbst die Alternative, die Frage einfach offen zu lassen, stellt eine wenig befriedigende Antwort dar. Irgendwie muss man ja leben und Entscheidungen treffen. Die Illusion einer neutralen Weltanschauung gleicht dem Versuch, an einer Strassenkreuzung stehen zu bleiben, statt einen Weg einzuschlagen.

Wenn es also darum geht, die Quelle dieser Echos zu suchen, die uns ahnen lassen, dass es da «Etwas» geben muss, stehen wir vor einem Dilemma: Auf der einen Seite sind wir zu Recht sehr kritisch geworden gegenüber Stimmen von aussen, die uns sagen wollen, wer, was oder wie dieses Etwas ist – sei es die Stimme der Kirche oder eine andere. Auf der anderen Seite liegt es gerade in der Natur der Sache, dass dieses Etwas von aussen her zu uns kommen muss. Wir können es nicht selbst entwerfen, denn sonst entsteht bloss ein aus unseren Wünschen selbstgebastelter Gott, der uns gerade in Zeiten der Not ebenso wenig Halt geben kann wie Münchhausens Versuch, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen.

Eine Stimme von aussen ...
Gerade der christliche Glaube hat sich deshalb von Anfang an dadurch ausgezeichnet, dass er einer Begegnung mit einer Stimme von aussen und nicht nur der eigenen inneren Stimme entspringt. Menschen sind Jesus begegnet, haben sich auf ihn eingelassen und ihm vertraut, weil sie spürten: Hier ist Gottes Kraft am Werk. Dabei war Jesus nicht immer nur zimperlich und bedürfnisorientiert. Zwar hat er sich der Nöte der Armen, Kranken und Benachteiligten angenommen, aber er hat sich stets geweigert, nur durch das Stillen der Bedürfnisse definiert oder zur Projektionsfläche ihrer Wünsche zu werden. Vielmehr hat er die Menschen auch zur Nachfolge herausgefordert und sie zu einem Auftrag berufen. Einmal hielt er eine Rede, die viele, die sich für ihn interessierten, abschreckte. Offenbar war die Aufrechterhaltung der «Mitgliederzahlen» nicht sein oberstes Ziel. So kann ich, wenn es mir ernst ist mit meiner Suche nach Gott, auch von der Kirche nicht erwarten, dass sie sich aufgrund der sinkenden Mitgliederzahlen zur Hätschel-Oase macht, die es mir möglichst recht machen will. Ich brauche einen Ort, wo ich der «Stimme von aussen» begegnen kann, sei es nur schon mal der Stimme des Nachbarn, an welcher ich die Wahrhaftigkeit meiner eigenen Spiritualität prüfen kann. Das ist unbequem und läuft dem zeitgeistigen Leitsatz zuwider, der da heisst: «Religion ist Privatsache: Ich lass dich in Ruhe, und du lässt mich in Ruhe.» Rick Warren beginnt seinen Bestseller «Leben mit Vision» mit dem bemerkenswerten Satz: «Es geht nicht um Sie!» Wenn ich der Kirche nur deshalb fernbleibe, weil es dort nicht um mich geht und ich Menschen begegnen muss, die mich mit ihrer Andersartigkeit und ihrer Auffassung von Gott aufregen und hinterfragen, ist es wohl nicht weit her mit meiner Spiritualität.

... ergänzt durch die Stimme von innen
Es kann aber auch nicht die Lösung sein, sich hinter den Kirchenmauern und -tradi- tionen zu verstecken, um auf bessere Zeiten zu hoffen. Die Bibel selbst berichtet davon, wie die Israeliten ständig dazu neigten, sich auf Institutionen zu verlassen – den Tempel, die Bundeslade, das Land etc. – anstatt Gott mit ganzem Herzen zu suchen. Dies wurde von den Propheten immer wieder scharf kritisiert. Davon muss auch ich mich als Mitglied einer Kirche immer wieder herausfordern lassen: Die Gefahr schlummert in mir, die Kirche zum warmen Nest machen zu wollen. Anstatt auf der Suche und in Bewegung zu bleiben, wickeln wir uns wohlig in uns vertraute Formen ein und wollen uns nicht stören lassen. Die erwähnten Echos – die Sehnsucht nach mehr Gerechtigkeit, lebendiger Spiritualität, gelingenden eziehungen, Schönheit etc. – wollen ernst genommen werden und Raum zur Entfaltung finden. Denn, wenn wir diese inneren Stimmen durch klare Strukturen, Ordnungen oder Dogmen zu unterdrücken versuchen, wird kaum etwas Gesundes wachsen können.

Bei einer ernsthaften Suche nach dem «Etwas» kommen die Echos von innen und die Stimmen von aussen zusammen und bilden ein stimmiges Ganzes. Wenn das gelingt, wird die Spurensuche nach Gott weder vom streitsüchtigen Ton der Rechthaberei noch vom höflichen Schweigen über eine nicht diskutierbare Privatsache dominiert werden. Vielmehr entsteht ein offener, suchender Austausch darüber, warum wir was glauben und wie sich das in unserem Leben niederschlägt. Überall, wo das geschieht, werden wir dem «Etwas» näher auf die Spur kommen. Wo Kirche und Spiritualität so zusammenfinden, fängt eine spannende Reise an, die in den Schlusssatz Hanns Dieter Hüschs Sketch einstimmt: «Kommt, wir suchen ihn!» Zu dieser Reise, dieser Suche gibt es in der Bibel ein Versprechen Gottes: «Wer Gott von ganzem Herzen sucht, wird ihn finden.» (Jeremia 29,13–14)


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