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Die Würde des Menschen

Grossvater mit Enkel
Alle Generationen haben ihre Würde, von Babys zu Senioren | (c) 123rf
20.01.2020
Vom würdigen Umgang mit uns und anderen
 
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Von Sabine Brändlin

«Die Würde des Menschen ist zu achten und zu schätzen», steht in der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Doch was heisst «Würde» genau – und was hat das mit uns zu tun? Unsere Autorin «übersetzt» den Begriff mitten ins Leben und zeigt auf, wie wir würdevoll mit uns und mit unseren Mitmenschen umgehen können.

Sie wurden in Güterwagen tagelang quer durch Europa gefahren. Die Ersten starben schon während dieser Reise. Bei ihrer Ankunft wurden die Kräftigen aussortiert. Alle anderen gleich vergast. Jene, die als Arbeitskräfte eingesetzt wurden, erhielten eine Nummer auf den Arm tätowiert, sie wurden kahlgeschoren und erhielten alle dieselbe gestreifte Kleidung. Die Winkel auf der Jacke zeigten den Grund der Inhaftierung: Sinti und Roma waren am braunen Dreieck, homosexuelle Männer am rosa Dreieck und Jüdinnen und Juden an den beiden gelben Dreiecken, die zusammen einen Davidstern bildeten, erkennbar.

Die Vernichtung von Menschen in den Konzentrationslagern des Nationalsozialismus ist Inbegriff einer Ideologie, die Menschen ihrer Würde beraubt. Die KZ-Häftlinge hatten keinen Namen mehr, sondern waren eine Nummer. Mit der Rasur der Haare wurde versucht, ihnen ihre Individualität zu nehmen. Die Dreiecke zeigten, weswegen sie im Konzentrationslager waren. Die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe machte sie zu minderwertigen Menschen, zu Ungeziefer, das für die Rassenhygiene ausgemerzt und vernichtet werden musste.

Die Konzentrationslager der Nationalsozialisten waren nach dem Zweiten Weltkrieg Grund für die Formulierung der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948, die in Artikel 1 mit folgender Bestimmung beginnt: «Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.» In Artikel 2 ist formuliert: «Jeder hat Anspruch auf die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.» Diese Erklärung spricht allen Menschen die gleiche Würde und die gleichen Rechte zu – unabhängig von irgendwelchen Merkmalen oder Unterschieden. Damit wurde versucht, einer Ideologie den Riegel zu schieben, die Menschen wegen ihrer Merkmale zu Personen zweiter Klasse macht. Der Schrecken des Zweiten Weltkrieges war zwar Anlass für die Erklärung der Menschenrechte. Die Menschenrechte haben jedoch weit zurückreichende Wurzeln im Judentum und Christentum, in Antike und Aufklärung. Christliche Grundlage der Menschenwürde ist die Gottebenbildlichkeit des Menschen, aus der eine fundamentale Gleichheit aller Menschen und ihre besondere Würde resultiert. Wenn jeder Mensch Abbild von Gottes Herrlichkeit ist, gebührt jedem Mensch Achtung und Respekt. Eine Verletzung der Menschenwürde verletzt gleichzeitig Gott als Schöpfer dieses einmaligen Menschen.

Die Vernichtungslager der Nationalsozialisten sind Vergangenheit. Heute sind es andere Orte, wo Menschen ihrer Würde beraubt werden. Vor einiger Zeit wurde bekannt, dass China Hunderttausende Uiguren, eine islamische Minderheit in China, in Umerziehungslagern inhaftiert und sie zu zwingen versucht, ihre Religion, Kultur und Sprache abzulegen. Wer sich der Umerziehung verweigert, wird geschlagen und gefoltert. Mit derselben Härte geht China auch gegen Christinnen und Christen vor: Viele Mitglieder protestantischer Hauskirchen und katholischer Untergrundkirchen landen im Gefängnis und werden brutal gefoltert. Die Verfolgung religiöser Minderheiten ist selbstverständlich nicht nur in China traurige Praxis, sondern auch in vielen anderen Ländern. In China geschieht sie jedoch in unvorstellbaren Dimensionen und mit einer Systematik, die erschaudern lässt.

Wir in der Schweiz leben in einem Land, in dem wir vor solchen Grausamkeiten verschont sind. Umso entschlossener kann deshalb unsere Unterstützung für die Menschen an anderen Orten der Welt sein, wo die Würde von Menschen mit Füssen getreten wird. Gleichzeitig soll unser Blick geschärft werden, wo wir uns in unserem Alltag für die Würde der Menschen stark machen können. Drei Beispiele dazu:

Beispiel 1: Mobbing – online und offline
Vor einigen Jahren wurde ich durch einen Pfarrkollegen aus dem Ausland, der sich an einer Konferenz in mich verliebt hatte, per Mail belästigt. Mehrmals täglich landeten seine Anzüglichkeiten in meiner Mailbox. Ich forderte ihn in aller Klarheit auf, mir nicht mehr zu schreiben. Er missachtete diese Aufforderung. Nach einigen Wochen dauernder Belästigung konnte ich den Computer kaum mehr einschalten ohne zu zittern. Es brauchte die Hilfe eines Computerspezialisten, der diesem Pfarrer ein für alle Mal den digitalen Riegel geschoben hatte.

Diese eigene Erfahrung ist bei mir präsent, wenn ich heute von Cybermobbing lese und aus dem Umfeld unserer Kinder davon höre. Wenn Kinder und Jugendliche in den sozialen Netzen beleidigt, beschämt oder belästigt werden, kann dies Schlaf- oder Essstörungen, Depression oder Suizid zur Folge haben. Mobbing geschieht jedoch nicht nur online in der digitalen Welt, sondern meist durch dieselben Täterinnen und Täter auch offline, also im direkten Kontakt im Schulzimmer oder auf dem Pausenplatz.

Mobbing ist jedoch nicht nur in der Schule ein grosses Thema, sondern auch in der Arbeitswelt. Auch hier gehen Online- und Offline-Mobbing oft Hand in Hand. Menschen werden in Sitzungen gedemütigt und erhalten Mails, in denen ihre Arbeit schlechtgemacht wird. Auseinandersetzungen gehören zum normalen Berufsalltag und selbstverständlich dürfen Vorgesetzte Kritik üben. Mobbing unterscheidet sich davon jedoch darin, dass die Würde einer Person gezielt, systematisch und über längere Zeit verletzt wird. Die Folgen für die Betroffenen sind oft dieselben wie bei den Kindern und Jugendlichen. Zudem verbergen sich hinter vielen Burnout-Diagnosen leidvolle Mobbingsituationen.

Beispiel 2: Sexuelle Gewalt
Eine Verletzung der Würde eines Menschen liegt auch dann vor, wenn ein Mensch für die Befriedigung eigener Bedürfnisse missbraucht wird. Eine leider häufige Form der Instrumentalisierung anderer Menschen ist die sexuelle Gewalt, sei dies in der Familie, in Institutionen oder Vereinen oder im Krieg. Bei den Opfern handelt es sich meist um Kinder und Frauen. Für Knaben und Männer, denen sexuelle Gewalt widerfährt, kann es deshalb noch viel schwieriger sein, jemanden zu finden, der ihnen glaubt, weil sie bei vielen Menschen als mögliche Opfer nicht im Bewusstsein sind.

Alle Opfer von sexueller Gewalt brauchen jedoch jemanden, der ihnen glaubt und der alles unternimmt, um die Gewalt zu stoppen. Sexuelle Gewalt verletzt die Würde einer Person und schädigt vor allem Kinder in tiefster Weise. Deshalb braucht es oftmals viele Jahre, bis diese Betroffenen Heilung erfahren können und ihre Würde wiederhergestellt ist. Genauso zentral ist die Achtung der Würde von angeschuldigten Personen. Es muss alles unternommen werden, um Vorverurteilungen zu verhindern, da eine Anschuldigung wegen sexueller Gewalt eine wirtschaftliche Existenz und das soziale Ansehen eines Menschen vernichten kann.

Beispiel 3: Gesichtsverhüllung der Frau im Islam
Im Jahr 2017 hat das Egerkinger Komitee die Verhüllungsinitiative lanciert, die voraussichtlich in diesem Jahr zur Abstimmung gelangen wird. Die Initiative will, dass in der Bundesverfassung festgelegt wird, dass die Verhüllung des Gesichts im öffentlichen Raum künftig verboten werden soll. Die Verhüllungsinitiative richtet sich gegen die Gesichtsverhüllung von muslimischen Frauen durch Burka und Nikab. Die Burka wird bereits in vorislamischer Zeit als Gewand von Beduinen auf der arabischen Halbinsel nachgewiesen, das vor Sand, Hitze und Insekten schützen soll. Das Gewand war dann während langer Zeit nur in einzelnen Stämmen ein Gewand für Frauen. Vor einigen Jahrzehnten wurde die Gesichtsverhüllung der Frau von Salafisten wieder aufgegriffen. Die Salafisten sind eine Strömung im Islam, die eine radikale und fundamentalistische Interpretation des Islams verfolgt. Diese islamische Gruppierung versucht das Tragen der Burka zu verbreiten, weil der Körper der Frau die sexuelle Begierde von Männern erregen könne.

Der Rat des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK hat zur Verhüllungsinitiative verschiedene Botschaften verabschiedet. Eine Botschaft lautet: «Die Religionsfreiheit wird verkehrt, wo sie Menschen entwürdigt und ihnen grundlegende Rechte verweigert.» Ein Missbrauch der Religionsfreiheit liegt demnach dann vor, wenn sie zur Rechtfertigung religiöser Überzeugungen und Praktiken benutzt wird, die die Menschenwürde verletzen. Mit der Idee der Menschenwürde kaum zu vermitteln sind sexualmoralische Begründungen für die Verhüllung, weil sie die Frauen ausschliesslich als Objekte des männlichen Begehrens wahrnehmen, die es zu kontrollieren gilt. Der interreligiöse Dialog ist für den Kirchenbund eine Selbstverständlichkeit und die Anerkennung der verschiedenen Religionsgemeinschaften, die daran teilnehmen, von grosser Wichtigkeit. Zu diesem Dialog gehört Wertschätzung und Klarheit. Deshalb bringt sich der Kirchenbund in aller Klarheit als evangelische Kirche in diese Debatte ein und erhebt seine Stimme, wenn die Menschenwürde als gefährdet erachtet wird.

Gottes Vision
Wir Christinnen und Christen sind überzeugt, dass Gott eine Vision für unsere Welt hat und diese dahingehend verändern will: Er will sein Reich, das in Jesus Christus angebrochen und uns verheissen ist, Wirklichkeit werden lassen. Diese paradiesischen Zustände sollen für uns heute real werden. Und durch Jesus Christus hat er damit bereits einen Anfang gemacht. Wir sind davon überzeugt, dass Gott seine Vision von alleine in unserer Welt wachsen lässt, aber auch dass wir Menschen unseren persönlichen Beitrag zu diesem Wachstum beisteuern können. Jesus hat uns in seinem Leben gezeigt, wie diese veränderte Welt aussieht: es ist eine Welt, in der jeder einzelne Mensch gesehen und wertgeschätzt wird, eine Welt, in der jedem einzelnen Menschen dieselbe Würde zukommt – ungeachtet des sozialen Standes, der Herkunft oder des Geschlechts. Jesus hat Menschen ihre Würde zurückgegeben, er hat sich Ausgegrenzten zugewandt, er hat ihre Not gesehen, mit ihnen gegessen und sie geheilt.

Als Christinnen und Christen sind wir dazu aufgerufen, es Jesus gleich zu tun und die Menschen zu sehen, deren Würde verletzt wurde, sie aufzurichten und ihnen ihre Würde zurückzugeben. Wir können dies als Eltern oder Lehrerinnen und Lehrer bei Mobbingsituationen in der Schule tun. Es braucht unseren Mut, Mobbing anzusprechen und die nötigen Schritte zu unternehmen, damit die Mobbingdynamik gestoppt werden kann. In der Berufswelt sind wir als Kolleginnen und Kollegen oder als Führungskräfte gefragt. Mobbing soll entlarvt und Opfer sollen unterstützt werden. Ein würdevoller Umgang mit Mitarbeitenden kann sich auch durch einen christlichen Führungsstil auszeichnen, in dem Kritik nicht demütigt und Wertschätzung echt ist, in dem Menschen in ihren Talenten gefördert werden und nicht mit dem drangsaliert werden, wozu sie nicht fähig sind.

Wenn wir etwas zur Vision Gottes für diese Welt beitragen möchten, kann unser Einsatz für die Wahrung der Menschenwürde eine grosse Rolle spielen. Sei dies dort, wo die Menschenwürde im ganz Grossen missachtet und verletzt wird, sei dies jedoch auch im Kleinen unseres Alltags. Wir können Kinder davor schützen, von Verwandten geküsst zu werden, deren Küsse sie nicht wollen. Wir können die Bedürfnisse unserer Partnerin, unseres Partners respektieren, indem wir auf Geschlechtsverkehr verzichten, wenn sie oder er nicht will, wir aber grösste Lust haben. Wir können Opfer von psychischer, physischer oder sexueller Gewalt unterstützen, ihnen Achtung entgegenbringen und sie erleben lassen, dass ihre Grenzen respektiert werden.

Andere Menschen sind nicht auf der Welt, um unseren Wünschen und Bedürfnissen zu entsprechen. Sie sind auf der Welt, weil Gott sie geschaffen hat, als seine geliebten und unverwechselbaren Töchter und Söhne. In ihnen zeigt sich Gottes Schöpfungswille. Wenn wir einander mit Respekt und Achtung begegnen, zeigt sich darin immer auch unsere Demut vor Gott und seiner Schöpfung.

 

Zur Person: Sabine Brändlin

reformierte Pfarrerin, Liestal, Ratsmitglied der Evangelischreformierten Kirche Schweiz EKS, zuständig für die Ratsressorts der Kirchenentwicklung und der Liturgie.

( © Online-Redaktion ERF Medien)
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